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OB-Wahl in der Hansestadt Ein Däne will die Rostocker "Kogge lenken"

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Claus Ruhe Madsen mit Lastenfahrrad und Werbe-Pulli vor der Universität Rostock: Der Däne möchte Oberbürgermeister werden.

(Foto: Friederike Zörner)

Seine Wahl wäre ein Novum: Mit dem Dänen Claus Ruhe Madsen könnte erstmals ein ausländischer Bürger Rathaus-Chef einer deutschen Großstadt werden. Ende Mai wählen die Rostocker ihren neuen Oberbürgermeister. Lassen sie sich auf den 46-Jährigen mit Wikinger-Image ein?

Der Pullover ist zu dick. Claus Ruhe Madsen zerrt ihn über den Kopf. "Den ziehe ich bei der Podiumsdiskussion wieder an", sagt er und packt das Kleidungsstück an diesem sonnigen Apriltag in sein Lastenfahrrad. Dann tritt er wieder in die Pedale. Doch der Mann mit dem markanten Bart und der dunklen Brille kommt nicht weit. Zwei Rostockerinnen schieben ihre Fahrräder an ihm vorbei. "Also mein Kreuz haben Sie", sagt die eine. Madsen bleibt stehen. Sie reden über Investitionen für Studenten und mehr Grünflächen in der Stadt. Der Oberbürgermeisterkandidat, der am 26. Mai zur Wahl steht, strahlt.

Er gelobt, einen studentischen Assistenten anzustellen, sollte er Rathaus-Chef in der "Hanse- und Universitätsstadt Rostock" werden. Dann sitzt ein junger, innovativer Denker quasi direkt mit an seinem Schreibtisch. Seinen potenziellen Wählerinnen gefällt dieser Gedanke. Madsen öffnet sein Lastenfahrrad. "Damit Sie keine kalten Füßen haben", sagt er und drückt den beiden vergnügten Frauen blau-weiß-rote Socken mit seinem Konterfei in die Hände. "In den Farben von Rostock", merkt eine von ihnen an. Sie faltet die Socken mit dem Comic-Madsen, sodass Weiß und Rot nebeneinander sind: "Und die Farben von Dänemark."

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Acht Kandidaten und eine Kandidatin bewerben sich auf den Chefposten im Rostocker Rathaus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Claus Ruhe Madsen wurde vor 46 Jahren in Kopenhagen geboren. Seit 21 Jahren lebt er in Rostock. "Ich bin ein dänischer Rostocker", sagt er. Die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, kommt für ihn nicht infrage. "Das ist nur ein Stück Papier." Durch seinen Geburtsort bleibe er nun mal Däne. Das könne er nicht ändern - und das muss er auch nicht. Als EU-Bürger darf er sich zum Bürgermeister wählen lassen.

Geschieht das bei der Abstimmung Ende Mai, wäre er nach Angaben des Deutschen Städte- und Gemeindebunds der erste ausländische Verwaltungschef einer deutschen Großstadt. Ein anderer sei zumindest nicht bekannt. Mit knapp 210.000 Einwohnern ist Rostock zwar nicht mit Berlin oder Köln vergleichbar, aber die Hansestadt ist die größte Stadt Mecklenburg-Vorpommerns. Und im Vergleich zu dänischen Verhältnissen sei sie riesig, merkt Madsen an.

Der Esstisch als Teil der Familie

Er muss es wissen. Als er in die siebte Klasse ging, zog seine Familie in ein Dorf an der Nordsee. Der gemeine Mecklenburger würde wohl Kaff dazu sagen. Ein Dutzend Menschen lebten dort - "mich eingeschlossen", erzählt Madsen. Schon als Zwölfjähriger habe sich sein Unternehmergeist gezeigt. Damals gründete er zusammen mit einem Kumpel eine "Rasenmäher-Kompanie", die schließlich zur Folge hatte, dass er heute keinen Rasen mehr mähen will. Internatsbesuche, Arbeitseinsätze auf einem Fischkutter und das Abitur mit Bestnoten. Später verschlug es den Dänen in ein Möbelhaus im Ruhrgebiet. Dort lernte er das Geschäft mit Einrichtungsgegenständen lieben. "Man erfährt so viel über die Menschen." Der Esstisch sei ein Teil der Familie und Verkäufer wüssten über ihre Kunden allerhand Privates - Familienkonstellationen, Scheidungen und Allergien inbegriffen.

