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Samstag, 23. Juli 2016

Amok-Nacht von München: Feldjäger standen bereit

Beim Amoklauf in München waren nicht nur Hunderte Polizisten im Einsatz. Auch Soldaten wurden für einen möglichen Anti-Terror-Einsatz in Bereitschaft versetzt. Innenminister de Maizière fordert bei n-tv mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum.

Während des Amoklaufs in München sind am Freitagabend Feldjäger der Bundeswehr in Bereitschaft versetzt worden. Das sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Die Bereitschaft sei aufrecht erhalten worden, solange das Ausmaß des Anschlags nicht klar war. Über einen Einsatz der Soldaten hätte die Polizei entschieden. "Sie beobachten die Entwicklung einer Terrorlage und wissen genau, wann die eigenen Kräfte an ihre Grenzen kommen oder spezielle Fähigkeiten gefragt sind, über die nur die Bundeswehr verfügt", sagte die CDU-Politikerin.

Spezialeinsatzkräfte der Polizei in München.
Spezialeinsatzkräfte der Polizei in München.(Foto: AP)

Bundeswehreinsätze bei Terroranschlägen im Inneren sind umstritten. Seit Jahren wird über eine Grundgesetzänderung diskutiert, um solche Einsätze zu erleichtern. Die Union ist dafür, die SPD wehrt sich aber dagegen. In dem erst in der vergangenen Woche vom Kabinett verabschiedeten neuen Weißbuch zur Sicherheitspolitik verständigte man sich auf den Kompromiss, das Grundgesetz so zu interpretieren, dass die Bundeswehr bei größeren Anschlägen, zum Beispiel zur Evakuierung, eingesetzt werden kann.

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, kritisierte, dass die Bundeswehr in Einsatzbereitschaft versetzt wurde. Ein solcher Einsatz wäre weder notwendig gewesen, noch von der Verfassung gedeckt, sagte er bei n-tv. "Wir haben hervorragend ausgebildete Spezialkräfte", die auch bei einem anderen Verlauf des Abends ausgereicht hätten.

Keine Verbindung zum IS

Der Anschlag von München mit neun Toten geht auf das Konto eines vermutlich psychisch kranken Amokläufers. Den befürchteten Bezug der Bluttat zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gebe es nach bisherigen Erkenntnissen nicht, bestätigte Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Am Freitagabend war ein Terroranschlag eines möglicherweise islamistischen Kommandos wie in Paris noch nicht ausgeschlossen worden. Der 18-Jährige Einzeltäter erschoss vor und in dem Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen - darunter sechs Jugendliche.

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Anschließend tötete sich der Amokläufer vor den Augen von Polizisten, wie die Münchner Polizei nach der Befragung vieler am Einsatz beteiligter Beamter mitteilte. "Gegen 20.30 Uhr hatte demnach eine Streife der Münchner Polizei nördlich des Olympia-Einkaufszentrums Kontakt zum mutmaßlichen Täter. Als Reaktion auf die Ansprache der Beamten zog er unvermittelt seine Schusswaffe, hielt sie sich an den Kopf und erschoss sich", hieß es in der Polizeimitteilung. In der Wohnung des jungen Mannes wurde danach Material gefunden, das Verbindungen zum Amoklauf von Winnenden 2009 und zum Massenmord des Norwegers Anders Behring Breivik vor genau fünf Jahren vermuten lässt.

Der Amokläufer war nach den Worten de Maizières für die Sicherheitsbehörden zuvor ein unbeschriebenes Blatt - zumindest als Täter. "Gegen ihn waren bisher keine polizeilichen Ermittlungen bekannt." Deswegen habe es auch keine staatsschutzrelevanten Informationen gegeben. "Und es gibt auch keine Erkenntnisse der Nachrichtendienste über diese Person." Vor Jahren war er allerdings einmal Opfer eines Diebstahls geworden. Ein andermal war er, ebenfalls als Geschädigter, im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung unter Jugendlichen bei der Polizei registriert worden.

