Politik

Experte über Effekte von Social Bots "Es bleiben diejenigen, die sich anschreien"

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Social Bots können einen gesellschaftlichen Diskurs lauter, schriller und aggressiver machen. Gerade ist das auch in den USA zu beobachten.

(Foto: REUTERS)

Mit ganzen Armeen von falschen Facebook- und Twitteraccounts versuchen Parteien weltweit Einfluss auf die Meinungen der Wähler zu nehmen. Die deutschen Parteien haben sich auf einen Nichtangriffspakt geeinigt - doch der könnte nur auf Zeit geschlossen sein, sagt Experte Simon Hegelich im n-tv.de-Interview.

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Simon Hegelich ist Professor an der Hochschule für Politik der Technischen Universität München. Er forscht an der Schnittstelle von Politik und Computerwissenschaft und beschäftigt sich dabei auch mit Social Bots.

(Foto: Privat)

n-tv.de: Social Bots sind unechte Twitter- oder Facebook-Accounts, die automatisiert Meinungen verbreiten und uns manipulieren sollen. Das klingt ziemlich gruselig.

Simon Hegelich: Ja, so ein bisschen. Das Problem bei Bots ist, dass sie skalieren. Das heißt, man kann mit nur einem Programm nicht nur einen Account, sondern eine Million falsche Identitäten steuern. Es ist aber schon die Frage, inwieweit sich Leute von solchen politischen Meinungsmaschinen beeinflussen lassen.

Was können Social Bots denn bewirken?

Sie verzerren Trends. Es kann sein, dass ein Thema in sozialen Netzwerken durch sie total wichtig erscheint – einfach weil sie unzählige Botschaften dazu absondern. In Wirklichkeit interessiert das Thema aber niemanden, weil sich ausschließlich ein Botnetz damit beschäftigt. Das ist für sich genommen schon gefährlich. Schlimmer ist, dass Bots durch aggressive Botschaften zu einem anderen Diskussionsklima beitragen können. Gemäßigte Leute ziehen sich zurück und es bleiben nur noch diejenigen, die sich gegenseitig anschreien. Das kann ziemlich heftige Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Diskurs haben.

Was können Social Bots nicht?

Sie können nicht so ohne weiteres Menschen "umdrehen". Das sind keine Gehirnwäsche-Apparate, die die Meinung der Leute wirklich verändern. Sie verstärken sie vielmehr und können extremere Positionen salonfähig machen. Was sie technisch zumindest auch noch nicht gut können, ist wirklich zu kommunizieren. Wenn man via Twitter oder Facebook versucht, sich mit einem Bot zu unterhalten, stellt man ziemlich schnell fest, dass es kein Mensch ist.

Die Haltung der Parteien

Kanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Rede zum Deutschlandtag der Jungen Union eine Diskussion über Social Bots angeregt. Sie schlug vor, dass sich die Parteien darauf einigen, im Bundestagswahlkampf auf den Einsatz zu verzichten. Von SPD, Grünen, Linkspartei und FDP kam sofort Zustimmung. Die AfD erklärte zunächst, "selbstverständlich" auch Bots nutzen zu wollen. Später sagte AfD-Vorstand Alice Weidel, man werde "natürlich keine Social Bots einsetzen, die auf Seiten Dritter im Namen der AfD automatisiert posten oder ähnliches".

Wie kann ich Social Bots sonst erkennen?

Viele erkennt man auf den ersten Blick: Spambots, die Nachrichten mit einem Link auf eine russische Videoplattform verbreiten zum Beispiel. Da erkennen Nutzer schnell, dass sie einfach nur bei einer Spamschleuder gelandet ist. Bei echten Social Bots wird es schon schwieriger. Aber auch sie machen eigentlich immer irgendwelche Fehler: Sie nutzen seltsame Fotos, häufig von jungen gutaussehenden Frauen. Meistens produzieren sie viel mehr Posts, Likes und Kommentare als ein Mensch innerhalb einer kurzen Zeit schaffen kann. Bei Twitter ist es auch so, dass Bots viel mehr anderen Leuten folgen als sie selbst Follower haben. Aber die richtig guten Bots kennen die Tricks, wie man sie erkennt, und passen sich an.

Weltweit sind Wahlkampfmanager auf Social Bots scharf. Gibt es Beispiele, wo sie schon für eine Seite gewinnbringend eingesetzt wurden?

Wir können nicht wissen, was passiert wäre, wenn ein Wahlkampf ohne Bots gelaufen wäre. Aber es gibt viele Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass Social Bots auf die Präsidentschaftswahl Mexikos im Jahr 2012 einen Effekt hatten. Es gibt Studien zum Brexit-Votum, die sagen, Social Bots hätten die Entscheidung beeinflusst. Diese halte ich allerdings nicht für besonders belastbar. Und wir stellen fest, dass Twitter-Bots im US-Wahlkampf die Meldungen der Kandidaten extrem populär machen. Die Botschaften von Donald Trump und Hillary Clinton werden dadurch von vielen Leute zur Kenntnis genommen.

Nehmen wir an, ich bin Wahlkampfmanager einer Partei und will Social Bots einsetzen. Wie muss ich konkret vorgehen?

Ich kann mir von einem Drittanbieter für wenig Geld Tausend falsche Accounts kaufen. Dazu gibt es eine einfache Software, mit der ich das steuern kann. Ich kann das auch auslagern an Firmen, die Social Media Optimization für mich betreiben. Plötzlich habe ich dann ganz viele neue Freunde auf Facebook, auch wenn das dann alles Bots sind. Das wäre der einfachste und recht günstige Weg. Was wir im amerikanischen Wahlkampf sehen, sind durchprofessionalisierte Social-Media-Strategien, in denen Social Bots eine riesige Rolle spielen. Da werden Millionensummen investiert. Das werden wir in Deutschland vermutlich nicht so schnell sehen.

Die deutschen Parteien haben Social Bots abgeschworen. Ist das glaubwürdig?

Was die offizielle Parteilinie anbelangt, kann man dem trauen. Das heißt aber natürlich nicht, dass nicht andere, die sich für eine Partei einsetzen wollen, nicht doch auf diese Mittel zurückgreifen. Und wenn Social Bots erst einmal erfolgreich im Einsatz sind, kann sich die Frage für die Parteien noch einmal neu stellen. Doch selbst dann wird das mit den USA nicht vergleichbar sein.

Warum?

Die Verhältnisse sind in Deutschland im Vergleich zu den USA relativ transparent. Da laufen solche Sache über Super-PACs, die unabhängig von den Kampagnen Geld einsammeln, um Clinton oder Trump zu unterstützen. Und sie müssen sich dann nicht notwendig an ethische Vorgaben der Parteien halten.

Wo liegt die ethische Grenze? Wahlplakate sind doch auch einseitig und wollen mich von einer bestimmten Botschaft überzeugen?

Das ist eine schwierige Frage, gerade im Online-Wahlkampf. Da kommen wir sehr schnell in eine Grauzone. Wenn es gut gemacht ist, sammeln Kampagnen Daten von Leuten, die sich online bewegen und werten sie aus. Wenn ich mich etwa gezielt an Leute auf Facebook wende und ihnen Botschaften zeige, von denen ich glaube, dass sie dafür empfänglich sind, hört sich das schon ziemlich manipulativ an. Aber im Prinzip ist es auch nichts anderes als wenn sich der SPD-Kandidat in Bottrop in die Trinkhalle stellt und den Leuten erzählt, was sie gerne hören wollen.

Mit Simon Hegelich sprach Johannes Graf

Quelle: n-tv.de

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