Politik

"Das ist großer Blödsinn" Einreiseregeln schützen nicht vor Omikron

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An den wenigen Schaltern, die am Flughafen in Kapstadt noch geöffnet sind, warten Passagiere lange für ihren Flug nach Deutschland.

(Foto: picture alliance/dpa)

Deutschlands Regeln für die Einreise aus dem südlichen Afrika verfehlen Experten zufolge den Zweck, die Bevölkerung vor der neuen Corona-Variante zu schützen. Zudem richten sie in den Ländern großen wirtschaftlichen Schaden an - für den der globale Norden wohl bald aufkommen muss.

Nur wenige Stunden nachdem südafrikanische Forscher die Entdeckung der neuen Omikron-Variante bekannt gegeben hatten, war der Himmel über dem südlichen Afrika leergefegt. Flugverbote, Reisebeschränkungen, Quarantäneauflagen. Auf dem Flugradar war die Welt plötzlich zweigeteilt. Ein deutlicheres Bild für die Folgen der internationalen Omikron-Panik gibt es kaum. "Don't shoot the messenger", tweeteten führende südafrikanische Wissenschaftler verzweifelt. Erschießt den Boten nicht! Es blieb still. Stattdessen bekamen die Wissenschaftler Morddrohungen per E-Mail von Südafrikanern.

"Der Tenor war, wir hätten großen Schaden für Südafrikas Wirtschaft angerichtet", sagt Wolfgang Preiser. Der Virologe aus Frankfurt leitet seit über 16 Jahren die Fakultät für Medizinische Virologie an der Universität Stellenbosch in Südafrika. Gemeinsam mit seinen Kollegen des Netzwerks für Genomikbeobachtung hat er die neue Omikron-Variante entdeckt. Die Polizei hat wegen der Morddrohungen eine Untersuchung eingeleitet. Südafrika fühlt sich an den Pranger gestellt und wird für sehr gute Arbeit bestraft. "Man darf nicht vergessen, diese Variante wäre natürlich auch in Hongkong und in Israel in anderen Ländern entdeckt worden. Aber je länger man wartet, desto eher können sich diese neuen Varianten ausbreiten", so Preiser.

Wissenschaftler weltweit sind sich einig: Reiseeinschränkungen sind kein wirksames Mittel, um die Verbreitung eines Virus zu stoppen. Rigoroses Maskentragen und Impfen sind wesentlich effektiver gegen Omikron. "Das ist wissenschaftlich belegt", sagt Ambrose Talisuna, Regionaldirektor des Gesundheit-Notfallprogramms der Weltgesundheitsbehörde. "Ich bitte alle Nationen, sich an unsere dementsprechende Direktive zu halten, die auf Artikel 43 der WHO-Regularien basiert: Gesundheitsmaßnahmen sollten faktengestützt sein."

Safari sicherer als Weihnachtsmarkt

Fast entschuldigend haben Regierungsvertreter in Berlin, London und Washington Südafrika für ihre gute Arbeit gelobt. Doch was hilft das? Jede dieser Nationen hat drakonische Einreise- und Transportverbote verhängt. Aus den USA, Großbritannien und Deutschland kommt der Großteil der Touristen im südlichen Afrika. Der wirtschaftliche Schaden ist immens und vor allem ungerechtfertigt. Die Tourismusbranche hatte endlich wieder Buchungen, nach zwei Jahren Ebbe.

Jetzt bleiben nur Massenstornierungen, obwohl Reisen in Safarigebiete Namibias, Südafrikas oder Botswanas durchaus sicher sind. Mehr Platz als auf jedem Weihnachtsmarkt in Deutschland gibt es allemal. Aber wer kann sich nach der Rückkehr nach Hause 14 Tage Quarantäne leisten? Deutschlands Maßnahme soll Sicherheit vermitteln, aber sie schützt nicht vor der Verbreitung der Omikron-Variante. Im Gegenteil.

