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Der Syrien-Krieg in Zahlen Die Verwüstung lässt sich nicht mehr messen

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Einige Städte sind nur noch mit viel Fantasie als solche zu erkennen.

(Foto: REUTERS)

Wieder vergeht in Syrien eine Chance auf Frieden: Nachdem die USA bei Luftangriffen versehentlich Regimekräfte getroffen haben, kündigte Damaskus die jüngste, kaum eine Woche währende Waffenruhe auf. Der Angriff auf ein Hilfskonvoi der Vereinten Nationen und des Roten Halbmondes in der Nähe von Aleppo einen Tag später verkompliziert die Lage weiter. Die USA machen Russland dafür verantwortlich. Ein Ende des Konfliktes erscheint auch im sechsten Kriegsjahr unendlich fern. Das Leid der Menschen vor Ort lässt sich ohnehin nicht messen, doch auch abgesehen davon hat dieser Krieg längst einen Punkt überschritten, an dem er noch verlässlich mit Zahlen zu beschreiben wäre.

Wie viele Parteien sind mittlerweile in den Konflikt verwickelt?

Schon der Versuch, die Zahl der Kriegsparteien zu beziffern, ist ein aufwändiges Unterfangen. Sie liegt mittlerweile mit Leichtigkeit im dreistelligen Bereich. Das alawitische syrische Regime ist zuerst zu nennen. Und schon darin besteht eine Vereinfachung, denn nicht alle Anhänger Baschar al-Assads gehören tatsächlich der Gemeinschaft der Alawiten an. Militärische Unterstützung bekommt das Regime zudem von iranischen, irakischen und afghanischen Kämpfern. Hinzu kommen Kräfte der libanesischen Hisbollah. Bei all diesen Einheiten handelt es sich extrem vereinfacht um eine Allianz, die sich auch als Vertreter des schiitischen Islams im Nahen Osten sieht. Auf der Seite des Regimes steht zudem Russland.

Noch größer ist die Zahl der Kriegsparteien, die sich gegen das Regime stellen. Neben dem sogenannten Islamischen Staat (IS) gibt es unzählige mehr und weniger radikale islamistische Gruppen. Unter ihnen haben sich Bündnisse wie Dschaisch al-Fatah (Armee der Eroberung) gegründet, zu dem unter anderem der Al-Kaida-Ableger Al-Nusra-Front (mittlerweile "Siegesfront Syriens") gehört. Viele dieser Gruppen werden mit Waffen und Geld aus den Golfstaaten, insbesondere aus Saudi-Arabien, finanziert. Es wäre zu stark vereinfacht, hier von einem Block des sunnitischen Islams zu sprechen. Zwar sehen sich all diese Gruppen selbst als Sunniten. Doch von einem Block kann schon deshalb keine Rede sein, weil sich etliche dieser Gruppen in wechselnden Allianzen bewegen und abgesehen von dem Sturz Assads unterschiedliche Ziele verfolgen.

Vor allem im Norden Syriens gibt es zudem die kurdischen Kämpfer der sogenannten Volksschutzeinheiten (YPG), die sich zum Teil mit Arabern und assyrisch-aramäischen Gruppen zum Bündnis Syrische Demokratische Kräfte (SDF) zusammengefunden haben. Es gibt die Überreste der moderaten Freien Syrischen Armee (FSA), die einst den Kern des Widerstands gegen das Assad-Regime ausgemacht hat, aufgrund mangelnder Unterstützung mittlerweile aber praktisch keine Rolle mehr spielt. Zwischen den unzähligen Gruppen, die sich gegen Assad stellen, gibt es immer wieder blutige Konflikte.

Die USA führen überdies eine Allianz von rund 60 Ländern an, die sich in Syrien (und dem Irak) dem Kampf gegen den IS mit Luftangriffen verschrieben haben. Viele unterstützen den Einsatz vor allem, etliche schicken aber auch eigene Flugzeuge. Darunter sind regionale Kräfte wie Jordanien und die Türkei, europäische Staaten wie Großbritannien und Frankreich, aber auch Australien und Kanada.

Wie viel Geld floss bereits in den Kampf?

Allein die US-geführte Mission Namens "Inherent Resolve" in Syrien und dem Irak, die 2014 begann, kostet Angaben aus Washington zufolge rund 12 Millionen US-Dollar am Tag. So kamen bisher rund 9 Milliarden Dollar zusammen. Die Bundeswehr unterstützt diese Mission mit der Operation "Counter-Daesh" durch den Einsatz von Aufklärungs-Tornados und einer Fregatte im Mittelmeer. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums flossen bisher 26,2 Millionen Euro in diese Mission. Das Bundestagsmandat ist bis Ende 2016 befristet. Im Mandatstext ist von bis zu 134 Millionen Euro allein in diesem Jahr die Rede.

