Politik

Wieduwilts Woche Endlich sind die Grünen wieder peinlich

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Würde gerne den Worten einer Parlamentspoetin lauschen: Katrin Göring-Eckardt.

(Foto: picture alliance / Flashpic)

Während Pandemie, Inflation und kriegslüsterne Russen an die Tür hämmern, haben die Grünen eine hübsche Idee: Eine Parlamentspoetin muss her! Wen haben die Deutschen da eigentlich an die Macht gewählt?

Niemand kann so mit vor Entsetzen brüchiger Stimme "Die Grünen!" hauchen wie Horst Seehofer, als er einst über die österreichische Koalition sprach. Dieser Tage allerdings fühle ich mit Seehofer, was bei Gott nicht oft vorkommt, und auch mir entfährt ein zittriges "Die Grünen!". Die Partei findet nämlich zu schrillen Tönen zurück. Das passt einerseits in den etwas nostalgischen Zeitgeist ("Wetten, dass..?", "Traumschiff", etc.), ist aber andererseits angesichts grüner Regierungsbeteiligung durchaus alarmierend.

Lange Zeit hatte sich die Partei ja recht gut zusammengerissen. Niemand forderte irgendetwas Irres ("Veggyday" pp.), innerparteilich stritt man fast lautlos, vorbildlich diszipliniert hievte die Partei die Realos an die Macht, still und leise kürte sie ihre Kanzlerkandidatin und kam schließlich passabel, wenn auch ohne Kanzlerinnenkür, durch den Wahlkampf 2021. Manche sahen in den Grünen gar eine neue konservative Volkspartei.

Doch nach dem Marsch in die Institutionen ist es mit der Ruhe wohl vorbei: Die peinlichen Grünen sind zurück, der übergriffige Etatismus auch. Auftritt Anne Spiegel: Männer sollen zur Hälfte im Haushalt helfen, meint die für solche Fragen offenbar zuständige Familienministerin gerade im Interview mit der "Welt". "Für mich gehört zu einem modernen Familienbegriff, dass Frauen nicht mit hängender Zunge durch den Alltag hecheln und sich fragen, wie sie nebenbei noch den Kuchen fürs Schulfest gebacken kriegen."

Backzuständigkeit ist Bundespolitik

Das mag sein, aber ist die innerfamiliäre Backzuständigkeit Teil des Regierungsauftrags? Die Lage ist allerdings noch ernster: Ihr Mann habe, berichtet die Ministerin, nämlich "Diskriminierungserfahrungen" gemacht. Und zwar diese: Frauen hätten ihm im Café zeigen wollen, wie man richtig das Fläschchen gibt. Traumatisierend!

Hier, am Fläschchen, zeigen sich offensichtlich die Verwerfungen unserer Gesellschaft, die Gräben zwischen woken Fläschchenmännern und reaktionären Cis-Frauen. Vielleicht hülfe dem diskriminierten Manne ein Gedicht, vorgetragen von einer Parlamentspoetin.

Eine solche hat Spiegels Parteifreundin und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt vorgeschlagen. Vorbild ist die schwarze Dichterin Amanda Gorman, die Joe Biden dichterisch ins Amt des US-Präsidenten begleitete. Den konkreten Vorschlag machten hierzulande die Schriftsteller Mithu Sanyal, Dmitrij Kapitelman und Simone Buchholz in der "Süddeutschen Zeitung".

Selbstverzückt zwischen Christstollen und Mandarine

Auftrag der kanadischen Parlamentspoetin sei es, schreiben die Autoren, "neben all den offiziellen, repräsentativen Aufgaben, also etwa Gedichte zu gewissen Anlässen vorzutragen, ganz generell für die Poesie im Parlament und um das Parlament herum zuständig zu sein, die Geschichten und Geschichte Kanadas zu erzählen, und sich allem zu widmen, was dazugehört: der Schönheit und dem Horror, den Ideen und dem Scheitern".

Interessanter Zeitpunkt: Wir rauschen mit flattrigen Nerven in eine Omikron-Wand, Russland hebt die Kriegsgefahr auf ein 30-Jahres-Hoch, die Teuerungsrate macht die Armen noch viel ärmer und jetzt soll der Steuerzahler eine Staatsdichterin finanzieren, um Horror auf Scheitern zu reimen? Wenn die Grünenpolitikerin ihre Entkopplung von der Realität so grotesk wie möglich demonstrieren wollte, hat sie hierfür einen effektiven Weg gefunden.

