Politik
Zuschauer werden über das Spielfeld aus dem Stadion geleitet.
Zuschauer werden über das Spielfeld aus dem Stadion geleitet.(Foto: AP)
Samstag, 14. November 2015

Kein Albtraum, sondern Wirklichkeit: Erschreckend, wie langsam der Kopf arbeitet

Von Stefan Giannakoulis, Paris

Es ist eine Reise zu einem unwichtigen Länderspiel. Nach dem Ende der EM-Qualifikation tritt Deutschland in Paris an. Doch dann gibt es um das Stadion herum ein halbes Dutzend Terroranschläge mit mehr als 100 Toten - und man ist mittendrin.

Das Erschreckende ist, wie langsam der Kopf arbeitet, wenn es darauf ankommt. Wie lange es an diesem Freitagabend, in dieser Nacht im Stade de France gebraucht hat, um auch nur ansatzweise zu realisieren, was da gerade in Paris geschieht - während auf dem Rasen französische und deutsche Fußballspieler in aller Freundschaft gegeneinander antreten. Aber vielleicht kann ein Mensch das nicht fassen. Und wahrscheinlich ist das in dem Moment auch gut so.

Auch im Nachhinein ist es schwer, das alles zu strukturieren. Jetzt, da mich zwei freundliche Soldaten am frühen Samstagmorgen mit umgehängten Sturmgewehren den letzten Kilometer durch die abgesperrte Rue de Babylon im siebten Arrondissement zu meinem Apartment begleitet haben.

Ein Knall - dann ein zweiter

Es begann, ich klammere mich an die Chronologie, in der ersten Halbzeit mit einem Donnerschlag. Mit einem Böller, wie wir Journalisten auf der Pressetribüne glaubten. Schon ein sehr lauter Böller - aber was soll es sonst sein? Ein zweiter folgte, wieder sehr laut, wieder bin ich zusammengezuckt. Und dann habe ich in mein Notizbuch geschrieben, dass Mario Gomez, so schwerfällig wie die deutsche Mannschaft spielte, an diesem Abend nicht mehr zu vielen Torchancen kommen werde wie dieser in der 43. Minute.

Wie unfassbar bescheuert sich das jetzt liest. Ich bin erschrocken, wie klein einer denkt, wenn er nicht weiß, was Sache ist. Wenn er zum Beispiel keine Ahnung hat, dass die Terroristen auch versucht haben sollen, das mit 80.000 Menschen gefüllte Stadion in Saint-Denis, einem Vorort nördlich der Hauptstadt, zu stürmen. Das Stadion, in dem wir an diesem Abend saßen. Jetzt weiß ich es, und das ist beileibe keine scharfsinnige Erkenntnis: Nie war Fußball unwichtiger - wenn er denn jemals wichtig war.

Und plötzlich war die Angst da

In der Halbzeit sickerten die ersten Meldungen durch. Oder waren es nur Gerüchte? Wer berichtet das, welche Quelle? Ein Anschlag? Mehrere Anschläge? Selbstmordattentäter? Ein Blutbad? Eine Geiselnahme? Ein Albtraum, der keiner war. Sondern bittere Wirklichkeit.

Hubschrauber kreisten über dem Stadion, in dem eine Atmosphäre herrschte, wie sie für den, der inzwischen mitbekommen hatte, dass in der Stadt Terroristen wüten, bizarrer nicht hätte sein können. Auf dem Rasen rannten und spielten sie, wie sie immer rennen und spielen. Und auf den Rängen klatschten und riefen sie, wie Fans halt klatschen und rufen. Um 22.45 Uhr schoss Frankreich das zweite Tor gegen den Weltmeister. Die Menschen im Stadion jubelten, sie schwenken ihre blau-weiß-roten Fähnchen. Vive la France!

Es war erstaunlich ruhig

Da hatte der französische Präsident Francois Hollande das Stadion längst verlassen. Die Meldung machte die Runde, das Stadion sei abgeriegelt und niemand komme mehr hinaus. Und plötzlich war die Angst da: Wie komme ich nach Hause, quer durch die Stadt, wenn doch die Metro nicht mehr fahren soll? Und überhaupt, haben dir nicht alle geraten, auf keinen Fall öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen? Aber zu Fuß durch das Chaos, durch eine Stadt, in der der Terror an mehreren Orten sein unfassbares Unheil anrichtet? Wie soll das gehen? Näher dran zu sein bedeutete in diesem Fall nicht, auch mehr zu wissen. Das Böse und seine Folgen waren zwar in der Stadt, aber für uns nicht zu sehen.

Im Stade de France gab es keine Toten, keine Verletzten. Dort war es nach dem Abpfiff erstaunlich ruhig. Ich mag mich täuschen, aber wie die Zuschauer das Stadion verlassen haben, wie sie, weil einige Tore noch geschlossen waren, auf den Rasen geleitet wurden - das machte einen geordneten Eindruck. Auch wenn einem niemand gesagt hat, was zu tun ist. Die einzig greifbare Information war die des Mannes, der sagte, dass er den Presseraum im Stadion gleich schließen müsse - wie er ihn stets um 1.00 Uhr schließe. Er hat es dann doch nicht getan.

Irgendwann bin ich dann doch zu Hause angekommen, erst mit dem Bus, dann mit dem Taxi - und den letzten Kilometer zu Fuß. Der Taxifahrer hat dann noch gefragt, woher ich komme. Aus Deutschland, habe ich ihm gesagt. "Ha, wir haben 2:0 gewonnen." Wahrscheinlich ist es so, dass nicht nur mein Kopf langsam arbeitet.

Quelle: n-tv.de

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