"Ein Jahrzehnt oder länger"Expertin: Europa erst in vielen Jahren militärisch unabhängig

Jahrelang wird das Militär in Europa vernachlässigt, Gefahren sind quasi nicht existent. Seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine sieht das anders aus. Trotzdem stehen die Armeen auf diesem Kontinent noch nicht auf eigenen Beinen. Bis es so weit ist, wird es wohl noch lange dauern.
Europa bräuchte nach Einschätzung der Sicherheitsexpertin Jana Puglierin mehrere Jahre, um militärisch unabhängig von den USA zu werden. "Fünf Jahre mindestens, für Bereiche wie Aufklärung, Überwachung, Satelliten vielleicht sogar ein Jahrzehnt oder länger", sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe auf eine entsprechende Frage. Es gehe insbesondere um "strategische Schlüsselbereiche, über die europäische Armeen bislang noch nicht verfügen" - etwa Aufklärung, Zielerfassung, die integrierte Luftverteidigung oder den strategischen Lufttransport.
Europa müsse sich allein verteidigen können, sagte Puglierin, die das Berliner Büro des Thinktanks European Council on Foreign Relations leitet. "Es gibt nicht wirklich eine Alternative, außer wir dienen uns einer Schutzmacht so an, dass wir eine Art Protektorat werden." Das bisherige Nato-Modell, in dem die Alliierten den USA freiwillig als Bündnispartner gefolgt seien, sei "offensichtlich nicht mehr im Angebot", sagte Puglierin auch mit Blick auf Trump, der in den vergangenen Wochen wiederholt mit der Annexion der zum Nato-Partner Dänemark gehörenden Arktisinsel Grönland gedroht hatte.
Auch nach Donald Trump werde "es nicht wieder werden, wie es einmal war, denn in den USA haben sich die Prioritäten verschoben und die Amerikaner sind nicht länger bereit, so große Lasten zu tragen", sagte die Sicherheitsexpertin mit Blick auf die Beistandsgarantie der USA im Bündnisfall. "Die Europäer sollten sich darauf besinnen, für ihre Kernsicherheit selbst zu sorgen, zumindest im konventionellen Bereich."
"Trump hat viel Verwirrung gestiftet"
In der Diskussion um eine mögliche EU-Atombombe gab sich Puglierin skeptisch. Die Nuklearwaffe sehe sie aus vielen Gründen nicht als Ersatz zum atomaren Schutzschirm der USA. Zugleich widerstrebe ihr die Vorstellung, dass sich europäische Länder einzeln mit solchen Waffen ausrüsten würden. "Priorität müsste haben, mit den Atommächten Frankreich und Großbritannien einen pragmatischen Weg zu suchen, wie sie stärker zur gesamteuropäischen Abschreckung beitragen können."
Deutschland ist anders als andere Nato-Partner keine Atommacht, stellt aber im Rahmen der nuklearen Abschreckung der Nato Kampfflugzeuge bereit, die im Verteidigungsfall mit US-Atombomben bestückt werden könnten, die hierzulande lagern. Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump wachsen die Zweifel daran, dass sich die Europäer im Ernstfall noch auf den atomaren Schutz der USA verlassen können. "Trump hat viel Verwirrung gestiftet und Vertrauen beschädigt", sagte die Sicherheitsexpertin. Der französische Präsident Emmanuel Macron schlägt seit Längerem ein europäisches atomares Schutzschild vor.