Politik

Wagenknecht hört auf Die ewige Außenseiterin geht

Im Bundestag endet heute eine kleine Ära. Sahra Wagenknecht wird als Fraktionsvorsitzende der Linken abgelöst. Für die Partei dürfte es ein größerer Verlust sein, als manche wahrhaben wollen. Doch ganz verschwinden wird sie wohl nicht.

Wenn die Fraktion der Linken eine neue Spitze wählt, ist sie vorbei, die Ära Sahra Wagenknecht. Es war ein Abschied auf Raten: Bereits im Frühjahr hatte sie angekündigt, nicht noch einmal antreten zu wollen - und hatte damit ein kleines politisches Beben ausgelöst. Man wunderte sich: Die Frau war doch gerade einmal 49 Jahre alt! Stets hatte sie wie eine gewirkt, die dabei bleiben würde, egal, was kommt. Ein political animal wie Gregor Gysi oder ihr Ehemann Oskar Lafontaine schien sie zu sein. Wagenknechts Begründung ließ aufhorchen: Aus gesundheitlichen Gründen wolle sie sich zurückziehen. Zwei Monate hatte sie da schon pausiert. Die Diagnose: Burn-out. Kommentatoren wussten von einem zermürbenden Machtkampf in den Reihen ihrer Partei zu berichten.

Vielleicht war der Moment im vergangenen Jahr auf dem Linken-Parteitag in Magdeburg der Punkt an dem sie dachte: Ich will nicht mehr. Gerade hatten ihr selbst ernannte Aktivisten eine Torte ins Gesicht geklatscht. Es war der Tiefpunkt dessen, was Wagenknecht aushalten musste. Sie war vor allem mit kritischen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik angeeckt. Nach der perfiden Attacke solidarisierten sich ihre innerparteilichen Gegner zwar spontan mit ihr, die Debatte schwelte aber weiter.

Beim folgenden Parteitag in Leipzig brach diese dann wieder offen aus. Die Fraktionschefin hatte die Frage aufgeworfen, ob nicht die Arbeitsmigration eingeschränkt werden sollte. Viele bei den Linken rollten darüber mit den Augen und ballten unterm Tisch die Fäuste. Steht doch die Linke traditionell für Internationalität, Völkerfreundschaft und Solidarität. Was sollten da die störenden Töne von Frau Wagenknecht? Reflexhaft unterstellten ihr manche gar Rassismus und Nationalismus. Sie wollte wohl tatsächlich AfD-Wähler zurückgewinnen, die ausgerechnet von der Linken zur neuen Rechtsaußenpartei desertiert waren. Und ging dabei den unbequemen Weg gegen die Partei-Harmonie.

"Politiker dürfen nicht klagen"

Als sie dann im März ihren Rückzug ankündigte, wurden gleich die Fragen gestellt, die auch heute noch eher Frauen treffen als Männer. War sie nicht hart genug? Wie hart muss ein Politiker überhaupt sein? Oder gehen wir, die Bürger, die Journalisten, zu hart mit ihnen ins Gericht? Im März fragte Wagenknecht bei "Anne Will", wie viel man noch bewegen kann, "wenn man innerlich immer ausgebrannter ist". Sie war bemüht, ihr Leiden nicht zu sehr auszubreiten und verwies lieber darauf, dass es einfache Arbeitnehmer viel schwerer hätten als sie. Die müssten ständig mit der Angst vor dem Absturz leben. Wenn man in die Politik gehe, habe man immer noch die Wahl, ob man in die erste Reihe gehe. Da dürfe man nicht klagen. Doch dass eine Debatte über die Arbeitsbedingungen in der Politik angebracht ist, zeigten aber gerade erst vergangene Woche die Schwächeanfälle eines CDU-Politikers und einer Linken-Abgeordneten.

66feac016dee7d4405ca8fd4e67d8ff5.jpg

Dietmar Bartsch will Fraktionschef der Linken bleiben.