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SPD-Bewerber Chris Müller-von Wrycz Rekowski bekommt Unterstützung von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.

(Foto: imago images / Fotoagentur Nordlicht)

Ein Umstand, der Madsen im Hier und Jetzt zugutekommt. Seit 20 Jahren führt er "Möbel Wikinger" in Rostock. "Ich stehe bei den Leuten im Wohnzimmer." Diejenigen, die sich seine Ware nicht leisten können, kennen ihn durch sein jahrelanges Engagement als IHK-Präsident, seine Tätigkeit als Jugendtrainer bei den Handballerinnen des SV Warnemünde oder Organisator der Benefiz-Fahrradtour "Sonnenschein", die Spenden für schwerstkranke Kinder sammelt. Alle anderen sehen seine zahlreichen Plakate, die in der Hansestadt hängen, und eben sein comicartiges Konterfei, mit dem er Socken, Sticker, Pullover und sein Lastenfahrrad verziert und online wirbt. Neben seinem Podcast, dem "OBcast", entdecken Interessierte auf seiner Website auch ein Computerspiel, in dem eine kleine Madsen-Figur in Super-Mario-Manier über den Bildschirm hüpft und Müll aus der Stadt sammelt.

Diese omnipräsente Vermarktung kommt nicht bei jedem Norddeutschen an. Nach seiner kleinen Fahrradtour quer durch die Stadt sitzt Madsen mit rotem Kopf und im T-Shirt auf der Podiumsdiskussion in der Kooperativen Gesamtschule Südstadt. Die anderen Kandidaten und er nehmen zurzeit oft an solchen Veranstaltungen teil. Ein älterer Herr aus dem Publikum fragt die Runde, was diese ganzen Plakate sollen, und wer dafür bezahlt. "Wenn ich die nicht aufhänge, werde ich nicht gewählt. Und ich will unbedingt Bürgermeister werden", entgegnet Madsen, der angibt, seinen Wahlkampf zu 90 Prozent aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Den Rest hätten Freunde und Bekannte mit kleineren Spenden beigesteuert. Solche kleineren Beträge gefallen ihm besser, wie er im Gespräch mit n-tv.de sagt. "Dann sind die Erwartungen nicht so groß."

Die CDU und FDP haben ihn als Kandidaten nominiert. Er selbst besteht aber auf seiner Unabhängigkeit. "Ich bin kein Parteityp." Er sei gefragt worden, ob er sich vorstellen könne, Oberbürgermeister zu werden. Nach anfänglichem Zögern habe er seinen Blick durch die Stadt schweifen lassen, die im vergangenen Jahr ihr 800-jähriges Jubiläum feierte, und sich gedacht: "Ich möchte die Kogge lenken."

"Einer muss den Rasen auch mähen"

Seine parteiliche und finanzielle Unabhängigkeit nutzt der Geschäftsführer von fünf Möbelhäusern mit 100 Angestellten in der Auseinandersetzung mit seinen politischen Gegnern. Zwei seiner wohl stärksten Konkurrenten sind der Linken-Sozialsenator Steffen Bockhahn und der SPD-Finanzsenator Chris Müller-von Wrycz Rekowski. Auf Fragen, die seine fehlende Erfahrung in der Rostocker Verwaltung mit immerhin 2300 Mitarbeitern beleuchten, entgegnet Madsen: Als Vater und Unternehmer habe er in seinem Alltag genug mit den Behörden zu tun. Und nach seiner Wahl stünden ihm mit Bockhahn und Müller ja zwei kompetente Senatoren zur Seite.

Diese Kandidaten stehen zur Wahl

Am 26. Mai stimmen rund 174.000 wahlberechtige Rostocker über ihren neuen Oberbürgermeister ab. Sollte keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit bekommen, findet eine Stichwahl am 16. Juni statt. Die Amtsperiode beträgt sieben Jahre. Zur Wahl stehen:

 

  • Sybille Bachmann (Rostocker Bund)
  • Steffen Bockhahn (Die Linke)
  • Matthias Bräuer (parteilos)
  • Uwe Flachsmeyer (Bündnis 90/Die Grünen)
  • Claus Ruhe Madsen (parteilos)
  • Chris Müller-von Wrycz Rekowski (SPD)
  • Tom Reimer (parteilos)
  • Edgar Schulze (parteilos)
  • Dirk Zierau (Wählerbündnis UFR)

