Bond und Blofeld im BundestagFrank Schätzing erklärt Abgeordneten, wie man gute Geschichten erzählt

Bestsellerautor Frank Schätzing spricht vor einem Gremium des Bundestags über die Klimakrise und wie sie gelöst werden kann. Inhaltliche Fragen stellen nur AfD und Grüne. Union und SPD erkundigen sich nach Tipps zur besseren Kommunikation - und wie man einen Bestseller schreibt.
"Wer von Ihnen hat Lust, als nächster Bond ein kleines bisschen die Welt zu retten?", fragt Bestsellerautor Frank Schätzing in den Sitzungssaal 3101 des Bundestags. Nur zwei Arme gehen zögerlich in die Höhe. Schätzing ist eingeladen zu einem Fachgespräch des Parlamentarischen Beirats für nachhaltige Entwicklung, es geht um "Schnelles Handeln in der Klimakrise - verschiedene Szenarien unserer Zukunft". Mit den zwei Händen gibt er sich nicht zufrieden: "Ich sitze hier im Bundestag und nur zwei Teilnehmer wollen die Welt retten? Das geht besser. Sie kriegen auch einen Aston Martin." Sogleich schießen deutlich mehr Arme in die Höhe. "Sehr gut. Willkommen, 007, es gibt Arbeit."
Knapp 30 Minuten spricht der Autor dann über den Klimawandel und wie Deutschland zum weltweiten Vorbild werden könne. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem Thema und ist vor allem für seine Ökothriller bekannt. Schätzing hat aber auch mehrere von Experten wohlrezensierte Sachbücher über mögliche Lösungsansätze für die Zukunft geschrieben. Er ist nicht nur Schriftsteller, er ist auch Experte.
Zur besseren Veranschaulichung und vielleicht auch, um den Abgeordneten zu schmeicheln, nutzt er fortlaufend die James-Bond-Analogie. "Ernst Stavro Blofeld ist der Erzrivale von Jamesbond. Unser Blofeld heißt Klimakrise." Artensterben, Dürre, Überschwemmungen, Hunger, Flucht, wirtschaftlicher Zusammenbruch: Schätzing listet etliche katastrophalen Folgen auf, die eine unkontrollierte Klimaerwärmung mit sich bringt.
"Dann haben wir es vermasselt"
Besonders warnt er vor Kipppunkten, an denen sich Ökosysteme "unwiderbringlich in eine neue Richtung" entwickeln. "Wenn wir die Erde über zwei Grad erwärmen - und das ist reine Physik, Wissenschaft -, dann drohen viele solcher Kipppunkte innerhalb kürzester Zeit überschritten zu werden", fasst er die Forschung zusammen. Kaskadeneffekte könnten Ökosysteme kollabieren lassen und die Erwärmung weiter beschleunigen: "Dann haben wir es vermasselt."
Soweit müsse es aber nicht kommen, stellt der Autor klar. Die Abgeordneten könnten in seiner Bond-Analogie zu M - je nach Film Chef oder Chefin von James Bond - gehen und ein "geräumiges Budget" für den Umbau zu erneuerbaren Energien fordern. Das Geld könne aus allen Quellen kommen: von Bund, Ländern und Kommunen, aus der Industrie, aus privatem Vermögen und aus der Streichung klimaschädlicher Subventionen. Gegen den Einwand, Ökologie und Ökonomie stünden sich entgegen, hat Schätzing eine klare Antwort: Klimaschutz sei eine Wertanlage, die viele Banken längst erkannt hätten.
"Hören Sie auf, sich öffentlich zu prügeln wegen jedem Mist"
Die Technologie gebe es zudem bereits, sagt Schätzing und spinnt seine Bond-Analogie weiter. "Der Techniker Q erklärt Ihnen, dass man nichts erfinden muss." Superfrachter mit Solarzellen-Segeln, Flugwindkraftwerke mit Lenkdrachen, gläserne Stadtbäume mit Mikroalgen, die CO2 binden, autonome Elektro-Taxis, intelligente Stromnetze und klimaneutrale Quartiere mit begrünten Dächern: All diese Konzepte würden schon erprobt und könnten in den folgenden Jahren eingesetzt werden.
