Politik

Eine Erklärung für Trump "Hass ist nicht der Grund für diesen Sieg"

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Der künftige Präsident und die künftige First Lady bei ihrem ersten Besuch im Kapitol.

(Foto: AP)

Ja, es gibt Rassisten unter den Trump-Wählern, sagt der amerikanische Politologe Paul Sracic. "Aber viele Leute hatten einfach Angst um ihr wirtschaftliches Wohlergehen und entschieden sich deshalb für Trump." Wie werden diese Wähler reagieren, wenn der neue Präsident seine Versprechen nicht vollständig erfüllt? Das wird weniger von den Fakten abhängen als von Trumps kommunikativen Fähigkeiten.

n-tv.de: Sie haben vor der Wahl kommen sehen, dass viele Arbeiter in Ohio nicht wie bisher demokratisch wählen würden, sondern Donald Trump. Waren Sie überrascht, dass Ihre Voraussage nicht nur in Ohio wahr wurde, sondern auch in anderen Staaten des "Rostgürtels", in Pennsylvania, Michigan und Wisconsin?

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Paul Sracic lehrt Politologie an der Youngstown State University in Ohio.

(Foto: YSU.EDU)

Paul Sracic: Ja, ich war überrascht. Ich war sicher, dass er Ohio gewinnen würde, und ich dachte, es würde insgesamt knapp. Aber seine Siege in Michigan und Wisconsin habe ich nicht kommen sehen. In der Wahlnacht war ich so überrascht wie alle anderen.

In einem Artikel für CNN schreiben Sie, die Wahl habe gezeigt, dass jetzt keine Partei mehr sicher sein könne, die Stimmen der Wähler aus der Arbeiterklasse zu bekommen. Wie schwierig wird es für den nächsten demokratischen Präsidentschaftskandidaten, diese Wähler zurückzugewinnen?

Ich glaube nicht, dass sie wirklich die Partei gewechselt haben. Wenn man sich die Wahlergebnisse für die Kandidaten unterhalb der Ebene der Präsidentschaftswahlen ansieht, dann haben die Demokraten hier in der Gegend um Youngstown noch immer recht gut abgeschnitten. Alle unteren Ämter gingen an Demokraten. Bei dieser Wahl ging es um Trump. Wenn er die Republikanische Partei nicht nach seinem Vorbild umformt, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass sie diese Wähler behalten können.

Sie schreiben auch, dass urbane, liberale Amerikaner auf Trump-Sympathisanten aus der Arbeiterklasse herabgeguckt haben. Hillary Clinton hat Trump-Anhänger im Wahlkampf "beklagenswert" genannt. Wie sehr hat diese Äußerung ihr geschadet?

Im Rückblick würde ich sagen, dass diese Äußerung ihr großen Schaden zugefügt hat. Es zeigte den potenziellen Trump-Wählern, was sie von ihnen hielt. Hinterher tat sie so, als habe sie diese Begriffe nur benutzt, weil sie ihr gerade eingefallen waren. Aber in Wirklichkeit sprach sie innerhalb von zwei Tagen zweimal von den "Beklagenswerten". Ihre Redenschreiber hielten das offensichtlich für einen wirkungsvollen Satz. Es ist schon erstaunlich, dass sie nicht verstanden haben, dass es Menschen gibt, die wirtschaftliche Probleme haben und auf der Suche nach einem anderen Angebot waren. Ja, es gibt Rassisten unter den Trump-Wählern. Aber viele Leute hatten einfach Angst um ihr wirtschaftliches Wohlergehen und entschieden sich deshalb für Trump.

Wie wichtig war Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus für Trumps Erfolg?

Das gab es, aber es wäre ein Fehler zu glauben, dass es nur darum ging - es wäre auch ein Fehler, wenn Trump dies glauben sollte. Das hätte für ihn nicht zum Wahlsieg gereicht. Es ging darum, dass viele Leute mehr Sicherheit wollten, dass sie sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze machten. Dafür machen sie den Freihandel verantwortlich, und in gewisser Weise steht hinter einer solchen Haltung vielleicht eine negative Haltung zu Fremden. Aber ich glaube nicht, dass ein Hass auf andere damit zu tun hat.

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Kundgebung von "Beklagenswerten" (deplorables) vor der Wahl in New Hampshire.

(Foto: AP)

Ich habe vor Kurzem mit einem Kleinunternehmer gesprochen, einem echten Trump-Anhänger. Er sagte, die Überregulierung sorge dafür, dass er gegen ausländische Wettbewerber nicht konkurrieren könne. Er glaubte, Trump habe das verstanden. Zugleich sprach er mit sehr warmen Worten über die internationalen Beziehungen, die seine Firma aufgebaut hatte - Besuche von Geschäftsfreunden aus China zu bekommen, von ihrer Kultur zu lernen. Diesen Wählern ging es darum, dass ihre Regierung sich nicht um sie kümmert. Das ist es, was sie wollten.

Die Trump-Wähler aus den Vorwahlen hatten ein durchschnittliches Haushaltseinkommen von 72.000 Dollar. Das ist deutlich mehr als der landesweite Wert von 56.000 Dollar. Ist das nicht ein Hinweis, dass es noch andere Motive für Trump-Wähler gegeben haben muss als wirtschaftliche Probleme?

