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"Wir wollen nur die Kinder" Familien der IS-Toten kämpfen für ihre Enkel

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Im Regen vor dem Auswärtigen Amt: Intessar Aataba will ihre Enkel nach Deutschland holen dürfen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Erst fallen ihre Söhne für den Islamischen Staat, nun sitzen Enkel und Töchter in Lagern in Syrien fest. Viele Angehörige der Terror-Kämpfer begreifen die Welt nicht mehr: Warum zogen ihre Kinder in den Krieg? Und warum will Deutschland die Überlebenden nicht wieder haben?

Intessar Aataba steht im Regen vor dem Auswärtigen Amt und weint. Immer wieder reckt die 51-Jährige die Arme hoch und zeigt auf das Ministerium. "Wir wollen doch nur die Kinder. Kinder sind unschuldig", ruft sie. Die gebürtige Syrerin ist an diesem Morgen aus Hamburg angereist, um mit anderen Angehörigen von getöteten Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für eine Rückkehr von Frauen und Enkelkindern zu demonstrieren, die in Syrien von kurdischen Gruppen festgehalten werden.

Dass mit ihrem Sohn Bilal etwas nicht stimmte, sei ihr im Frühjahr 2014 aufgefallen, erzählt sie. Er habe radikale Islamisten-Websites angeschaut, sei zum Beten in die Taqwa-Moschee gegangen, einen bekannten Hamburger Salafisten-Treff. Im Juni 2014 sei sie zur Polizei gegangen. Dort habe man sie beruhigt. Ein Beamter habe ihr gesagt: "Frau Aataba, haben Sie keine Angst, wir überwachen Ihren Sohn." Wenige Wochen später sei Bilal bereits in Syrien gewesen, zusammen mit einer gleichaltrigen Freundin, einer Deutschtürkin, die er aus der Schule kannte.

Aatabas Enkelsöhne sind jetzt drei und ein Jahr alt. Sie gehören zu den Kindern des untergegangenen "IS-Kalifats". Vor einem Monat sei sie bei ihnen gewesen, im Lager Roj im Norden Syriens, berichtet die Großmutter. Es sei nicht leicht gewesen, dorthin zu gelangen, so viele Straßensperren, "die Kurden haben mir viel geholfen", sagt sie. Schließlich habe sie ihre Schwiegertochter und die Enkelkinder sehen dürfen. Doch mit nach Deutschland nehmen durfte sie die junge Frau und die Kinder nicht.

Die Kurden hätten ihr gesagt, das sei Sache der Bundesregierung. Deshalb steht Aataba jetzt mit anderen Müttern, Vätern, Schwester und Brüdern hier im Regen. Eine deutsche Mutter mit Brille und langem Haar steht abseits. Sie möchte nicht mit Journalisten sprechen. In ihrem Blick: große Trauer.

"Dachte, dass meine Kinder hier glücklich werden"

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Zaiga Aseimi und ihre Tochter Anaya: Die Familie floh vor den Taliban nach Deutschland.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auch Zaiga Aseimi schweigt zuerst. Die 47-Jährige hat eine Tochter, ihre Schwiegertochter und sechs Enkelkinder in Syrien. Sie lässt ihre Tochter Anaya sprechen, die besser Deutsch kann. Doch dann erzählt auch diese Mutter, die aus Afghanistan stammt, in langsamen Sätzen, ihre Geschichte. Sie sei in der Heimat politisch aktiv gewesen - gegen die Taliban. Vor denen sei sie schließlich mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen. Das war 1997. Ihr Ex-Mann nickt. "Ich habe gedacht, dass meine Kinder hier glücklich werden können", sagt er. Seine Stimme klingt resigniert.

Die Mutter legt die Hand auf ihre Brust, da wo das Herz liegt. Sie sagt: "Hier, viele Schmerzen." Ihre Tochter trägt einen engen roten Pullover. Anaya hat blondierte Haare und ist geschminkt. Der komplette Gegenentwurf zu den Kleidervorschriften des IS, der Frauen, in den von ihm kontrollierten Gebieten, nur in schwarzer Komplettverhüllung auf der Straße duldete. Anayas Bruder aber ist ins Pseudo-Kalifat des IS gereist. Seiner Mutter, Zaiga Aseimi, erzählte er damals, er wolle in die Türkei umziehen, um dort Geschäfte zu machen, eine Wohnung zu finden. Seine deutsche Frau sei ihm hinterhergereist. Aseimis zweite Tochter begleitete sie nach Istanbul - angeblich, weil die Schwiegertochter mit ihren vier Kindern nicht alleine reisen konnte.

  Vieles von dem, was danach geschehen sein soll, bleibt bruchstückhaft. Der Sohn wurde nach Angaben der Eltern schon vier Monate nach der Ausreise getötet. Seine deutsche Witwe ist heute im syrischen Lager Al-Hol, wo zahlreiche IS-Witwen mit ihren Kindern leben. Wie viele von ihnen noch an die Ideologie der Islamisten glauben, ist schwer zu sagen. Einige seien immer noch fanatisch, andere zeigten Reue, berichten Syrer mit Kontakten in die Lager. Die Tochter von Zaiga Aseimi ist im Lager Roj. Auch sie habe heute zwei Kinder, erzählt die Mutter. Den Vater dieser Kinder kennt die Großmutter nicht. Die Tochter rufe gelegentlich an. Sie will zurück nach Deutschland.

Verfassungsschützer betrachten IS-Nachwuchs mit Sorgen

Die US-Armee soll algerische Gefangene aus Syrien nach Algier ausgeflogen haben. Die Behörden des Kosovos haben vor einer Woche mehr als 100 Staatsbürger aus Syrien zurückgeholt, die dem IS angehört hatten. Die deutschen Behörden sind vorsichtig. Denn auch wenn die Frauen im IS-"Kalifat" nicht gleichberechtigt waren, heißt das nicht, dass sie nicht vielleicht doch Verbrechen begangen haben.

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Thomas Haldenwang, hat kürzlich in einem Interview erklärt, die Kinder, die mit ihren Familien nach Jahren im ehemaligen IS-Gebiet im Irak oder in Syrien nach Deutschland zurückkehrten, bereiteten den Behörden Sorgen. Sie hätten größtenteils Gewalt miterlebt und verehrten ihre gefallenen Väter als Helden.

Zurückkehrende Kinder von "Dschihadisten" sind auch ein Grund, weshalb das Bundesinnenministerium aktuell an einem Entwurf für eine Reform arbeitet, die in Zukunft auch die Speicherung von Informationen über Kinder erlauben würde. Bislang ist die Speicherung personenbezogener Daten in Dateien erst ab 14 Jahren gestattet.

Quelle: n-tv.de, Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa

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