Madsen will frischen Wind in die Stadt an der Warnow bringen. "Rostock ist im Gestern hängen geblieben", sagt er. 14 Jahre lang regierte Roland Methling. Ihm verdankt die Stadt die Tilgung von Schulden im dreistelligen Millionenbereich. Doch Madsen sieht eine Menge Baustellen, die sein Vorgänger unangetastet ließ. Die Radwege zum Beispiel: "Ich traue mich nicht, meine bald elfjährige Tochter allein Fahrrad fahren zu lassen." Seine Vision: Die regionale Wirtschaft soll gestärkt und nicht unbedingt neue Unternehmen angelockt werden.

Die Startup-Szene soll wachsen und Digitalisierung sollte nicht nur in Sportvereinen und der Verwaltung vorangetrieben werden, sondern auch in Schulen Einzug halten. Dabei komme es darauf an, dass den Lehrern nicht einfach ein iPad übergeben werde, sondern sie auch entsprechend geschult sind. "Man kann nicht einfach nur den Geräteschuppen kaufen. Einer muss den Rasen auch mähen."

Mehr gestalten, statt verwalten, "querdenken", so wie es die Skandinavier nach Madsens Ansicht tun. Das versucht der 46-Jährige umzusetzen, etwa wenn er "Tiny Houses" in Schrebergärten vorschlägt. In diesen 50 bis 60 Quadratmeter großen Häusern sollen die Kleingärtner selbst, aber auch Studenten und kleine Familien ganzjährig leben. Dem einfachen Bürger soll es möglich sein, ein Eigenheim zu haben. Es soll eine "Wir machen es möglich"-Verwaltung entstehen. Eine "One-Stop-Behörde", in der die Bürger möglichst alles auf einmal erledigen. Schlagworte, die aus ihm heraussprudeln, wenn man nach Herausforderungen für die Stadt fragt.

Mit dem Bart wie ein "richtiger Wikinger"

Madsen lebt nach dem Credo, dass es besser ist, "kleine, gute Ideen umzusetzen, anstatt einen großen Plan zu haben." Das mag manchen als Zielsetzung dürftig vorkommen, bei Rostockern aller Altersschichten, die ihm bei seinen Ausflügen mit dem Lastenfahrrad begegnen, kommt dies aber augenscheinlich gut an. Ein Nicken, ein "Moin" und ein paar verteilte Socken. Damit zaubert Madsen den sonst so kühlen Nordlichtern ein Lächeln auf die Lippen.

Wenn nicht auf der Straße, tauscht er sich mit den Menschen auf diversen Social Media-Plattformen aus. "Ein Wahlplakat kann nicht sprechen, aber bei Facebook kann ich auf Nachrichten direkt antworten", sagt der Däne, der auf Instagram eine verhältnismäßig große Fan-Gemeinde aufgebaut hat. Er will den Generationenwechsel hinkriegen, wie er sagt. Weniger Bürokratie, mehr Digitalisierung.

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Direkt am Wasser gelegen: die Hansestadt Rostock.

(Foto: imago/imagebroker)

Sein Aussehen und seine Biografie grenzen ihn dabei von seinen Mitbewerbern ab. Sein Markenzeichen - den Hipster-Bart - ließ er sich vor nicht allzu langer Zeit stehen. Den Look habe er sich bei einem Sandkastenfreund in Dänemark abgeguckt. Der Zwei-Meter-Mann sah damit aus, "wie ein richtiger Wikinger". Das gefiel Madsen. Nun geht er selbst regelmäßig zu einem türkischen Barbier, um sich "verwöhnen zu lassen", wie er sagt. Ob der dänische Unternehmer mit diesem Image und seiner offensiven Personenvermarktung den Nerv der meisten Hansestädter trifft, ist offen. Dass die meisten ihn schon mal gesehen haben - sei es als Kopf oder Comic -, ist sicher.

Die Wege in Rostock sind kurz. Man kennt sich. Und in Warnemünde, wo Madsen mit seiner Tochter und seiner finnischen Ehefrau lebt, ist auch das Meer nicht weit. "Nur 40 Kilometer Wasser trennen uns von Dänemark", sagt er. Mit Sehnsucht blickt er aber wohl nicht auf den Horizont. Seine Heimat, Bürgermeister-Wahl hin oder her, ist Rostock. "Hier steht mein Sofa."

Quelle: n-tv.de

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