Dann kehrt der Bestsellerautor zu seiner eigentlichen Botschaft zurück: Nicht die Technologie und das Geld seien das Problem, sondern der politische Wille, sie schnell genug einzusetzen. Nur geschlossen könne man die notwendigen Maßnahmen ergreifen und der Klimaveränderung entgegentreten. "Ich sage Ihnen, wir sind besser, als wir uns machen", ermutigt er die Parlamentarier und verweist auf die weltweite Anerkennung an die deutsche Robotikforschung. Fast wie ein Lehrer mahnt er die Abgeordneten, Vertrauen und Einigkeit zu vermitteln. "Hören Sie bitte auf, sich öffentlich zu prügeln wegen jedem Mist wie Schulhofjungen."
Wie begeistert man die Menschen?
Als er fertig ist, bedankt sich die Beiratsvorsitzende und CDU-Politikerin Elisabeth Winkelmeier-Becker für den Input. Sie verweist auf eine Papstrede, in der das Oberhaupt der katholischen Kirche sagte, dass man sich an einer Weggabelung befinde. So ähnlich kommuniziere auch Kanzler Friedrich Merz: "Kann schiefgehen, aber wir arbeiten dran, dass es gut geht."
Viele der Stühle der Beiratsmitglieder bleiben bei Schätzings Besuch jedoch leer. Die, die anwesend sind, melden sich und stellen Fragen. Als erster meldet sich Niklas Wagener von den Grünen. Er lobt die Rede, sie mache Lust auf Zukunft. Doch wie trage man die Aufmerksamkeit für das Thema Klima an die Menschen heran und begeistert sie auch noch dabei mitzumachen?
"Man muss sich vielleicht überlegen, die Erzählung der Zukunft in einer spannenderen Form zu präsentieren", antwortet Schätzing. "In einer menschlich zugewandten Form." Politiker sollten sich stets überlegen, wem sie gegenüberstünden und wie viel Spannung die Person vertrage. Eine einzige Ansprache treffe in der breiten Bevölkerung längst nicht jeden. Alle politischen Vertreter sollten in den Städten, Dörfern und Kommunen versuchen, die Erzählung der Zukunft so persönlich und positiv zu gestalten wie möglich, so Schätzing.
Klimawandel nur eine "These"?
Als nächster ist der AfD-Politiker Rainer Groß an der Reihe. "Herr Schätzing, Sie könnten ja gleich bei uns anfangen. Alles, was Sie sagen, kann man voll und ganz unterschreiben." Ein erstaunlicher Einstieg, schließlich spricht die AfD stets von "Klima-Hysterie". Dann holt Groß aus: Man könne nicht einfach Thesen wie der des menschengemachten Klimawandels folgen. "Wenn die These nicht stimmen sollte, und keiner weiß es genau, dann würden wir Kapital vernichten", warnt er. Ihm erscheine die Schilderung von Schätzing sehr extrem. Man solle doch lieber die bestehenden Technologien erhalten. "Ich will jetzt aber auch kein Ko-Referat halten, sondern schließe auch eine Frage an", bemerkt er nach etwa dreiminütiger Einleitung.
Seine Frage: Ob es nicht sinnvoller sei für Deutschland und Europa, einen bezahlbaren und sichereren Mittelweg zu gehen. Die Frage wirkt seltsam, lehnt die AfD doch jede Klimapolitik als sinnlos ab. Schätzing antwortet ausführlich, Punkt für Punkt. Wirtschaftliche Stagnation in Deutschland resultiere nicht aus Nachhaltigkeitskonzepten, sondern aus dem Unwillen, sich an die Veränderungen anzupassen: Während andere Länder in weitere Technologien investiert hätten, habe man hierzulande aufgehört, Neues zu wagen und technisches Know-how aus der Hand gegeben. Dabei verweist er auf ehemalige Führungsrolle Deutschlands in der Solar- und Chipindustrie.
