Politik

30 Jahre Mauerfall Der geheimste Ort der DDR

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Politische Gefangene wurden hier von der Stasi oft monatelang verhört und psychologisch gefoltert.

(Foto: Clara Pfeffer)

Zu DDR-Zeiten durfte kein normaler Bürger den riesigen Sperrbezirk in Berlin-Hohenschönhausen betreten. Und auch wenn die Untersuchungshaftanstalt heute eine Gedenkstätte ist, sind noch lange nicht alle Geheimnisse darum gelüftet.

Vor der Tür mit der Nummer 119 hält Michael Bradler kurz inne: Das war seine Zelle. Und die Nummer 119 war sein Name. Alle Insassen des Stasi-Gefängnisses wurden nur mit ihrer Nummer angesprochen. Die Häftlinge sollten nicht wissen, wer noch inhaftiert war - man hätte sich ja kennen können - und außerdem wurden sie so bewusst entpersonalisiert. Nur eine der vielen psychologischen Methoden, mit denen die Gefangenen der DDR-Diktatur gefoltert wurden.

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Michael Bradler, 1961 in Berlin geboren, wurde 1982 als politischer Straftäter verhaftet.

(Foto: Clara Pfeffer)

Dass Bradler das alles selbst erlebt hat, merkt man ihm kaum an. Die Besucher, die er heute regelmäßig durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen führt, hören ihm trotzdem gebannt zu: Seine Geschichte ist so spannend, dass sie keine emotionale Inszenierung braucht.

Es ist 1982 und Michael Bradler bleibt nur noch wenig Zeit, wenn er die DDR verlassen will. Er soll zum Wehrdienst in die Nationale Volksarmee eingezogen werden. Dann ließe ihn das DDR-Regime nicht mehr gehen, "man war ja dann Träger von geheimen Militärinformationen", erklärt Bradler. Sieben erfolglose Ausreiseanträge hat er zu diesem Zeitpunkt schon gestellt. Er ist jung, gesund und gut ausgebildet. Das Land kann es sich nicht leisten, solche Bürger ziehen zu lassen. Außerdem ist Bradler in der DDR sogar privilegiert. Sein Vater ist Vizedirektor beim Ministerium für Wissenschaft und Technik und überzeugter Anhänger der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Auch seine Großeltern, bei denen er größtenteils aufwächst, waren Mitglieder der SED.

Die Bundesrepublik kaufte Zehntausende Häftlinge frei

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Das Gefängnis war Teil eines geheimen militärischen Sperrbezirks. Auf Karten von Berlin war es als Leergebiet eingezeichnet.

(Foto: Clara Pfeffer)

Aber Bradlers Entschluss steht fest: Er will in den Westen. Warum, das kann er selbst nur schwer erklären. Als er 16 Jahre alt ist, verlässt sein bester Kumpel, deren Mutter alleinerziehend ist, die DDR. Kurze Zeit später auch Bradlers Großeltern. Sie sind Rentner, ihr Ausreiseantrag wird sofort bewilligt. Bradler darf nicht mit. Bei Besuchen erzählen sie ihm von der Bundesrepublik. Was er hört, passt nicht zu dem, was die Staatspropaganda behauptet. "Das war ein langer Prozess", sagt Bradler, aber der Wunsch, die DDR zu verlassen, wird immer größer. Nach den erfolglosen Ausreiseanträgen darf sein bester Kumpel aus West-Berlin ihn nicht mehr besuchen. Sie treffen sich trotzdem, bei einem Urlaub im heutigen Tschechien.

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Die Sowjets bauten den Keller einer ehemaligen Großküche zu ihrem zentralen Untersuchungsgefängnis um.

(Foto: Clara Pfeffer)

Dass er mit den Ausreiseanträgen keinen Erfolg haben wird, ist ihm jetzt bewusst. Also fasst er einen Entschluss: Er will seine Verhaftung provozieren. Die Bundesrepublik kaufte damals Zehntausende politische Häftlinge aus den Gefängnissen der DDR frei, davon hatte auch Bradler gehört. Der Häftlingsfreikauf war zu diesem Zeitpunkt bereits eine wichtige Einnahmequelle für die bankrotte DDR. Die Bundesregierung nannte dies "besondere Bemühungen im humanitären Bereich" und zahlte insgesamt fast 3,5 Milliarden D-Mark im Tausch für 33.755 politische Häftlinge an die DDR. Wenn man bedenkt, dass es Schätzungen zufolge etwa 200.000 politische Gefangene in der DDR gab, ist das von Bradler hoch gepokert.

Verurteilt wegen Agententätigkeit

Gedenkstätte Hohenschönhausen

Im Mai 1945 beschlagnahmt die sowjetische Besatzungsmacht das Gelände an der Genslerstraße 66. In der ehemaligen Großküche richten die Sowjets ihr zentrales Untersuchungsgefängnis für Deutschland ein. 1951 übernimmt die Stasi das Kellergefängnis und nutzt es von nun an als seine zentrale Untersuchungshaftanstalt. Nach der Wiedervereinigung setzen sich ehemalige Häftlinge dafür ein, an diesem Ort eine Gedenkstätte zu schaffen. Seit 1994 ist die Gedenkstätte für Besucher offen.

