Politik

Berlin Tag & MachtFür Kai Wegner wurde der Blackout zum Tino-Chrupalla-Lieblingsgedicht-Moment

15.01.2026, 10:33 Uhr MARIE-VON-DEN-BENKEN-N-TV-LIZENZFREIE-BILDER-01Eine Kolumne von Marie von den Benken
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05-01-2026-Berlin-Szenen-aus-Berlin-Zehlendorf-und-Lichterfelde-an-Tag-drei-des-Blackouts-Zehntausende-Menschen-im-Suedwesten-der-Hauptstadt-haben-keinen-Strom-Abgebildet-Dunkle-Strassen-und-spaerlich-beleuchtete-Fenster-in-der-Sven-Hedin-Strasse-Verwendung-ab-1-2-Seite-oder-Titelverwendung-in-jedem-Fall-nur-nach-Freigabe-moeglich
Es blieb tagelang dunkel und kalt: Der Berliner Südwesten am dritten Tag nach dem Terroranschlag. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Was als Infrastrukturkrise begann, endet als Lehrstück über politische Kommunikation, Abwesenheit von Verantwortung, Silbertabletts für die AfD und die erstaunliche Leichtigkeit des Wegduckens. Was vom Stromausfall bleibt, sind unangenehme Fragen über Führung, Prioritäten und Vertrauen.

What a Difference a Day Makes - das wusste (und vor allem sang) bereits Dinah Washington. Seit 1959, als der Song den Grammy Award in der Kategorie "Best Rhythm and Blues Performance" gewann und sich in den Top 10 der legendären Billboard-Charts platzierte, hat sich daran nicht viel geändert. Wenn man nun überlegt, was erst eine ganze Woche für signifikante Divergenzen hervorbringen kann, landet man schnell bei welchem Themenkomplex? Genau: Innenpolitik.

Noch vor sieben Tagen hatte ich an gleicher Stelle betrübt feststellen müssen, dass sich die deutschen Spitzenpolitiker eine recht ausgedehnte Weihnachtspause gönnen und selbst in der zweiten Kalenderwoche des neuen Jahres noch keine spürbare Bewegung in die ansonsten streit- und machtkollisionsaffine Regierungsviertel-Entourage gekommen war.

Kai-Wegner-Regierender-Buergermeister
Für den Regierenden Bürgermeister von Berlin lief die Krisen-Kommunikation nach dem Anschlag suboptimal. (Foto: IMAGO/Chris Emil Janßen)

Heute, nur eine kurze Woche später, hat sich das Blatt fulminant gewendet. 1959 war Friedrich Merz gerade einmal vier Jahre alt, Lars Klingbeil (Jahrgang 1978) und Kai Wegner (geboren 1972) waren noch gar nicht auf der Welt. Newsrelevante Protagonisten aus dem Bundestag, für die "What a Difference a Day Makes" ein brandneuer Megahit und kein steinalter Superoldie ist, gibt es entsprechend kaum. Gregor Gysi hat den Song als Oberschüler möglicherweise im West-Radio mitgepfiffen. Lediglich Alexander Gauland war bereits volljährig, als Dinah Washington die Veränderungskraft besang, die in 24 Stunden liegen kann. Wobei Gauland das Lied womöglich gar nicht kennt - viele Beobachter der Politszene behaupten schließlich, für die AfD sei immer noch 1933. Aber das ist eine andere Geschichte.

Verbot, Moral, Applaus: Wenn Innenpolitik reflexhaft wird

Gegen die AfD positionieren sich die Starspieler der etablierten Parteien stets schnell. Ob Lars Klingbeil, Omid Nouripour oder Heidi Reichinnek: Links der Union wirkt ein AfD-Verbotsverfahren innenpolitisch oft wie der kleinste gemeinsame Nenner. Die CDU hingegen hat das Thema bislang eher zurückhaltend protegiert. In dieser Woche äußerte sich mit Daniel Günther jedoch erstmals auch ein prominenter Unionsvertreter positiv zu einem möglichen AfD-Verbot. Richard David Precht war offenbar verhindert, sodass bei Markus Lanz ersatzweise der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein die Welt erklären durfte. Im heimeligen Polit-Frühschoppen für Jan-Böhmermann-Kritiker erklärte er, er glaube an gute Erfolgsaussichten eines Verbotsverfahrens.