In welcher Stimmungslage "KGE" und die Poesielobbyisten ihre Begeisterung entfalteten, illustriert nichts so schön wie das von der Politikerin gepostete Foto. Zwischen Christstollen und gepulter Mandarine tauschen sehr woke Elitenvertreter in warmer Stube selbstverzückte Blicke aus. "Mit Poesie einen diskursiven Raum zwischen Parlament & lebendiger Sprache öffnen" frohlockte Göring-Eckardt dazu auf Twitter.

Steuergeld für staatliche PR-Poeten

Wie bitte? Diskursiver Raum zwischen Parlament und lebendiger Sprache? Wenn die Sprache auf der einen Seite "lebendig" ist, dann ist sie im Parlament wohl unlebendig, was mit Blick auf Reden von Olaf Scholz durchaus stimmt. Aber im neuen "diskursiven Raum" zwischen lebendiger Sprache und toter Scholzrede liegt dann was, Schrödingers halbtote Katze? Ist das poetische Quantenphysik? Oder doch nur Soziologenprosa?

KGE stellt klar: "Poesie kann Politik nicht ersetzen, sondern übersetzen. Übersehenes sichtbar und Technisches sagbar machen." So ist das also: Es werden schlicht PR-Poeten gesucht, Maskottchen, die zur Politik der Bundesregierung schöne Verse finden. Deren Erzeugnisse sollen dann auch in Leuchtschriften auf dem Parlament erstrahlen, schreiben die Autoren, und, interessanter Nebenaspekt, der blöden AfD auf die Nerven gehen: Die Parlamentspoetin sei "endlich mal etwas, das die AfD aushalten muss, nicht immer umgekehrt" heißt es wörtlich im von KGE beklatschten Vorstoß.

Es ist wirklich eine pfauenhaft dumme, gespreizte und entrückte Schrottidee. Allein die fröhliche Ankündigung, sich mit steuerfinanzierter Parlamentspoesie gegen eine einzelne demokratisch gewählte Partei zu positionieren, sei es auch ein gäriger Haufen wie die AfD, müsste noch dem dichtesten Dichter als nicht ganz dicht dünken. KGE als Bundestagsvizepräsidentin hätte schon deshalb zurückhaltender reagieren müssen - sie ist nicht Kulturstaatsministerin, das ist nämlich Claudia Roth. Das Bundestagspräsidium ist qua Funktion zur Neutralität gehalten. Es ist nicht der lyrische AfD-Einheizer von ganz oben.

"Missverständnis künstlerischer Tätigkeit"

Doch Staat und Partei, das geht bei den Grünen häufiger durcheinander, etwa bei der hessischen Umweltministerin Priska Hinz. Erst wenige Tage zuvor hatte die AfD gegen die Politikerin einen juristischen Sieg wegen fehlender Neutralität staatlicher Stellen errungen: Das Ministerium hatte den Hashtag #NoAfD verwendet und nach einer Abmahnung kleinlaut der Partei versprochen, derlei nicht wieder zu tun - wegen des Gebots der staatlichen Neutralitätspflicht.

Es ist daher wohl ganz gut, dass die Grünen nicht unbeaufsichtigt regieren. Gern hätte ich Wolfgang Kubickis Gesichtszügen beim Entgleisen zugesehen, als KGE ihm die Idee der Staatspoetin im Bundestagspräsidium servierte. Kubicki, der Charles Bukowski der Bundespolitik ("Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock"), antwortete für seine Verhältnisse eher zahm: Er halte nicht viel davon, sagte er, das sei ein "elitäres Projekt" und er sehe, "dass hinter dieser Idee ein großes Missverständnis künstlerischer Tätigkeit steckt", Künstler sollten nämlich eigentlich "Stachel im Fleisch" sein.

In der Tat, so denkt man sich das - einerseits. Andererseits läuft Howard Carpendale gerade für eine staatliche Impfkampagne durch die deutschen Fernseher - Hello Again. Das trifft sich gut, denn er, Carpendale, wäre mein Favorit für den Parlamentspoetenposten. Carpendale verfügt über Texte, die zur Larifari-Haltung der Ampel bei gewissen Pandemieangelegenheiten wie der Impfpflicht gut passen. So könnte er nach einer narkotisierenden Scholz-Konferenz vor das Mikrofon treten und dies vortragen:

Für mich war es nicht so wichtig
ob was falsch war oder richtig
wenn ich damals Fehler machte
war das erste, was ich dachte
alles kommt so, wie es kommt.
Na Und?

Gut, Carpendale ist nicht die von den Schriftstellern herbeigewünschte "junge, türkischstämmige Parlamentspoetin", bringt als gebürtiger Südafrikaner aber wenigstens Migrationshintergrund mit. Und, wer weiß, vielleicht kann er ja auch Kuchen backen.

Quelle: ntv.de

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