(Foto: dpa)

Wagenknecht war über die Jahre zu einer der prägendsten Figuren ihrer Partei aufgestiegen, eine Außenseiterin war sie aber von Beginn an und blieb es bis zum Schluss. Anfangs umgab die junge Frau aus Jena ein Raunen, weil sie offen mit dem Kommunismus liebäugelte, fast zwanzig Jahre lang der "Kommunistischen Plattform" innerhalb der Linken angehörte. Selbst Gregor Gysi und Lothar Bisky war sie zu links. Auch der Verfassungsschutz beobachtete sie zeitweise, weil sie als linksextrem galt.

2010 machte sie Schlagzeilen, weil sie bei einer Rede des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres im Bundestag nicht zum Schlussapplaus mit aufstand. Der damalige Berliner Landeschef Klaus Lederer nannte das inakzeptabel. Sie selbst sagte, Peres habe Dinge gesagt, die als Kriegsvorbereitungen gegen den Iran interpretiert werden könnten. Sie lehne aber Kriege ab. Dass das Regime im Iran Israel regelmäßig mit hasserfüllten Vernichtungsdrohungen überzieht, fiel dabei unter den Tisch.

Karriere noch nicht vorbei

2011 wurde dann bekannt, dass sie mit Oskar Lafontaine liiert war, die beiden heirateten 2014. In den folgenden Jahren fuhr sie die antikapitalistische Rhetorik ein wenig herunter und stieg zum gefragten Talkshow-Gast ihrer Partei auf. 2015 übernahm sie dann nach anfänglichem Zögern das Amt der Fraktionsvorsitzenden. Der Posten schien ihr aber bald zu eng zu werden. Als in Frankreich die Gelbwesten auf die Straße gingen und die Regierung Emmanuel Macrons zeitweise wanken ließ, versuchte sie, in Deutschland eine linke Sammelbewegung ins Leben zu rufen. "Aufstehen" nannte sie die. Dass das von einer Linkenpolitikerin kam, wirkte auf manche befremdlich - denn im Erfolgsfall wäre ein linkes Paralleluniversum entstanden, dass die Partei Die Linke und auch die SPD vor sich hergetrieben hätte. Mit Sahra Wagenknecht mittendrin. Die Linke distanzierte sich vor einem Jahr von der Bewegung.

In den USA bezeichnet man eine Politikerin wie Wagenknecht oftmals als maverick - so nennen Cowboys ein entlaufenes Rind, das abseits der Herde seinen eigenen Weg geht. Es ist als Respektbekundung gemeint. Der im vergangenen Jahr verstorbene republikanische Senator John McCain galt als ein solcher Freigeist. Mit dem hat Wagenknecht zwar politisch wenig gemein. Aber da ist eben dieser Hang zum Eigenwillen - der für alle ein Graus ist, die die Abgeordneten und Mitglieder auf Linie bringen wollen. Insofern hatte es eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet Wagenknecht diejenige sein sollte, die als Fraktionsvorsitzende genau diesen Job machen sollte.

War es das nun wirklich mit der politischen Karriere Wagenknechts? Wohl kaum. Sie hat bereits im März angekündigt, politisch aktiv bleiben zu wollen. So wird sie ihr Bundestagsmandat behalten und auch Talkshow-Besuche dürften nicht ausbleiben. Auch Bücher sind von ihr weiter zu erwarten, natürlich mit Großaufnahme ihres Gesichts auf dem Cover, so wie bei ihren zahlreichen Publikationen zuvor. Die ewige Außenseiterin gibt ihre Hauptrolle im Bundestag zwar auf, das Rampenlicht wird sie wohl nicht verlassen. Nicht nur für die Linke ist ihr Abgang ein herber Verlust - Charaktere wie sie wirken wie eine Vitaminspritze im oftmals grauen Polit-Betrieb, der es so vielen Wählern schwer macht, noch Unterschiede zwischen den Parteien zu erkennen.

Quelle: n-tv.de