Aber diese Zahlen kennt der 20-jährige Bradler nicht. Er geht im Januar 1982 zum Grenzposten an der Sonnenallee und verlangt, auszureisen. Er wird sofort festgenommen. Zwei Mitarbeiter der Staatssicherheit holen ihn ab und bringen ihn an einen Ort, den zu DDR-Zeiten kein normaler Bürger betreten durfte. Der riesige Gefängniskomplex in Hohenschönhausen war die zentrale Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit und Teil eines geheimen Sperrbezirks. Von hier aus lenkte die Stasi die insgesamt 17 Untersuchungsgefängnisse der DDR. Hier wurden die politischen Gefangenen festgehalten, die von der DDR als "kriminelle Straftäter" bezeichnet wurden.

"Wer hier in Untersuchungshaft kam, der war für die Stasi schuldig", dafür wären dann schon die passenden Gesetze geschaffen worden, erzählt Bradler. Normale DDR-Bürger hätten keinen Zugang zu Gesetzestexten gehabt und so konnte man auch kaum wissen, gegen welche Gesetze man verstieß. Bradler wird wegen "Agententätigkeit" verurteilt. Die Begründung: Er hatte seinem besten Kumpel bei dem gemeinsamen Urlaub in Tschechien eine Kopie eines der sieben Ausreiseanträge gegeben. Das reichte, um ihn zu einem Jahr und vier Monaten Haft zu verurteilen. Michael Bradler landete für etwas im Gefängnis, von dem er nicht mal wusste, dass es verboten war.

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1951 übernahm die Stasi das sowjetische Kellergefängnis und nutzte es von nun an als seine zentrale Untersuchungshaftanstalt.

(Foto: Clara Pfeffer)

Genauso wenig wusste er, wo er gefangen gehalten wurde. Dass die Insassen von Hohenschönhausen über den Ort ihrer Haft im Unklaren gelassen wurden, gehörte zu den psychologischen Foltermethoden der Stasi. Systematisch sollte ihnen das Gefühl vermittelt werden, einem allmächtigen Staat ausgeliefert zu sein.

Michael Bradler wird nach seiner Verhaftung mit einem Kleintransporter ohne Fenster quer durch Berlin gefahren. In dem Transporter ist es stockdunkel. Als er endlich anhält und die Tür geöffnet wird, findet sich Bradler in einem grell beleuchteten Raum wieder. Völlig geblendet von dem Licht hat er nicht die geringste Chance, etwas von der Umgebung wahrzunehmen. Anschließend wird er allein durch einen langen Gang bis zu seiner Zelle geführt - es wurde immer genau darauf geachtet, dass sich die Inhaftierten nicht auf den Gängen begegneten. Auf diesem Weg werden die Insassen in das Gefängnis rein- und rausgebracht. Treffen mit dem Anwalt oder der Familie finden an anderen Orten statt. Selbst bei einem Besuch im Krankenhaus, das eigentlich direkt um die Ecke stand, werden die Insassen erst quer durch Berlin gefahren, damit sie nicht wissen, wo sie sich befinden. So von der Außenwelt abgeschnitten, wurden die Insassen oft monatelang festgehalten und verhört, um sie zu belastenden Aussagen zu bewegen.

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Zu den psychologischen Foltermethoden gehörte, dass die Häftlinge monatelang keinen Kontakt zur Außenwelt oder anderen Inhaftierten hatten.

(Foto: Clara Pfeffer)

Sein Vater stellt ihm ein Ultimatum

"Von mir wollten die wissen, warum ich dir DDR verlassen wollte", erzählt Bradler. Fünf Monate lang wird er immer wieder verhört und unter Druck gesetzt. Die Ermittler sind hochprofessionell und haben Bradlers näheres Umfeld genau ausgekundschaftet. Sie erzählen ihm Dinge über seine Freunde und Familie, die er nicht wusste. Damit wollen sie ihn zusätzlich isolieren. "Bis denen als letztes Mittel nur noch mein Vater blieb." Und der stellt ihn vor ein Ultimatum: "Entweder du ziehst deinen Ausreiseantrag zurück oder du bist nicht mehr mein Sohn." Bradler und sein Vater hatten bis dahin eigentlich ein gutes Verhältnis. Trotzdem geht Bradler nicht darauf ein. Danach sind sie wohl überzeugt gewesen, wenn mein Vater mich nicht überreden konnte, dann konnte es keiner". Im Oktober 1982 wird Bradler von der Bundesrepublik freigekauft und zieht nach West-Berlin. Seinen Vater sieht er nie wieder.

Wo er die fünf Monate verbracht hat, wird er erst 16 Jahre später herausfinden. Auch nach dem Mauerfall wurde das Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen noch ein Jahr lang nicht aufgelöst. Schließlich wussten selbst die DDR-Bürger nicht, was dort vor sich ging. "Genug Zeit für die Mitarbeiter, viele Spuren zu beseitigen", sagt Bradler. Erst nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, am 3. Oktober 1990, wird die Untersuchungshaftanstalt geschlossen. Bradler betritt sie acht Jahre später zum zweiten Mal. Zu diesem Zeitpunkt ist sein Sohn zehn Jahre alt und beginnt Fragen zu stellen. "Wie erklärt man einem Zehnjährigen, dass man im Gefängnis landen konnte, ohne ein Verbrecher zu sein?". Michael Bradler arbeitet heute in der Gedenkstätte, damit diese Frage in Zukunft niemand mehr stellen muss. Seine Führung beendet er mit dem klaren Appell: "Ich mache das hier, damit sowas nie mehr auf deutschem Boden passiert".

Quelle: n-tv.de

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