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Familien fliehen in die USA "Eine beachtliche Zahl ist erfolgreich"

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Die meisten Menschen kommen als Familien. Auch, weil sie sich bessere Chancen ausrechnen, in den USA bleiben zu können.

(Foto: AP)

Die Zahl der festgenommenen Migranten an der US-Südgrenze ist zuletzt deutlich gestiegen. Die meisten kommen als ganze Familie aus Zentralamerika. Der dortige Chef der Internationalen Migrationsbehörde sagt: Es sind Armut und Gewalt, die Menschen vertreibt. Über Jahrzehnte gewachsene Netzwerke ziehen sie nach Norden.

n-tv.de: Die Grenzbeamten der Vereinigten Staaten berichten von wesentlich mehr Migranten, die im Februar die Grenze abseits der Übergänge überschritten haben. Fast alle kamen aus Honduras, Guatemala und El Salvador. Machen sich tatsächlich mehr Menschen auf den Weg als zuvor?

Jorge Peraza Breedy: Unsere Informationen leiten wir von der Zahl der Menschen ab, die wieder zurückkommen aus den USA und Mexiko, entweder freiwillig oder durch Abschiebungen. So verfolgen wir den Weg der Migranten aus den Ländern des Zentralamerikadreiecks. Es ist nicht möglich, genau festzustellen, wie viele Menschen sich auf den Weg machen.

Welche Entwicklung beobachten Sie anhand Ihrer Zahlen?

Im Jahr 2014 kamen viele unbegleitete Kinder an die Grenze zu den USA, 2015 und 2016 waren die Zahlen weiterhin relativ hoch, und 2017 sahen wir einen bedeutenden Rückgang. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Migranten aus Honduras und Guatemala wieder, auch für 2019 gehen wir von einer Steigerung aus.

Wie kam es zum zwischenzeitlichen Rückgang 2017?

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Jorge Peraza Breedy ist OIM-Chef im sogenannten Zentralamerikadreieck mit Sitz in El Salvador.

(Foto: OIM)

Unserer Analyse zufolge war das der Trump-Effekt. Die Menschen waren sich der Diskussionen um Migranten sehr bewusst und bezogen das in ihre Entscheidung ein, ob sie sich auf den Weg nach Norden machen sollten oder nicht.

Was sind die Hauptgründe, in Richtung der USA auszuwandern?

Es sind hauptsächlich wirtschaftliche Gründe, die Menschen sehen in den Vereinigten Staaten mehr Möglichkeiten. Zudem haben viele von ihnen Angehörige, die bereits in den USA leben. Sie sagen ihnen: "Kommt her, wir helfen euch, es gibt Arbeit für euch". Der dritte Grund ist die geringe Sicherheit und Gewalt. Zwar ist die Mordrate in der Region gesunken im vergangenen Jahr, aber die Wahrnehmung ist entscheidend, und deshalb auch, wie kriminelle Banden agieren. In den USA ist die wirtschaftliche Lage gut und die Arbeitslosigkeit unter Latinos sehr niedrig. Das zieht zusätzlich an.

Ist in den vergangenen Monaten etwas Außergewöhnliches geschehen, das die Menschen aus ihrer Heimat vertreibt? Auffällig ist etwa, dass im Verhältnis zur Bevölkerungszahl wesentlich mehr Honduraner fliehen. Hat das damit zu tun, dass dort die Menschen besonders wenig Geld verdienen?

Ja, das ist gut möglich. Nach den Präsidentschaftswahlen in Honduras [am 26. November 2017, Anm. d. Red.] kam es zu Unruhen. Noch immer zweifeln große Teile der Gesellschaft das Wahlergebnis an. Auch das könnte einen Einfluss gehabt haben. Die Situation in den drei Ländern hat sich in den vergangenen drei bis vier Jahren kaum verändert. Es gab allerdings 2018 eine Trockenheit und massive Ernteausfälle. Manche wanderten deshalb in die Städte, fanden dort keine Arbeit und zogen weiter nach Norden.

Laut Zahlen der US-Grenzschutzbehörde CBP reisen inzwischen die meisten Migranten als Familien ein. Früher waren es hauptsächlich Männer, die allein kamen. Weshalb hat sich das geändert?

Die Schlepper sind schlau, sie verfolgen die innenpolitischen Diskussionen in den USA genau und raten dazu, im Familienverbund zu reisen. Sie sagen den Menschen, dass sie als Familie bessere Chancen auf Asyl hätten und in den USA bleiben zu dürfen, falls sie nach dem Grenzübertritt festgenommen werden.

Als Familien gelten auch ein Elternteil und ein Minderjähriger, also etwa Mütter mit Kind. Zählt zur Gewalt als Fluchtursache auch solche gegen Menschen abseits heterosexueller Norm sowie häusliche Gewalt gegen Frauen?

Ja, Gewalt wegen LGBTQ sowie häusliche Gewalt sind in dieser Kategorisierung mit eingeschlossen. In unserem Gebiet haben wir zudem weltweit eine der höchsten Raten von Femiziden. Können diese Menschen zurück, falls sie mit ihrer Flucht scheitern? Nein, das können sie nicht.

