Politik

Griechenland sagt ganz laut Nein Heilt Europa jetzt die Wunden?

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Drei Buchstaben, die die Eurozone durcheinanderwirbeln könnten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist ein historischer Tag für Griechenland. Das Nein gegen die Sparpläne ist deutlich. "Wir haben Europa die Stirn geboten." Bleibt die Frage, ob es auch ein guter Tag ist - oder nur ein Triumph für den Moment.

Kurz nach Mitternacht, ein neuer Tag beginnt, der 5. Juli 2015 ist Geschichte. Ein Tag, von dem noch niemand in Europa weiß, was er für die Menschen hier bedeuten wird. Auf dem Areopag unterhalb der Akropolis verstellt niemand den Blick auf die Lichter der Stadt. Und es ist ganz still. Hier auf diesem Hügel haben die Athener der Antike sich beraten und über die Geschicke ihrer Stadt entschieden. Hier steht, auch wenn es ein wenig pathetisch klingen mag, die Wiege der Demokratie.

Nun haben sie wieder abgestimmt, nicht nur die Athener, alle Griechen haben sich mit einer deutlichen Mehrheit von über 60 Prozent entschieden - und das bisher letzte, allerdings längst nicht mehr geltende Angebot der Geldgeber aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank abgelehnt. Es ist ein lautes Nein gegen die Sparpolitik der Institutionen. Viele räumen ein, dass es eine Entscheidung aus dem Bauch heraus war. Und eine aus Frust, aus Verzweiflung. "Wir haben uns gewehrt." Und Europa muss nun die Frage beantworten: Wollen wir diese Griechen? Oder wollen wir sie nicht?

Es wird sich erweisen, was dieses Nein für Konsequenzen hat, ob der Weg Griechenlands hinaus aus dem Euro führt, hinaus gar aus der Europäischen Union; oder ob es gelingt, die Gläubiger davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist, erneut zu verhandeln und am Ende doch noch eine Lösung zu finden, so wie es Premierminister Alexis Tsipras versprochen hat. Was auch immer nun geschehen wird: Es war ein historischer Tag.

18.30 Uhr: Es ist heiß und die Stadt so gut wie leer. Auch der Platz vor der Universität, einem neoklassizistischen Gebäude im Zentrum Athens an der Panepistemiou. Das ist die Straße, die vom Omonia zum Syntagma führt, dem Platz vor dem Parlament. Eine halbe Stunde haben die Wahllokale noch geöffnet, eine halbe Stunde noch können ganz genau 9.509.432 Griechen sich bei diesem Referendum entscheiden. Ja oder nein,"ναι ή οχι", das ist die Frage, die an diesem Sonntag und wohl auch danach das Land spaltet. Und wie es scheint, warten die Menschen lieber zu Hause. Gegen 21 Uhr sollten die ersten Ergebnisse vorliegen.

19.05 Uhr: Durch das Zappeion Mansion, noch so ein neoklassizistischer Bau, geht ein Raunen. Hier, vom Parlament nur durch den großen Stadtpark getrennt, ist das provisorische Pressezentrum untergebracht. Mehr als 700 Journalisten, angereist aus der ganzen Welt, blicken erstaunt auf die Wand mit den vielen Monitoren, auf denen die Sendungen mehrerer Fernsehsender zu sehen sind. Die Botschaft ist überall die gleiche: Die Umfragen, basierend auf Telefoninterviews, ergeben, dass die Neinsager gewonnen haben. Damit hat hier kaum einer gerechnet. Die Schätzungen liegen zwischen 49,5 und 53,5 Prozent. Hinterher wird sich herausstellen, dass die ganze Angelegenheit noch weitaus klarer ist.

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Der Mann der Stunde: Tsipras, Tsipras und wieder Tsipras.