Aufmerksamen Profi-Mitleserinnen und -Lesern dürfte aufgefallen sein: Ich hatte das rückständige "Deutschland den Deutschen"-Credo der AfD eingangs als "eine andere Geschichte" kategorisiert - und erzähle sie nun doch. Das passiert wohl, wenn man Kolumnen strukturell ähnlich anlegt wie einst Franz Beckenbauer seine Matchpläne: "Geht’s raus und spielt’s Fußball." Ob das 2026 endlich für einen Journalistenpreis reicht? Schaun mer mal.

Das W in Kai Wegner steht für Waterloo

Bis dahin werden von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner noch zahlreiche Abgeordnete der Linksfraktion wegen ihrer "Free-Palestine"-Kufiyas des Plenarsaals verwiesen werden. Kehren wir also zurück zum eigentlichen Thema: dem fulminanten Comeback der innenpolitischen Schlagzeilenrelevanz. Dieses verdankt die Republik vor allem dem inzwischen legendären Berliner Stromausfall.

"Fünf Tage Blackout" hielten viele News-Konsumenten bislang für eine Doku über die Beratungen im Willy-Brandt-Haus zu neuen SPD-Steuerplänen. Nun aber hat Berlin seine eigene Horrorstory: Weite Teile der Hauptstadt waren rund 120 Stunden ohne Strom. Besonders bei Minusgraden vermittelte das nicht gerade den Eindruck, Berlin sei auf einen solchen Notfall ausreichend vorbereitet.

In jeder Niederlage liegt bekanntlich auch eine Chance. Das weiß man nicht erst, seit pathologische Dauer-Loser dem Volksmund einbläuen konnten, aus Niederlagen würde man mehr lernen als aus Erfolgen. Oder, wie der ehemalige Star-Influencer und Nachhaltigkeitsunternehmer Fynn Kliemann es formulierte: "Krise kann auch geil sein."

Hauptverantwortlich für das Management einer schnellstmöglichen Wiederherstellung der Stromversorgung: natürlich der regierende Bürgermeister Kai Wegner. Vom Krise-kann-auch-geil-sein-Spirit war in seiner Vorstellung von Führungsstärke allerdings wenig zu spüren. Aktuell hätte Lothar Matthäus vermutlich bessere Chancen, Trainer von Real Madrid zu werden, als Kai Wegner auf eine Wiederwahl. Und Matthäus spricht bekanntlich noch weniger Spanisch als Englisch. Schlechter als Lothars Englisch ist allenfalls noch Wegners Krisenkommunikation.

Kai Wegner ist kein Helmut Schmidt

Dabei hätte der Stromausfall für Wegner - mit entschlossenem Handeln und unbürokratischer Hilfe für alle Betroffenen - zu seinem persönlichen Helmut-Schmidt-Sturmflut-Moment werden können. Und der spülte den SPD-Altinternationalen immerhin bis ins Kanzleramt. Stattdessen wurde der Blackout zu Kai Wegners ganz eigenem Tino-Chrupalla-Lieblingsgedicht-Augenblick. Mit #Tennisgate schuf Wegner eine brandneue Kategorie auf dem Walk of Shame politischer PR-Desaster: die "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen"-Gedächtnislüge.

Für alle, die die letzten zehn Tage im Koma lagen: Während in Berlin gerätselt wurde, ob der Terroranschlag auf die kritische Strominfrastruktur von der linksextremistischen "Vulkangruppe" verübt wurde, welches Bekennerschreiben authentisch sei oder ob womöglich Klimaaktivisten, russische Agenten oder Rechtsextremisten halb Berlin lahmgelegt hatten, erklärte Wegner, er habe den gesamten Samstag im Homeoffice gesessen und versucht, das Schlimmste abzuwenden. Kurz darauf musste er kleinlaut einräumen, zwischenzeitlich doch ein bisschen Tennis gespielt zu haben, um "den Kopf freizubekommen".