Möglicherweise sei der junge Deutsch-Iraner gemobbt worden, erklärte de Maizière. Die Frage, wie es zu solchen "Explosionen von Gewalt" kommen könne und ob die Tat absehbar war, müsse sich möglicherweise eher an das direkte Umfeld des 18-Jährigen richten als an die Sicherheitsbehörden. De Maizière bedauerte, dass das gesellschaftliche Klima rauer geworden sei. Zugleich machte er brutale Internetvideoas und Computerspiele für Gewaltexzesse verantwortlich.

Bei n-tv sprach sich de Maizière für mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum aus. Die Täter würden intelligenter, deshalb brauche Deutschland mehr Polizei und intelligentere Technik. Der Austausch zwischen den Ländern müsse international besser funktionieren. Doch auch der Minister räumte ein: "Mit letzter Sicherheit lassen sich Amokanschläge und Terrorläufe nicht verhindern."

Depressive Erkrankung

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Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä sagte, der 18-Jährige habe nach ersten Erkenntnissen von Ermittlern eine Erkrankung "aus dem depressiven Formenkreis". "Wir haben einige Hinweise dafür, dass eine nicht unerhebliche psychische Störung bei dem Täter vorliegen könnte", sagte auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

Die Getöteten stammten laut Andrä alle aus München und Umgebung. Viele Todesopfer waren minderjährig. Zwei 15-Jährige und drei 14-Jährige kamen ums Leben, weitere Opfer waren 17, 19, 20 und 45 Jahre alt. Unter den neun Todesopfern sind drei Frauen. Drei Tote stammten aus Familien aus dem Kosovo. Drei weitere Opfer waren Türken, eines Grieche.

Der Täter führte den Angaben zufolge eine illegale Pistole des Kalibers 9 Millimeter bei sich, die Seriennummer war ausgefräst. Der junge Mann habe über 300 Schuss Munition bei sich gehabt, sagte der Präsident des bayerischen Landeskriminalamtes, Robert Heimberger. Im Magazin habe sich noch Munition befunden.

Der 18-Jährige war Schüler, er ist in München geboren und aufgewachsen. Die Ermittler fanden in seiner Wohnung Bücher wie "Amok im Kopf. Warum Schüler töten". Auch eine Verbindung zum Massenmörder Breivik "liegt auf der Hand", sagte Andrä. Am Freitag war der fünfte Jahrestag von Breiviks Amoklauf in Norwegen.

Bayern will Polizei besser ausrüsten

Die bayerische Landesregierung will nach dem Amoklauf die Polizei besser ausstatten, wie Ministerpräsident Horst Seehofer nach einer Sondersitzung des Kabinetts in München sagte. "Die Bevölkerung kann sich darauf verlassen, dass wir als politisch Verantwortliche alles Erdenkliche tun werden, um unsere Bevölkerung zu schützen." Der CSU-Politiker ließ durchblicken, dass es mehr Geld für die Polizei geben soll - sowohl für zusätzliche Stellen als auch neue und bessere Ausrüstung. Am Freitagabend waren etwa 2300 Polizisten im Einsatz gewesen, darunter auch die Spezialeinheit GSG 9 der Bundespolizei.

Kanzlerin Angela Merkel zeigte sich nach dem Amoklauf vom Vorabend mit insgesamt zehn Toten geschockt. Zugleich lobte sie - wie auch de Maizière - die Einsatzkräfte für ihre "hochprofessionelle" Arbeit. "Sie waren und sind im besten Sinne Helfer und Beschützer der Bürgerinnen und Bürger." Die Zusammenarbeit der Behörden Bayerns und des Bundes habe "eng und nahtlos" funktioniert. Nun gehe es darum, die Morde vollständig aufzuklären. Deutschland trauere "mit schwerem Herzen um die, die nie mehr zu ihren Familien zurückkehren werden", sagte Merkel. Sie fügte an die Adresse der Angehörigen hinzu: "Wir denken an Sie, wir teilen Ihren Schmerz, wir leiden mit Ihnen."

Am kommenden Wochenende wird es im Münchner Maximilianeum einen gemeinsamen Trauerakt des Landtags, der Landesregierung und der Stadt München geben.

Quelle: n-tv.de