Schätzing widmet sich auch dem grundlegenden Zweifel der AfD an der "These" vom Klimawandel. Der Weltklimarat IPCC sei das größte Gremium der anerkannten Klimatologen. "Da sitzen nicht irgendwelche 12 oder 14 Leute, die irgendeine Meinung haben. Da sitzt der überwiegende Teil der Fachleute, die nichts anderes tun, als Messungen durchzuführen". Diese Messungen deuten auf einen Anstieg des Klimas hin und dass die Erwärmung von mehr als 2 Grad Celsius die Erde aus dem Gleichgewicht bringe. "Sie können natürlich alles, was die Wissenschaft sagt, zur Glaubensfrage erklären. Ich glaube aber, in einer Zeit der Aufklärung sollten wir doch auch der Wissenschaft vertrauen", beendet er seinen Exkurs.
"Und wie erkläre ich das den Menschen in meinem Wahlkreis, die Angst vor dieser Entwicklung haben?", fragt der Sozialdemokrat Hendrik Bollmann. Es gehe um Menschen, die es sich nicht leisten könnten, ihren Lebensstil anzupassen und Angst hätten, dafür verurteilt zu werden. "Wir moralisieren viel zu viel und sollten uns mehr bemühen, die Menschen einzubinden", antwortet Schätzing. Wichtig sei, bei all den Veränderungen nie den moralischen Zeigefinger zu erheben. Vielmehr gehe es darum, den Menschen ein Gefühl geben, gebraucht zu werden. Natürlich sei der Umbau ein schmerzhafter Prozess. Neue Branchen bedeuteten neue Jobs. Politische Repräsentanten sollten daher Weiterbildungen ermöglichen. Man müsse dabei auf die Menschen zugehen und nicht den Eindruck erwecken, über sie hinwegzuentscheiden.
Eine Fan-Frage gibt es auch noch
Den Punkt von verloren gegangenem Vertrauen greift schließlich auch die CDU wieder auf. Dass Vertrauen Einigkeit voraussetze, das stimme, sagt Caroline Bosbach. Doch wie soll dieser Weg zur Einigkeit erreicht werden? "Ich sag' Ihnen mal ganz ehrlich, ich seh keinen", erklärt die Abgeordnete. Es gebe viele Parteien mit vielen Interessen. Ihre beiden Unionskollegen, die anfänglich noch neben ihr saßen und sich bei der Frage nach dem nächsten James Bond als Erste gemeldet hatten, haben die Sitzung schon verlassen. Dann stellt Bosbach, "vielleicht auch zum Abschluss", zwei völlig themenfremde Fragen an den Autor. Wie Deutschland als Romanfigur aussähe? Und ob es "irgendwie mal eine ungewöhnliche Situation in Ihrem Leben gab, wo Sie gesagt haben: Daraus ist jetzt eine Idee und dann ein Buch geworden?" Sie bekennt sich als echter Fan des Bestsellerautors und erzählt, sie selbst habe sich auch schon einmal als Autorin versucht.
Schätzing antwortet zunächst auf die persönliche Frage. "Ich suche nicht nach Ideen, ich lasse mich von Ideen finden." Er gehe mit offenen Augen durch die Welt und schaue auf Dinge, die sich am Rande ankündigen. Grundsätzlich sei die Zukunft für ihn interessanter als die Vergangenheit. Seinen Roman "Der Schwarm" habe er geträumt, bevor er ihn geschrieben habe.
Dann antwortet er auf die Romanfrage: Deutschland sei mehr als eine Kurzgeschichte, aber momentan keine Hauptfigur. "Wir sind eine liebenswerte Nebenfigur, die aber gerade noch hinter jeder Ecke Armaggeddon wittert." Man müsse herauskommen aus dem Pessimismus, obwohl das schwer sei. Und Einigkeit sei ohne Frage schwer zu erreichen. "Aber alle Parteien haben doch eine größere Schnittmenge als Gegensätze. Und dann müssen Sie sich eben unterhalten."
Die Hoffnung auf eine bessere Kommunikation betont auch Winkelmeier-Becker. "Wir wollen gemeinsam daran arbeiten, dass wir wieder den Oscar für die Hauptrolle bekommen und nicht für die Nebenrolle". Schätzing antwortet schnell: "Ein Emmy wär schon mal gut".
