Politik
FDP-Chef Christian Lindner
FDP-Chef Christian Lindner(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 09. November 2017

Kohlestrom aus Polen?: Dieser Satz von Christian Lindner ist falsch

Von Hubertus Volmer

Muss Deutschland Kohlestrom aus Polen importieren, wenn ein paar Kohle-Meiler abgeschaltet werden? Christian Lindner hat ein solches Szenario beschworen. Was ist da dran?

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Vor ein paar Tagen hat FDP-Chef Christian Lindner einen Satz gesagt, der zunächst ganz plausibel klang. Es sei nichts gewonnen, wenn man Kohlekraftwerke in Deutschland abschalte, "um anschließend Kohlestrom aus Polen zu importieren oder Kernenergie aus Frankreich".

Die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, ist allerdings äußerst gering. Im vergangenen Jahr produzierte Deutschland rund 50 Terawattstunden Strom allein für das Ausland. Nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts könnte die Bundesrepublik die Braunkohleverstromung von 135 auf 84 Terrawattstunden reduzieren, wenn die Stromexporte gestoppt würden.

"Fünf bis sechs Kohlekraftwerke produzieren nur für den Export", schätzt der Klimaökonom Gernot Klepper vom Institut für Weltwirtschaft. Dass die nicht sofort abgeschaltet werden könnten, liege eher an Fragen der Netzstabilität, sagte er n-tv.de am Rande einer Pressekonferenz in Berlin. Soll heißen: Es ist ein technisches Problem, das lösbar ist.

Klimaziel von 2020 ist nicht mehr zu schaffen

Noch 9,4 Gigatonnen

Nach Berechnungen des Sachverständigenrats der Bundesregierung für Umweltfragen (SRU) bleibt ein globales Budget von 850 Gigatonnen CO2, wenn das vor zwei Jahren vereinbarte Ziel erreicht werden soll. Für Deutschland errechnet der SRU damit ein verbleibendes Emissionsbudget von knapp 9,4 Gigatonnen ab 2015. "Die neue Bundesregierung sollte daher unverzüglich einen Kohleausstieg einleiten", empfehlen die Experten. Das heißt nicht, dass das einfach wird: Die Versorgungssicherheit müsse gewährleistet werden, für die betroffenen Regionen mit zwanzig- bis dreißigtausend Arbeitsplätze müsse es eine sozialverträgliche Ausgestaltung geben.

Einen Lindner-Moment hatte auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet, der als CDU-Vize bei den Jamaika-Sondierungen mit am Tisch sitzt. Er wolle zwar am "überambitionierten Ziel" Deutschlands festhalten, bis 2020 die CO2-Emissionen um 40 Prozent zu verringern, sagte er am Mittwoch. Die Bezahlbarkeit von Strom und eine absolute Versorgungssicherheit hätten für das Industrieland NRW aber oberste Priorität.

Letzteres zieht niemand in Zweifel. Doch Laschets Festhalten an den deutschen Klimazielen ist Augenwischerei. Die von der Bundesregierung zugesagte Senkung der CO2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 sei nicht mehr zu schaffen, sagte der Chef des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung, Mojib Latif, bei der Pressekonferenz, auf der sich auch Klepper äußerte. Allenfalls 32 Prozent könne Deutschland noch erreichen - die Bundesregierung hat schlicht nicht genug getan. Seit acht Jahren würden die deutschen CO2-Emissionen nicht mehr sinken, sagte Latif. Er sei "sehr, sehr besorgt, dass Deutschlands Image als verlässlicher Partner auf der internationalen Bühne Schaden nehmen könnte".

Latifs Kollege Hans-Joachim Schellnhuber, Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, warf der Politik vor, nur zu reden und nicht zu handeln. "Ich habe das so oft erlebt, dass ein Versprechen gemacht wurde", sagte er. "Dann verschleppt man den Prozess und sagt: Das kann niemand schaffen."

Der Treibhauseffekt

Die Erderwärmung wird durch Kohlendioxid und andere Gase wie Methan beschleunigt, weil diese wie ein Treibhaus wirken: Die Wärme der Sonne wird durchgelassen, die von der Erde abstrahlende Wärme jedoch nicht. Ein Problem ist das, weil durch den globalen Anstieg der Temperaturen die Eismassen schmelzen und die Meere sich aufheizen. Das hat Folgen: Die Meeresspiegel steigen, Wetterextreme wie Dürren, Sturmkatastrophen und Starkregen nehmen zu, manche Küstenregionen werden unbewohnbar, es kommt häufiger zu Waldbränden, Überschwemmungen, Hungersnöten.

Die Behauptung, "Deutschland müsse deindustrialisiert werden, damit wir unsere Klimaschutzziele erreichen" nannte Schellnhuber "eine freche Lüge". Zugleich räumte er ein, dass der Umstieg nicht leicht werde. Aber: "Wer heute niemandem wehtun will, der wird morgen allen wehtun."

"Ferne Ziele sind schnurzegal"

Schellnhuber, Latif, Klepper und andere Klimaforscher appellierten auf einer von Deutschen Klima-Konsortium ausgerichteten Pressekonferenz an die Jamaika-Parteien, mit dem Kohleausstieg zumindest zu beginnen. Ohne eine weltweite Abkehr von der Kohleverstromung könne das Ziel des Pariser Klima-Abkommens, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, nicht eingehalten werden, sagte Latif.

Das Zwei-Grad-Ziel bezieht sich auf die Erwärmung seit der Zeit vor der industriellen Revolution - also auf die historische Phase, in der die Menschheit damit anfing, im großen Stil fossile Energieträger wie Kohle, Öl und Gas zu verbrennen. Schellnhuber verwies darauf, dass schon bei einer Erderwärmung von drei Grad Kipp-Punkte wie ein Abschmelzen des Grönlandeises wirksam werden könnten. "Dann reden wir über einen Meeresspiegelanstieg von fünfzig, sechzig Metern." Das betreffe zwar eine ferne Zukunft, sei jedoch "ein irreversibler Prozess".

Klimaökonom Klepper machte deutlich, dass es um große Ziele, aber auch um kleine Schritte gehe. Einerseits brauche die Welt "eine globale Veränderung unseres gesamten Wirtschaftssystems". Andererseits komme es nicht darauf an, "was die nächsten drei Jahre im Einzelnen passiert". Wichtiger sei, das Signal, dass überhaupt etwas passiere, sagte Klepper mit Blick auf die Sondierungsgespräche der Jamaika-Parteien, bei denen es gerade heute unter anderem um die Themen Energie und Klima geht.

Noch deutlicher wurde Schellnhuber. Ihm sei "schnurzegal", ob Deutschland sich für 2050 oder 2060 ambitionierte Ziele gebe. Es gehe darum, jetzt den Umstieg in ein Wirtschaftssystem einzuleiten, das nicht auf dem Ausstoß von CO2 basiert. "Wenn wir die zwei Grad nicht schaffen", sagte Schellnhuber, "dann werden wir in einer anderen Welt leben."

Quelle: n-tv.de

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