Politik

Aufholpaket erreicht Kinder kaum "Die Bürokratie ist scheußlich"

imago0116849429h.jpg

Seit Monaten sitzen viele Kinder und Jugendliche wegen Corona größtenteils zu Hause - für viele eine hohe Belastung.

(Foto: imago images/photothek)

Kinder bleiben die großen Verlierer der Pandemie. Daran ändert auch das neue Aufholpaket der Bundesregierung nur wenig. Denn gerade arme Familien, die davon profitieren sollen, kommen vor lauter Bürokratie nicht an die Hilfen.

Das vergangene Jahr hat Spuren hinterlassen. Bei Eltern, aber vor allem bei Kindern. Seit Pandemiebeginn schlagen sich Familien mit Homeschooling durch, sind überfordert, viele Schüler verlieren den Anschluss beim Lernstoff. Kinder vermissen ihre Sportvereine und Freunde. Besonders hart getroffen hat es arme Familien: Sie leiden zusätzlich unter finanziellen Nöten. Das hat auch die Bundesregierung erkannt und am Mittwoch ein Aufholpaket für Kinder und Jugendliche zur Abfederung der Pandemiefolgen beschlossen. Doch das kommt viel zu spät und zu dünn daher, kritisieren Experten.

Zwei Milliarden Euro will der Bund in die Förderung von Nachhilfeunterricht und Freizeitangebote stecken. Was erst mal viel klingt, sind runtergerechnet gerade mal 150 Euro pro Kind. Zusätzlich sollen arme Familien eine einmalige Zahlung von 100 Euro bekommen. Wofür sie das Geld ausgeben, sei den Familien selbst überlassen, sagt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. "Ob das für neue Turnschuhe oder Freizeitaktivitäten ist, können sie selbst entscheiden", so die SPD-Politikerin.

Für den Kinderschutzbund kommt das Paket deutlich zu spät. "Ich fürchte, dass die Pläne in diesem Jahr nur marginal umgesetzt werden", sagt Präsident Heinz Hilgers ntv.de. Sommercamps und Lernwerkstätten müssten erst organisiert werden. Unter Corona-Bedingungen keine leichte Aufgabe. Mehr Betreuungspersonal sowie passende Räumlichkeiten sind nur einige der Probleme. Vorher müssen Vereine die vom Bund zur Verfügung gestellten Fördergelder von ihren Kommunen beantragen. "Da wäre es gut gewesen, wenn die Bundesregierung dieses Paket im Herbst beschlossen hätte", sagt Hilgers.

"Nur ein Tropfen auf den heißen Stein"

Dazu kommt, dass die kulturellen Angebote nur rund 15 Prozent der anspruchsberechtigten Kinder erreichen, wie mehrere Untersuchungen belegen. Schuld daran sei vor allem die Bürokratie, so Hilgers. Um kostengünstige Angebote in Anspruch zu nehmen, müssten Eltern, die Hartz IV oder Sozialleistungen beziehen, erst einmal Berge von Anträgen ausfüllen. Dass dem viele nicht gewachsen sind, sieht Wolfgang Büscher in seiner täglichen Arbeit mit sozial benachteiligten Familien. Viele der Eltern könnten selbst nicht lesen oder schreiben, sagt der Pressesprecher der Arche, ein Hilfswerk gegen Kinderarmut in Berlin-Hellersdorf.

Auch die 100 Euro Bonusgeld, die außerschulische Aktivitäten ermöglichen sollen, seien "nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Büscher. Der Lockdown habe den armen Familien finanziell den Boden unter den Füßen weggezogen, bei vielen reiche das Geld kaum für einen vollen Kühlschrank. "Der Lockdown war extrem teuer, das Schulessen ist weggefallen und die Lebensmittelpreise sind gestiegen." Von daher sei die Zahlung von 100 Euro richtig - doch davon werde "kein Cent" in außerschulische Freizeitaktivitäten gehen, glaubt er. "In der Praxis kommt das Geld nicht bei den Kindern an." Die Förderung dürfe man deshalb nicht alleine den Eltern überlassen, fordert Büscher. Das Geld müsse vermehrt in Schulen und Kindergärten gesteckt werden, um dort Kindern gezielt helfen zu können.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sagte am Mittwoch, bis zu 25 Prozent aller Schülerinnen und Schüler hätten elementare Lernrückstände. Diese sollen durch gezielte Nachhilfe aufgeholt werden. Das Nachhilfeinstitut Schülerhilfe rechnet deshalb mit einem Ansturm im Sommer. Schülern mit leichten Lernrückständen könne man im Rahmen eines Sommerkurses helfen, diese komplett aufzuarbeiten, sagt ein Sprecher der Schülerhilfe ntv.de. Wenn aber der Schüler bereits auf eine 5 abgerutscht sei, dauere es mindestens sechs Monate, um den Lernstoff nachzuholen.

Jugendliche werden vergessen

Das können sich nur Familien mit gutem Einkommen leisten. Die Schülerhilfe verweist deshalb darauf, dass Empfänger von Sozialhilfe, Wohngeld oder Arbeitslosengeld bereits jetzt kostenlos Nachhilfe im Rahmen des Programms "Bildung und Teilhabe" erhalten können. In der Praxis bedeutet das wiederum: mehr Anträge, mehr Papierkram und mehr Bürokratie für die Familien. Damit bleibt die Entscheidung wieder bei Eltern liegen, die vielfach überfordert sind. Laut Büscher ist das der Hauptgrund für die fehlende Förderung in sozialen Brennpunkten. Er selbst habe sich schon an den Anträgen versucht und sei gescheitert: "Die Bürokratie ist scheußlich."

In der Arche wird seit dem Schulausfall Dauernachhilfe gegeben. Eine Lehrerin, die seit 25 Jahren in Berlin-Hellersdorf Nachhilfe gebe, habe noch nie so viele Kinder gesehen, die in die dritte Klasse kommen und nicht lesen und schreiben können, sagt Büscher. "Da reicht eine Stunde die Woche nicht, um solche Defizite aufzuholen." Manche Kinder müssten jeden Tag zur Nachhilfe kommen. "Müssten sie das bezahlen, würde das Hunderte von Euro kosten." Für die Familien unmöglich.

Mehr zum Thema

Was aus Sicht von Hilgers vom Kinderschutzbund in dem Aufholpaket komplett fehlt, sind Maßnahmen für Schulabbrecher und Jugendliche, die einen schlechten Sekundarabschluss gemacht haben. "Im Vergleich zu 2019 hat sich die Zahl der Schulabbrecher 2020 wohl verdoppelt. Dieses Jahr könnten nach Prognosen der Landesjugendämter wieder doppelt so viele Jugendliche ohne Abschluss die Schule verlassen wie in anderen Jahren." Auch Lehrstellen fehlen durch die angeschlagene Wirtschaftslage. Es wäre gut, so Hilgers, wenn der Bund nochmal tief in die Tasche greifen und ein gutes Berufsvorbereitungsjahr und außerschulische Projekte anbieten würde, um schulmüde Jugendliche zu erreichen.

Um den Kindern und Familien, die es am dringendsten brauchen, wirklich zu helfen, müsse man Hilfen einfacher zugänglich machen, sagt Hilgers. Wichtig sei vor allem die Haltung von Entscheidungsträgern in der Politik und allen, die im Bildungsbereich arbeiten: "Wir müssen den Menschen, die unsere Hilfe brauchen und verzweifelt sind, mit Wertschätzung und Hilfsbereitschaft begegnen." Nur so könnten sie die Hilfe auch annehmen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.