Politik

"Ich weiß nicht, wem ich zustimme" Griechen entscheiden - aber worüber?

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"Ja" oder "Nein"? Viele Griechen wissen nicht genau, was sie mit ihrem Kreuz eigentlich entscheiden.

(Foto: AP)

Viele Griechen sind sich sicher: Der Ausgang des Referendums könnte das Schicksal ihres Landes entscheiden. Fast alle wollen abstimmen - und sind häufig tief verunsichert.

Dimitris ist unschlüssig. "Ja, ich gehe zum Referendum. Ich weiß aber noch nicht, ob ich mit 'Ja' oder 'Nein' stimme", sagt er. "Ich weiß ja nicht einmal, worüber hier überhaupt entschieden wird". So wie dem 44-jährigen Athener geht es in Griechenland vielen. "Was soll das?", fragt Athina. "Geht es heute darum, ob wir im Euro bleiben?"

Darum gehe es nicht, sagt die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras, die das Referendum angesetzt hat und für ein "Nein" wirbt. Das sei falsch, entgegnen andere. Genau darauf laufe das Referendum hinaus. Deshalb wollen sie mit "Ja" stimmen.

Knapp zehn Millionen Griechen stecken in einer beinahe absurden Lage. Sie müssen über einen Vorschlag der Gläubigergruppe aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank abstimmen, der nicht mehr auf dem Tisch liegt. Denn das für die Vorschläge grundlegende Hilfsprogramm ist am vergangenen Dienstag ausgelaufen.

Dazu kommt, dass die Frage ausgesprochen kompliziert formuliert ist. "Muss der Entwurf einer Vereinbarung von Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds akzeptiert werden, welcher am 25.06.2015 eingereicht wurde und aus zwei Teilen besteht, die in einem einzigen Vorschlag zusammengefasst sind?" So ist die Referendumsfrage auf den Abstimmungsunterlagen formuliert. Verwiesen wird darin auf zwei Dokumente der Gläubiger - eine Liste von Reformen und eine Analyse zur Tragfähigkeit der griechischen Schulden.

Niemand weiß, was passiert

Die Regierung argumentiert: Stimmt die Mehrheit der Griechen mit "Nein", dann bekomme die griechische Seite eine stärkere Verhandlungsposition und könne einen besseren Deal erreichen. Innerhalb von 48 Stunden sei eine Einigung drin, so Finanzminister Yanis Varoufakis. Seine Gegner argumentieren: Das sei Unsinn, die Gläubiger würden ihre Haltung nicht ändern.

Was nach dem Referendum passiert, weiß niemand. Werde bei einem "Ja" der Finanzminister oder gar der Premier zurücktreten? Wird die EZB bei einem "Nein" die Nothilfen für Griechenlands Banken einstellen? Das sind Fragen, die Griechen derzeit umtreiben.

"Ich habe seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen", sagt eine Frau. Wie so viele hier macht sie sich große Sorgen. Ob zu Hause, am Kiosk oder in der U-Bahn: Es gibt in Athen nur ein Gesprächsthema - die Zukunft. In der ganzen Stadt ist zu spüren, was für ein Druck auf den meisten Griechen lastet, wie verunsichert sie angesichts der Bankenschließungen sind. Viele sind sich sicher: Heute kann sich das Schicksal ihres Landes entscheiden. Umfragen zufolge wollen fast 90 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben.

"Ich werde 'Ja' ankreuzen", sagt Minos. "Ich weiß allerdings nicht, wem oder was ich damit eigentlich zustimme."

Quelle: ntv.de