Zu einem epischen Jahrhundert-Kommunikations-Desaster, über das man noch viele Generationen lang sprechen würde, hätte im Manuskript zu seiner Presseerklärung nur noch die Notiz "bitte noch gendern, ansonsten Freigabe" gefehlt.

Krisenmanagement mit Aufschlagfehler

Mit dieser sportlichen Glanzleistung gewann der Top-Spinner unter den Landesfürsten souverän die diesjährigen Fettnäpfchen-Open. Und das bereits in Kalenderwoche zwei. Kai Wegner steht damit fraglos in einer Reihe mit großen deutschen Tennis-Ikonen wie Boris Becker, Gottfried von Cramm, Alexander Zverev oder Michael Stich. Oder anders gesagt: Die Krisen-Kommunikation von Kai Wegner war wirklich ganz großes Tennis.

Entsprechend verheerend fiel das Presseecho zu seiner Blackout-Management-Performance aus. Aber auch seine politischen Gegner sprangen reihenweise auf den frisch geölten Kritikzug auf. Mit einem besonders absurden Fahrplan verließ den Bahnhof der Absurditäten dabei der Alice-Weidel-Express. Die AfD-Chefin postete auf dem Kurznachrichtendienst "X" ein manipuliertes Foto von Kai Wegner, das ihn in einem regenbogenfarbenen Tennis-Outfit zeigt.

Umgehend fragte sich zumindest der Teil der Nation, der Regenbögen nicht für den Untergang des teutonisch geprägten Teils des Abendlandes hält, was Weidel der Nation damit sagen wollte. Dass der Stromausfall zu verhindern gewesen wäre, wenn Kai Wegner nicht so oft gendern würde? Dass auch lesbische Politikerinnen, die die Einwohnerzahl ihres eigenen Wahlkreises nicht kennen, homophob sein können? Man weiß es nicht. Jens Spahn jedenfalls ist vor Lachen beinahe der Aktenordner "Covid-Masken Angebote" aus der Hand gefallen.

Noch kurz als Kontext: "X" hieß mal Twitter, bevor Elon Musk das Portal kaufte und unter dem Deckmantel "Meinungsfreiheit" in eine digitale Jauchegrube für Extremisten, Rassisten, Antisemiten, Sexisten und Arschgeigen jeder Couleur verwandelte. "X" ist heute eine Echokammer für die Haute Volée der Diskursweltmeister mit sehr wenig Ahnung, aber sehr viel Meinung. Abgerundet durch das toxische Beimischen unzähliger KI-gesteuerter Bots mit unterschiedlichen Agenden.

In diesem Center-Court-Trauerspiel darf man bei aller Debattenkulturkritik allerdings nicht vergessen: Weder die AfD noch Bots haben Kai Wegner dazu gezwungen, hinsichtlich seiner Beschäftigungspräferenzen während des Blackout-Starts zu lügen. So bleibt es ein klassischer Bärendienst. Nicht nur für sein Vorhaben, Berlin noch lange als Bürgermeister vorzustehen und dieses Sprungbrett dann für einen doppelten Rittberger in die ganz große Bundespolitik zu nutzen. Auch für die ohnehin fragile Vertrauenssituation zwischen Souverän und Politikern. Jetzt können sie nämlich wieder von allen Seiten in die Kommentarspalten kriechen und die Politikverdrossenheitslunte weiter anfeuern: Denen da oben sind wir egal. Die lügen sich ihre Welt zurecht. Denen kann man nicht vertrauen. Eleganter könnte man der AfD weiteres Wählerpotenzial kaum selbst zuschustern. Vielleicht sollte Kai Wegner mal darüber nachdenken, was sein Handeln über seine eigene Karriere hinaus angerichtet hat und zur Schadensbegrenzung zurücktreten. Früher haben Politiker mit Profil das in solchen Momenten noch gemacht.

Quelle: ntv.de

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