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Dieser Athener wartet nicht auf einen Reisepass, sondern darauf, dass er 120 Euro abheben kann - mehr bekommen Rentner in Griechenland nicht pro Woche.
Dieser Athener wartet nicht auf einen Reisepass, sondern darauf, dass er 120 Euro abheben kann - mehr bekommen Rentner in Griechenland nicht pro Woche.(Foto: AP)
Samstag, 11. Juli 2015

Faktencheck: Geht es den Griechen besser als den Osteuropäern?

In Deutschland kommt keine Talkshow zum Thema Griechenland ohne den Hinweis aus, dass es den Griechen immer noch besser geht als den Menschen in den osteuropäischen Euro-Ländern. Aber stimmt das auch?

n-tv.de: Ist der Lebensstandard in Griechenland wirklich höher als in den osteuropäischen Ländern, die den Euro eingeführt haben?

Sebastian Leitner ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) und Experte für die Länder des Baltikums und für soziale Fragen.
Sebastian Leitner ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) und Experte für die Länder des Baltikums und für soziale Fragen.(Foto: wiiw)

Sebastian Leitner: In der Eurozone sind Lettland und Litauen die Länder mit dem niedrigsten Lebensstandard. Auch wenn das Bruttoinlandsprodukt in Griechenland um 30 Prozent gefallen ist, sind die Griechen noch nicht auf dem Niveau von Lettland und Litauen angelangt. Das betrifft allerdings nur die nominellen Werte. In den osteuropäischen Ländern sind die Preise niedriger, dort hat ein Euro mehr Kaufkraft als in Griechenland.

Wie sieht das Verhältnis zwischen Griechenland und den osteuropäischen Euro-Staaten aus, wenn man die Kaufkraft berücksichtigt?

Kaufkraftbereinigt rangiert Griechenland beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf mittlerweile hinter der Slowakei, Estland und Litauen. Lettland ist das einzige Euroland mit einem niedrigeren BIP pro Kopf. Bislang liegen nur Zahlen bis 2013 vor, 2014 wird das vermutlich noch etwas dramatischer ausschauen. 2013 lag das BIP pro Kopf in Griechenland bei 19.300 Euro pro Jahr, in Litauen waren es 19.400 Euro, in Slowenien 21.800 Euro, in Lettland nur 17.000 Euro. Zum Vergleich: Deutschland liegt bei 32.600 Euro.

Auch auf die Mindestlöhne wird häufig verwiesen, die in Griechenland höher sind als in den osteuropäischen Euro-Staaten.

Da die Preise in Griechenland höher sind, werden dort natürlich auch höhere Mindestlöhne gezahlt: Die Griechen müssen in den Supermärkten mehr bezahlen, Mieten und Hauspreise sind in Griechenland um einiges höher als in den baltischen Länder und der Slowakei. Auch beim Vergleich des Rentenniveaus spielen die Wohnkosten eine Rolle.

Wie ist es bei den Renten – geht es den griechischen Rentnern besser als Rentnern in Estland, Litauen oder Lettland?

Die kaufkraftbereinigte Durchschnittsrente ist in Griechenland höher als im Baltikum. Aber das hilft bei der Beantwortung dieser Frage nur begrenzt weiter. Staatlicher Wohnraum wurde in osteuropäischen Ländern im Zuge der Privatisierungen häufig zu einem sehr niedrigen Preis verkauft, so dass viele Rentner im Baltikum sehr niedrige Wohnkosten haben. Dazu kommt, dass es im Baltikum üblich ist, dass Menschen noch einige Jahre weiterarbeiten, wenn sie in Rente gehen. Anders als in Deutschland und Österreich wird ihnen von ihrer Rente dann auch nichts abgezogen. Natürlich könnte man den Griechen vorschlagen, auch einfach weiterzuarbeiten. Aber das wäre angesichts der hohen Arbeitslosigkeit derzeit wohl kaum möglich. Solche Faktoren machen es schwer, die Bezüge von Rentner in Griechenland und den baltischen Staaten zu vergleichen.

Kann man sagen, ob es in Griechenland oder in den osteuropäischen Euro-Staaten mehr Altersarmut gibt?

Dazu gibt es Statistiken. Die Armutsraten der 65- bis 74-Jährigen beträgt in Griechenland 20 Prozent, in den baltischen Staaten liegt sie in etwa bei 30 Prozent, in Slowenien unter 20 Prozent und in der Slowakei bei etwa 13 Prozent. Gleichzeitig ist es so, dass die Armutsrate in Lettland und Litauen zwischen 2008 und 2014 gesunken ist. Das heißt, für diese Länder ging es nach oben, während es für Griechenland nach unten ging.

Mit Sebastian Leitner sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de