Russland hat bisher keine offiziellen Angaben zu den Kosten seiner Operationen in Syrien gemacht. Schätzungen der Denkfabrik Janes zufolge belaufen sich die Ausgaben aber auf bis zu 4 Millionen US-Dollar pro Tag. Moskau engagiert sich seit Ende September 2015 militärisch in Syrien, offiziell in einem Anti-Terror-Einsatz. Hochgerechnet ergibt sich so eine Summe von ungefähr 1,4 Milliarden US-Dollar.

Völlig unbekannt ist, wie viel Geld das syrische Regime für den Krieg ausgegeben hat. Es gibt lediglich einige Studien, die versuchen darzustellen, was der fortwährende Konflikt an volkswirtschaftlichen Kosten für das Land versursacht. In einer Analyse von World Vision heißt es in einer optimistischen Prognose, in der der Krieg noch in diesem Jahr endet und der Wiederaufbau keine zehn Jahre dauert, dass die Kosten bei 448 bis zu 689 Milliarden US-Dollar liegen würden. Völlig unklar ist auch, wie viel Geld auf verworrenen Wege aus den Golfstaaten an islamistische Gruppen in Syrien fließt.

Wie umfangreich war bisher die humanitäre Hilfe?

Allein die Bundesregierung hat seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges eigenen Angaben zufolge bereits 1,46 Milliarden Euro an Hilfsgeldern für Syrien und Syriens Nachbarstaaten bereitgestellt. Auf einer internationalen Geberkonferenz in London Anfang dieses Jahres erklärten sich etliche Staaten bereit, rund 12 Milliarden Euro bis zum 2020 zur Verfügung zu stellen. Die Bundesregierung wird, hält sie sich an ihre Zusagen, der drittgrößte Geber sein.

Abgesehen von diesen Mitteln, die Staaten zur Verfügung stellen, sammeln etliche Hilfsorganisationen Spenden von Privatleuten. Wie viel dabei insgesamt zusammenkam, wurde noch nicht zusammengefasst. Einigermaßen klar ist nur der Bedarf für Hilfsmaßnahmen in Syrien. Hilfsorganisationen gehen allein für dieses Jahr von knapp 10 Milliarden US-Dollar aus.

Wie viele Leben forderte der Konflikt?

Keine andere Frage macht deutlicher, dass das Ausmaß dieses Krieges längst nicht mehr mit Zahlen zu fassen ist. Die Vereinten Nationen hörten bereits Anfang 2014 auf, die Toten zu zählen, weil die Lage im Bürgerkriegsland zu unübersichtlich wurde. Die letzte offizielle Zahl, die von einem Vertreter der Vereinten Nationen zu hören war, lautete 250.000. Doch danach ging das Töten weiter.

Zu den Organisationen, die den alltäglichen Schrecken in Syrien am akribischten dokumentieren, gehört die in London ansässige syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die mit etlichen Aktivisten vor Ort zusammenarbeitet. Letzter Stand: 301.781 Tote. Darunter befanden sich laut den Aktivisten mindestens 86.000 Zivilisten.

Doch auch die Menschenrechtsbeobachter, die jeden Tag Todesmeldungen verfassen, sind überfordert. Etliche angezeigte Todesfälle konnten sie nicht durch eigene Informationen belegen. Die Organisation schätzt die tatsächliche Zahl der Toten auf mehr als 430.000.

Wie viele Flüchtlinge hat der Krieg produziert?

Syrien ist nach fünf Jahren des Krieges mehr denn je so etwas wie eine Blackbox. Was in dem Land passiert, lässt sich für Außenstehende angesichts der Gefahren vor Ort, der zerstörten Infrastruktur und der Abstinenz unabhängiger Ansprechpartner nur schwer überprüfen. Was dagegen mit recht großer Gewissheit bekannt ist, ist die Zahl der Menschen, die dem Schrecken entflohen ist. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen haben sich bisher etwas mehr als 4,8 Millionen Syrer als Asylsuchende registrieren lassen. Die meisten von ihnen suchten Schutz in den Nachbarländern Irak, Libanon, Jordanien und der Türkei. Viele haben sich zudem auf den Weg nach Europa gemacht. In Deutschland kamen seit dem Ausbruch des Krieges insgesamt 600.000 syrische Flüchtlinge an.

Quelle: n-tv.de

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