"Das ist großer Blödsinn. Eine kurze Quarantäne-Phase mit wiederholter Testung wäre in meinen Augen ein besseres Instrument, um größtmögliche Sicherheit zu gewähren", sagt Professor Preiser. Warum? Das sieht man in anderen Ländern, in denen mithilfe von Routinescreening während der Quarantäne Omikron-Fälle entdeckt wurden. "Das sind teilweise Patienten, die nicht krank waren. Sie waren geimpft und dennoch infiziert. Sie entdeckt man nicht, wenn man sie wie in Deutschland in Quarantäne steckt und sagt: Bei Krankheitsanzeichen bitte testen", so der 56-jährige Virologe.

Nachweis per PCR-Test

"In solchen Zeiten lernt man wirklich seine Freunde und Feinde kennen", donnerte Botswanas Präsident Mokgweetsi Masis in einem CNN-Interview. Das Nachbarland Südafrikas hatte ähnlich schnell Daten über eine seltsame anmutende neue Variante geteilt und eng mit den Kollegen im Süden zusammengearbeitet. Das war exzellente Arbeit, das Ziel gemeinnützig. Saubere Arbeit in einer Pandemie.

Während man sich diese Woche am Kap von Afrika geschockt gegen das Prügelknaben-Image wehrte, begannen Labore in aller Welt mithilfe südafrikanischer Forschungsergebnisse im eigenen Land nach Omikron-Proben zu suchen. Dabei hilft eine weitere südafrikanische Entdeckung: Einem Laborbetreiber hier fiel auf, dass der PCR-Test des gängigen Herstellers Thermo Fisher bei der Omikron-Variante das S-Gen nicht anzeigt. Der Hintergrund ist kompliziert, die Wirkung aber leicht zu verstehen: Die Omikron-Variante kann anders als alle anderen bisherigen Varianten schnell und kostengünstig mit diesem PCR-Test nachgewiesen werden. Jede Probe muss trotzdem sequenziert werden, aber man hat schneller eine Übersicht über Ausbrüche, kann schneller handeln. Natürlich werden nun in zahlreichen Omikron-Varianten Fälle gefunden.

"Ich weiß nicht, ob andere Länder, die auch eine gute Überwachung machen, auf unerkannten Fällen gesessen haben?", sagt Preiser. "Ich denke, das würde über kurz oder lang rauskommen. Aber es ist durchaus denkbar, dass der Ausgangspunkt tatsächlich nicht bei uns in Südafrika ist, sondern dass es hergebracht und von uns entdeckt wurde." Zahlreiche Cluster junger Partygänger brachten die Omikron-Fälle in Südafrika ans Licht. "Genau so, wie es sein sollte", sagt Preiser. Inzwischen wurden außerhalb Afrikas zahlreiche Proben sequenziert, die älter als die in Südafrika und Botswana sind.

Makel in südafrikanischer DNA

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"Wir wissen nicht, wo die Omikron-Variante ihren Ursprung hat", warnt auch Nicksy Gumede-Moeletsi, hochrangige Virologin in der Weltgesundheitsorganisation. Fakt ist: Am 25. November 2021, als Omikron von der Weltöffentlichkeit wie ein Makel in die südafrikanische DNA eingestampft wurde, kursierte die besorgniserregende Variante schon in Europa. Botswanas Präsident Mokgweetsi Masisi gab inzwischen bekannt, die ersten vier Omikron-Patienten in seinem Land waren Diplomaten, die aus Europa einreisten.

In diesem Licht wirkt es fast, als sei das südliche Afrika doppelt bestraft. Die von Omikron angetriebene vierte Corona-Welle verbreitet sich inzwischen wesentlich schneller als vorherige in Südafrika. Die Kurve ist erschreckend steil und Berichte über eine hohe Zahl von Kindern unter vier Jahren, die in Krankenhäuser eingeliefert werden, sind besorgniserregend. Auch Geimpfte und Genesene mit Infektionsdurchbrüchen sind zahlreich. Das ist ein harter Schlag, denn in Südafrika ist nur ein Drittel der Bevölkerung geimpft. Es gibt zwar inzwischen genügend Impfstoff, aber man hatte erst spät Zugang dazu, denn die Länder, die nun Reiseeinschränkungen verhängen und Südafrika wirtschaftlich schaden, hatten lange Impfstoff gehortet. Es ist eine nicht endende Geschichte.

Quelle: ntv.de

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