Gibt es einen Unterschied zwischen Menschen, die in Karawanen reisen und denen, die sich allein auf den Weg machen?

Die Migranten in Karawanen haben sich wesentlich schneller entschieden, weil sie es für sicherer hielten und mit Glück auch keinen Schlepper bezahlen mussten. Auf dem Weg wurde ihnen dann klar, dass sie eben nicht geschützter waren, also kehrten sie zurück. In einer der Karawanen waren 80 Prozent Männer und kaum Kinder. Zwar sagen dort mehr, dass sie vor Gewalt fliehen würden. Aber wenn Du Asyl beantragen möchtest, wirst Du bei einer Befragung nicht zugeben, dass Du auf Jobsuche bist. Wenn sie uns ihre wahre Herkunft verraten und von den kriminellen Banden ihrer Heimatorte berichten würden, können wir zudem nicht für ihre Sicherheit garantieren. Die Antworten muss man also sehr vorsichtig bewerten.

Die meisten Menschen gehen also nicht auf gut Glück und von einem Tag auf den anderen, sondern entscheiden sehr bewusst und überlegt?

Absolut. Sie setzen ihr Leben aufs Spiel. Manche müssen zwar von einen auf den anderen Tag fliehen, aber die meisten befassen sich sehr genau mit ihrer Situation. Die wirtschaftliche Lage in den drei Ländern ist schlecht, die Einkommensverteilung noch schlechter. Manche verkaufen ihr gesamtes Hab und Gut, um die Schlepper bezahlen zu können und lassen nichts zurück. Besonders in Guatemala beobachten wir das. In Honduras hingegen machen sich auch viele auf den Weg, weil sie auf lukrativen Drogen- und Waffenrouten gewohnt haben und von den Schmugglern von ihrem Land vertrieben wurden. Ein Schlepper kostet die Menschen zwischen 6000 und 12.000 US-Dollar. Dorthin zurück, woher sie kamen, können sie nicht. Das ist ein riesiges Problem.

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Nur Barrieren könnten die Migration nicht verhindern, sagt Jorge Peraza.

(Foto: AP)

Der Chef der US-Grenzschutzbehörde, Kevin McAleenan, hat zuletzt mehrfach betont, die USA müssten Honduras, Guatemala und El Salvador bei ihrer wirtschaftlichen Entwicklung helfen, um die Migration nach Norden zu verringern. Ist das realistisch?

Das würde uns sehr helfen. Unter Barack Obama gab es bereits die "Allianz für Wohlstand", eine Art Marshallplan für das Zentralamerikadreieck. Man kann argumentieren, dass bessere Bildung und Wirtschaftswachstum auch Gewalt eindämmen und dadurch wiederum die Migration abnimmt, weil es nicht mehr nötig ist, zu fliehen. Die Migration von einem Tag auf den anderen stoppen würde ein solches Projekt nicht. Das wäre ein mittelfristiges Projekt, das sehr gewissenhaft vorbereitet sein müsste. Die größte Gefahr ist die Korruption. Es wäre höchste Transparenz nötig, damit nicht nur die Menschen in der Gesellschaft davon profitieren, die auch sonst immer profitieren.

Aber ist all das nicht eine triviale Schlussfolgerung?

Viele Jahre lang haben wir einen sehr simplen Erklärungsansatz aus dem Norden gehört: Es sei schlicht die Gewalt. Ich bin jetzt sehr positiv überrascht, von der US-Grenzschutzbehörde andere Töne zu hören; dass wir verstehen müssen, welche Realität in unseren Ländern herrscht und die Ursachen der Migration angehen. Wie gesagt sind es ja mehrere Gründe kombiniert, was nicht so einfach zu erklären ist. Eine Gegenmaßnahme von uns ist bereits jetzt, dass wir öffentliche soziale Räume schaffen. Damit die Menschen bemerken, dass sich etwas verändert in ihrem Lebensraum und soziale Netzwerke knüpfen, statt zu fliehen. Aber nach 20 bis 30 Jahren Migration aus unserer Region erstrecken die sich diese Netzwerke bis nach Mexiko und in die USA. Auch das fördert die Migration nach Norden.

Sie haben gesagt, sie zählen die Rückkehrer. Wie viele kommen nicht zurück von ihrer Flucht?

Von unseren Daten ausgehend ist eine beachtliche Zahl erfolgreich, mit Schleppern noch mehr. Als wir die aktuelle Zahl der Festnahmen an der US-Südgrenze sahen, dachten wir: "Oh, in den kommenden Monaten müssen wir auf wesentlich mehr Rückkehrer vorbereitet sein". Aber großen Einfluss auf den Erfolg hat auch der Regierungswechsel in Mexiko. Von dort werden Migranten nun nicht mehr einfach nur abgeschoben, es gibt einen umfassenderen Ansatz für Migrationspolitik. Eine Zeitlang bot die mexikanische Regierung ein humanitäres Visum an, zudem hat die sie mehrere Jobprogramme verkündet. Das beeinflusst die Entscheidung der Menschen, ob sie ihre Heimat verlassen.

Mit Jorge Peraza Breedy sprach Roland Peters

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Quelle: n-tv.de

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