Politik

Nach Polizeigewalt gegen Schwarzen Frankreich erlebt Serie von Krawallnächten

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Auch in der fünften Krawallnacht in Folge gehen Autos in Flammen auf.

(Foto: AP)

Die fünfte Nacht in Folge liefern sich Jugendliche in den Pariser Vororten Straßenschlachten mit der Polizei. Auslöser ist der Fall eines 22-jährigen Franzosen, der von vier Polizisten vergewaltigt worden sein soll - eine Tat, die zur Staatsaffäre werden könnte.

Mehrere Vororte von Paris kämpfen seit Tagen mit schweren Krawallen infolge eines Falles von Polizeigewalt gegen einen jungen Schwarzen. Der 22-jährige Théo soll am vergangenen Donnerstag in der Trabantenstadt Aulnay-sous-Bois nordöstlich von Paris von vier Polizisten mit einem Schlagstock vergewaltigt worden sein. Die Tat sorgte in ganz Frankreich für Empörung. Unter dem Hashtag #JusticepourTheo ("Gerechtigkeit für Theo") forderten die Menschen via Twitter eine Bestrafung der tatbeteiligten Polizisten. Sie sind vom Dienst suspendiert worden, wie französische Medien berichteten. Gegen einen der Beamten wird wegen Vergewaltigung ermittelt. Er soll den 22-Jährigen mit dem Schlagstock schwer verletzt haben.

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In Aulnay-sous-Bois, einem Pariser Vorort, begannen die Proteste.

(Foto: AP)

Seit dem Vorfall liegt Théo im Krankenhaus. Dem Fernsehsender BFMTV berichtete er, dass er von den Polizisten mit Faustschlägen und Hieben auf die Geschlechtsteile misshandelt worden sei. Sie hätten ihn bespuckt und mit rassistischen Aussprüchen beleidigt. Der junge Mann erlitt auch Kopfverletzungen. Und es ist nicht das erste Mal, dass eine von Polizisten verübte Gewalttat heftige Krawalle auslöst. Im Jahr 2005 starben zwei Jugendliche an einem Stromschlag, nachdem sie sich auf der Flucht vor der Polizei in einem Umspannwerk versteckt hatten. Damals hatte es wochenlang Krawalle gegeben. 10.000 Autos und 300 Gebäude wurden in Brand gesteckt. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand.

Im jüngsten Fall waren zunächst einige Hunderte Menschen in Aulnay-sous-Bois auf die Straße gegangen, um friedlich gegen Polizeigewalt und für Gerechtigkeit im Fall Théo zu protestieren. Doch dann griffen die Proteste auf mehrere andere Vororte von Paris über - und wurden zunehmend gewalttätig. Schon in der Nacht zu Montag wurden Polizisten in dem Banlieue mit Steinen attackiert. Am Dienstag gingen die ersten Autos, Mülleimer und Bushaltestellen in Flammen auf. In der Nacht zum Mittwoch zündeten mehrere Jugendliche einen Kindergarten an. Die Polizei hat rund ein Dutzend Randalierer festgenommen. Zwei von ihnen sind Medienberichten zufolge zu sechs Monaten Haft verurteilt worden.

Hollande besucht Gewaltopfer

Théo selbst wandte sich von seinem Krankenbett aus an die Demonstranten und rief sie dazu auf, friedlich zu bleiben. Zahlreiche Prominente sprachen dem jungen Mann ihre Solidarität aus - darunter auch Schauspieler Omar Sy, der in Deutschland durch die Komödie "Ziemlich beste Freunde" bekannt geworden ist. Er twitterte ein Zitat des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King: "Wenn irgendwo ein Unrecht geschieht, ist die Gerechtigkeit überall in Gefahr". Auch der französische Staatspräsident François Hollande hatte den 22-Jährigen am Dienstag im Krankenhaus in Aulnay-sous-Bois besucht und lobte, der junge Mann habe verantwortungsvoll auf die Vorfälle reagiert.

Zwar wies Hollande auch auf die laufenden Ermittlungen gegen die Polizisten hin - in den französischen Medien jedoch wurde sein Umgang mit dem Vorfall dennoch kritisch bewertet. "Die Bilanz der Amtszeit (Hollandes) verdient wahrscheinlich Besseres als zugespitzte Urteile. Aber wenn es einen Bereich gibt, wo man kaum Fortschritte findet, sind es die Beziehungen zwischen Ordnungshütern und einer Jugend, die sich wegen ihrer Hautfarbe, ihres Verhaltens und ihrer Kleidung leicht verdächtig macht und wiederkehrenden Personalienüberprüfungen ausgesetzt ist."

Die nördlichen Vororte von Paris, die sogenannten Banlieues, gelten wegen ihres hohen Migrantenanteils als soziale Brennpunkte. Auch in Aulnay-sous-Bois kämpfen die Menschen mit einer extrem hohen Arbeitslosigkeit, zunehmender Verwahrlosung der Straßen und steigender Gewalt. Nicht auszuschließen ist, dass die neuerlichen Krawalle die anstehenden Präsidentschaftswahlen im April beeinflussen könnten. Befürchtet wird vor allem, dass sich angesichts der Gewaltexzesse mehr Wähler dem rechtsextremen Front National anschließen.

Quelle: ntv.de, jug/AFP