Mit 72.000 Dollar hat man keine übermäßig große wirtschaftliche Sicherheit. Wenn man 72.000 Dollar pro Jahr verdient und eine Familie hat, dann hat man vermutlich nicht viel Geld auf dem Konto. Dann kommt man zurecht. Aber man hat nicht die 20.000, 30.000 oder 40.000 Dollar übrig, um die Kinder aufs College zu schicken. Und wenn man dann noch Angst hat, den Arbeitsplatz zu verlieren, wenn man Freunde hat, denen das passiert ist, dann fühlt man sich nicht sicher. Ich kenne einige Leute, denen es so geht.

Der Wert für Clinton-Wähler und auch für Sanders-Wähler liegt bei 61.000 Dollar, also ein deutlich geringeres durchschnittliches Haushaltseinkommen. Hätten sie nicht noch mehr Gründe, sich wirtschaftlich unsicher zu fühlen?

Ich habe mir diese Zahlen nicht angesehen, aber für die Sanders-Anhänger ergibt das Sinn. Ich bin sicher, dass wir heute über ein anderes Thema sprechen würden, wenn die Demokraten Sanders nominiert hätten. Am Ende waren die Wähler entscheidend, die das Lager gewechselt haben. Mit Sanders wäre das nicht passiert, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Unter anderem liegt das daran, dass Freihandel im Wahlkampf eine so wichtige Rolle gespielt hat. Sanders ist bei diesem Thema glaubwürdig, Clinton nicht.

Es ist auch irreführend, sich allein die Durchschnittseinkommen anzusehen. Im Schnitt haben Schwarze in den USA geringere Einkommen als Weiße, und Schwarze haben überwiegend Hillary Clinton unterstützt. Das senkt das durchschnittliche Haushaltseinkommen ihrer Wähler. Um die Zahlen vergleichen zu können, müsste man sich ansehen, wie hoch das durchschnittliche Haushaltseinkommen von weißen Clinton-Wählern ist.

Trauen Sie sich Voraussagen über Trumps Präsidentschaft zu? Im Moment sieht es nicht so aus, aber wird er versuchen, Hillary Clinton wegen ihrer E-Mail-Affäre ins Gefängnis zu stecken? Wird er die Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen?

Viele Trump-Anhänger verabscheuen Hillary Clinton und würden sich sehr wünschen, dass die E-Mail-Affäre noch einmal unter die Lupe genommen wird. Aber es wäre ein großer politischer Fehler. Vielleicht gibt es Untersuchungen mit Blick auf die Stiftung der Clintons, aber ich glaube nicht, dass wegen der E-Mail-Affäre noch einmal ermittelt wird.

Die Mauer ist eine interessante Angelegenheit. Ich glaube, Trump wird eine Initiative starten, um die Grenze zu sichern, wie es immer heißt. Zumindest symbolisch muss es einen Schritt in Richtung Mauer geben. Aber das Mexiko dafür bezahlt? Er wird einiges dafür tun müssen, damit es so aussieht. Es wird ja jetzt schon darüber gesprochen, Teile des nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta neu zu verhandeln. Ich könnte mir vorstellen, dass es mit Blick auf die Mauer, vielleicht auch beim Freihandel, einige kleine Veränderungen gibt, die dann als große Durchbrüche verkauft werden. Dann kann Trump sagen, er habe seine Versprechen gehalten.

Werden seine Anhänger, die "wütenden weißen Männer", damit zufrieden sein?

Politiker können ihre Versprechen nie vollständig einhalten, kein Präsident hat die Macht dazu. Wie die Wähler reagieren, wird davon abhängen, ob Trump es schafft, sie davon zu überzeugen, dass es doch einen Unterschied gemacht hat, dass sie ihn gewählt haben. Leicht wird das nicht. Die Medien werden ihm feindseliger gegenüberstehen, als dies jemals bei einem US-Präsidenten der Fall war, zumindest in der jüngeren Geschichte. Sie werden jede seiner Behauptungen infrage stellen.

Einige Leute sagen, dass es wie bei Ronald Reagan sein könnte. Reagan hat für eine starke Erhöhung des Haushaltsdefizits gesorgt, aber er hat die Steuern gesenkt, und er hat es geschafft, dass die Leute ein besseres Gefühl mit Blick auf die Entwicklung des Landes hatten. Vier Jahre später erhielt er die Belohnung in Form einer überwältigenden Wiederwahl. Das lag auch an seiner Fähigkeit, so zu reden, wie die Leute es hören wollten. Ich weiß nicht, ob Trump diese Fähigkeit hat. Er ist kein Reagan. Anders als Reagan hat er keine Regierungserfahrung, und er hat auch nicht Reagans schauspielerisches und kommunikatives Talent.

Es wird interessant sein zu sehen, was bei den Kongresswahlen in zwei Jahren passiert, ob diese Wähler zur Demokratischen Partei zurückkommen, falls sie sehen, dass Trump seine Versprechen nicht hält. Diese Wahlen werden ein erster Hinweis sein, und sie kommen schneller, als wir jetzt glauben.

Mit Paul Sracic sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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