(Foto: dpa)

19.50 Uhr: Wie geht es weiter mit Griechenland? Geht es nach den Anhängern der Epam, der Vereinten Volksfront, die es grundsätzlich mit der Regierungspartei Syriza halten und auf dem Syntagma für das "Ochi" und ein "freies Vaterland" protestieren, führt der Weg schnurstracks hinaus aus dem Euro und hinein in die Drachme. Und am liebsten auch hinaus aus der EU. Sie ziehen sie mit griechischen Fahnen in der Hand um den Brunnen auf der Mitte des Platzes. An den mobilen Grillständen brutzeln derweil die Souvlaki und Maiskolben. Die Kameraleute der Fernsehsender haben sich postiert. Später am Abend werden sie Menschen filmen, die Fahnen schwenken und jubeln. Menschen, die mit einem "stolzen Nein" gestimmt haben, wie sie sagen. Verteidigungsminister Panos Kammenos vom rechtspopulistischen Koalitionspartner der linken Syriza lässt ausrichten: "Dies zeigt, dass das griechische Volk nicht erpresst, terrorisiert und bedroht werden kann."

20.20 Uhr: Eher als angekündigt teilt das Athener Innenministerium mit, dass zehn Prozent der abgegebenen Wahlzettel ausgezählt sind. Das Ergebnis: 59,9 Prozent stimmen mit Nein, 40,1 Prozent mit Ja. Es zeichnet sich ein klares Votum ab, klarer, als es prognostiziert worden war. Aus allen Ecken des Landes treffen die Ergebnisse ein. In Iraklion auf Kreta haben nach dem aktuellen Stand der Dinge fast 70 Prozent der Menschen mit Nein votiert.

20:45 Uhr: Schon in den vergangenen Tagen war die Polizei in Athen sehr präsent, jetzt scheinen noch mehr da zu sein. In einer Seitenstraße, die zum Syntagma führt, fotografieren italienische Touristen Polizisten, die vor einem blauen Transportbus gelangweilt rauchen. Ihre Schilde haben sie ans Fahrzeug gelehnt, einige sind kräftig beschmiert - offensichtlich hat hier jemand mit Farbbeuteln auf sie geworfen. Nebenan ein Restaurant, das "The Greco‘s Projekt" heißt. Wie passend. Da freut sich der Reporter. Ein Fernseher läuft hier nicht, sie wissen aber, dass Nein gewonnen hat. Drei junge Männer sitzen am Tisch. "Wir haben Europa die Stirn geboten. Nur das zählt."

21.30 Uhr: Auf der Plateia Klafthmonos, dem Platz des Weinens, steigt die Party der Syriza. Es ist ein fröhliches Fest, die Musik ist laut, die Menschen singen, tanzen, klatschen. Es ist das fröhliche Gesicht des Neins. Ob es mehr ist als der Triumph für den Moment? Auch hier weiß zwar niemand, wie es weitergeht, eine Frau aber ruft: "Europa wird uns nicht im Stich lassen!" Währenddessen sagt Finanzminister Yanis Varoufakis im Fernsehen zu seinen Griechen: "Das Mandat, das Sie mir erteilt haben, ruft nicht nach einem Bruch mit Europa, sondern verleiht mir eine größere Verhandlungsmacht." Und er verspricht: "Ab morgen fangen wir an, unsere Wunden zu heilen." Ob dann auch die Banken wieder öffnen, sagt er nicht. Und Tsipras? Gibt den Staatsmann und dankt "jedem einzelnen von Herzen". Und er sei sich sicher: "Es gibt gerechte, nachhaltige Lösungen. Es müssen nur beide Seiten wollen."

22.45 Uhr: Während die Anhänger der Syriza-Regierung bis tief in die Nacht auf dem Syntagma feiern, klingt es schwermütig aus einem Café in der Plaka, dem ältesten Stadtteil Athens. Yorgos Dalaras singt, einer der bekanntesten Künstler des Landes: "Ola kala kai ola oreia"– "Alles ist gut, alles ist schön." 40 Jahre ist dieses Lied alt. Und natürlich handelt der Text davon, dass überhaupt nichts gut und schön ist. Seine große Liebe geht mit einem anderen aus. Und das "Ola kala kai ola oreia“"aus dem Refrain ist nichts als der verzweifelte Versuch, sich einzureden, dass alles in Ordnung sei.

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Quelle: n-tv.de

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