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Mixed Zone der Brexit-Spiele Der zähe Meinungskampf vor dem Unterhaus

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Dieser Demonstrant hat eine klare Meinung zur EU: Leave! (Verlassen!)

(Foto: dpa)

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Wenn das britische Unterhaus zu Abstimmungen über den EU-Austritt zusammenkommt, demonstrieren viele Menschen vor dem Parlamentsgebäude. Der Meinungskampf der verfeindeten Lager mutet mitunter skurril an.

Die Abstimmung im Unterhaus über einen britischen EU-Austritt ohne Abkommen ist fast vorbei, als es plötzlich ruhig wird gegenüber dem Palace of Westminster. Draußen an der Rückseite des imposanten Parlamentsgebäudes haben sich Dutzende Menschen versammelt, um für oder gegen den Brexit zu demonstrieren. Oder für eine Variante dazwischen. Es ist eng auf dem Gehweg, denn dort drängen sich neben den etwa einhundert Demonstranten fast genauso viele Medienvertreter.

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Es ist die außerparlamentarische Mixed Zone der Brexit-Endspielserie, im bei den Briten so populären Fußball, treffen hier Teams und Medienvertreter aufeinander. Dann durchbricht ein Jubel die Ruhe, er kommt aus dem Lager mit den vielen Europaflaggen. Ein echter Überschwang ist bei den meisten Pro-Europäern nicht erkennbar, dafür aber Erleichterung.

"Zu komplex für Ja oder Nein"

"Wir haben diese Bastarde gebumst", entfährt es dem 74-jährigen Bernard und zeigt auf das Parlamentsgebäude, in dem die Abgeordneten soeben mehrheitlich gegen einen ungeordneten Brexit votiert haben. Eine mit mehreren Einkaufsbeuteln bepackte Frau zwängt sich an ihm und den anderen Demonstranten vorbei. Bernard ist erstmals aus dem heimischen Gosport zu den Demonstrationen im etwa 100 Kilometer entfernten London gereist, um sich zur Europäischen Union zu bekennen.

Europa sei wunderbar, sagt er und argumentiert in seinem leidenschaftlichen Plädoyer mit gemeinsamen Werten, Erfahrungen und Kulturen. Dies gelte es zu bewahren. "Wir schulden das der Zukunft unserer Kinder", sagt Bernard. Das Brexit-Referendum von 2016 sei ohnehin "fehlerhaft" gewesen, erklärt er: "Solch ein komplexes Thema kann man nicht nur mit Ja oder Nein beurteilen."

Mike will nur noch raus

Das sieht Mike anders. Der Mann aus Essex ist davon genervt, dass der Austritt des Vereinigten Königreichs immer noch nicht vollzogen worden ist. "Das heutige Ergebnis hat mich nicht überrascht", sagt er aber und legt die zweieinhalb Meter lange Fahnenstange auf seiner linken Schulter ab. Seine violett-gelbe Fahne der antieuropäischen Ukip sticht aus dem Meer der EU-Flaggen hervor. Um seine Schultern hängt eine britische Flagge. Vor ihm liefert sich einer seiner Mitstreiter eine hitzige innenpolitische Debatte mit einer Frau.

Mike ist wenig beeindruckt. Das heutige Abstimmungsergebnis bezeichnet er als "neutrale Aktion", schließlich habe es keine rechtlich bindende Wirkung. Als wollten ihn die pro-europäischen Demonstranten ein paar Meter nebenan an neue Brexit-Optionen erinnern, skandieren sie "revote and remain" - Neuwahl und Verbleib. Für Mike und seine Ukip-Mitstreiter sei dies keine Option, sagt er. Sie fordern komplettes politisches Selbstbestimmungsrecht für Großbritannien, denn "die EU-Politik überlagert fast alles".

Hoffen auf "vernünftige Leute"

Bernard ist zunächst einmal zufrieden mit der neuen Ohrfeige für Theresa May. "Aber der Kampf geht weiter", sagt er. Das nächste Nahziel sei am Donnerstag ein Aufschub des Brexit-Termins. Für diesen Fall wünscht sich Bernard, dass nach dem 29. März "endlich vernünftige Leute" einen Weg finden, um die Situation zu entspannen.

"Wir können immer noch den Brexit bekommen", räumt er ein. Doch dabei müssten die roten Linien wie die Grenzfrage hinsichtlich Nordirland entfärbt werden. Dann hat es Bernard plötzlich eilig - er muss seinen Zug nach Hause erwischen. Eines möchte der Rentner aber noch loswerden: "Das hier ist einer der letzten Atemzüge des Empire." Dann fügt er hinzu: "Das Empire ist so gut wie erledigt."

Dieser Text entstand im Rahmen einer Recherchereise mit dem Journalists Network.

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Quelle: n-tv.de

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