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Al-Kaida expandiert nach Indien Die Alt-Terroristen wollen es nochmal wissen

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Der 63 Jahre alte Ägypter Al-Sawahiri führt Al-Kaida. Um nicht unter die Räder des IS zu geraten, will die Terrororganisation einen neuen Ableger in Indien gründen.

Reuters

Von Wasiristan aus lässt sich heute kein Dschihad mehr machen. Das hat die Al-Kaida-Führung erkannt und will nach Südasien expandieren. Dort gibt es weit mehr Muslime als im IS-Kalifat. Aber reicht das?

Lange hat man wenig gehört von Al-Kaida. Wenn in den vergangenen Monaten von der Mutter des globalen islamistischen Terrors die Rede war, dann, weil sie als Vergleich zum aufstrebenden "Islamischen Staat" herangezogen wurde. Mit diesem Schattendasein soll jetzt offenbar Schluss sein. In seinem ersten Video seit August 2013 verkündete der Chef der in Afghanistan und Pakistan entstandenen Organisation, Aiman al-Sawahiri, dass Al-Kaida einen neuen Ableger in Indien gegründet habe.

Sawahiri wendet sich in seiner Videobotschaft an die Muslime in den Ländern Burma, Bangladesch sowie in den indischen Regionen Assam, Gujarat und Kaschmir. Al-Kaida in Indien werde die Herrschaft des Islam und die Fahne des Dschihad dort verbreiten. Die von den britischen Feinden einst errichteten Grenzen sollten überwunden werden, sagte Sawahiri und kündigte die Gründung eines Kalifats an. Die Muslime dort sollten von Unrecht und Unterdrückung befreit werden.

Die Ankündigung ist einerseits ein Zeichen der Schwäche und der Bedrängnis. Sawahiri richtet sich in seiner Ansprache auch ausdrücklich an den Anführer der Taliban, Mullah Omar, dessen Autorität der neuen Gruppe anerkennen werde. Al-Kaida hat nicht erst durch den Siegeszug des IS im Nahen Osten an Bedeutung, Personal und Schlagkraft verloren. Der Niedergang begann schon mit dem Tod des charismatischen Anführers Osama bin Laden im Mai 2011 und dem Arabischen Frühling. Keiner der regionalen Ableger von Al-Kaida, seien es die Schabaab in Somalia, Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQMI) oder Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), sind auch nur annähernd so erfolgreich wie der IS. In Syrien schlägt sich der levantinische Ableger von Al-Kaida, die Nusra-Front, mehr schlecht als recht gegen den IS.

Mit Al-Kaida auf dem Indischen Subkontinent (AQIS) soll nun zumindest das Einflussgebiet ausgeweitet werden. Der Blick in den ferneren Osten, nach Indien, Bangladesch, Burma und vielleicht irgendwann Indonesien, ist naheliegend. Die arabische Halbinsel und die Levante sind zwar die Wiege des Islam und haben eine hohe symbolische Bedeutung für Islamisten. Drei Viertel aller Muslime leben aber in Asien.

Der IS ruft in der Welt mehr Grusel hervor

Nun muss man abwarten, wie konsequent Al-Kaida ihren Plan umsetzt und ob sich eine nennenswerte Zahl frustrierter Muslime dort in ihrem Sinne radikalisieren lässt. Der erste Versuch, das Feuer zu legen findet sich schon in Sawahiris Ansprache, indem er die muslimischen Regionen wie Kaschmir direkt anspricht. Konflikte zwischen Muslimen und Anhängern anderer Religionen, soziale Probleme und Armut gibt es genug. Das sind keine schlechten Bedingungen für das Säen von Hass. Doch ob das reicht, um Al-Kaida wieder attraktiv zu machen?

Nicht zuletzt die Langsamkeit der von alten Männern geleiteten Terrororganisation hat ungeduldige junge Dschihadisten in die Arme des IS getrieben. Al-Kaida hatte die Anschläge vom 11. September 2001 jahrelang vorbereitet. Die aus aller Welt stammenden IS-Kämpfer dagegen haben in vergleichsweise kurzer Zeit das geschafft, wofür einst auch Al-Kaida angetreten war: Sie haben mitten im Nahen Osten ein Kalifat ausgerufen.

Der IS hat dort beste Bedingungen vorgefunden und verfügt inzwischen über beeindruckende Finanzmittel. Aber auch ihr blinder Fanatismus, ihre Sturmtaktik, die cleverere Nutzung neuer Medien und wohl auch eine Portion Improvisationstalent haben wettgemacht, dass der IS keine gefestigten Führungsstrukturen hat. Zudem versteht er es, mit seiner erbarmungslosen Gewaltorgie und inszenierten Enthauptungen westlicher Journalisten, in der ganzen Welt Grusel hervorzurufen. Der IS ist ein Thema, Al-Kaida nicht.

Al-Kaida braucht einen Plan

Einig sind sich Experten, dass der Zeitpunkt der Gründung von AQIS nicht zufällig ist. Die Idee mit Indien ist ja nicht vom Himmel gefallen, schon in der Vergangenheit gab es Anschläge, hinter denen auch Al-Kaida vermutet wurde. Doch der selbsternannte Kalif von Syrien und dem Irak, Abu Bakr al-Bagdadi, hat einen Führungsanspruch für alle Muslime formuliert. Wenn Al-Kaida noch mitmischen will im Konkurrenzkampf um die Führerschaft beim transnationalen Dschihad, dann muss es jetzt etwas tun und wieder attraktiv für junge Dschihadisten werden. Sie braucht neues Territorium und einen Plan, der sie aus den entlegenen Bergregionen von Wasiristan an der pakistanisch-afghanischen Grenze herausführt. Von dort aus wird ganz sicher kein globaler Dschihad mehr gemacht. Jahrelange Bombardierungen durch die Drohnen Pakistans und der USA haben das Ihre getan.

Womöglich gibt die Führung von Al-Kaida um den greisen ägyptischen Chef Sawahiri nun vorerst Westasien auf - in dieser Perspektive blicken sie von Wasiristan aus auf Syrien und den Irak. So kann Al-Kaida die direkte Konfrontation mit dem IS vermeiden, aus der sie momentan nicht siegreich hervorgehen kann.

Quelle: n-tv.de

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