Politik

Ahnungslose Delegation?Hochrangiger US-Verhandler blamiert sich - und entsetzt Ukrainer

29.01.2026, 15:35 Uhr
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Die russische Seite beharrt bei Verhandlungen stets auf der Übergabe ukrainischer Gebiete. Von den USA gibt es dagegen keinen Widerstand. (Foto: IMAGO/Wolfgang Maria Weber)

Bestens beratene Top-Diplomaten mit tiefgreifendem Wissen über den russischen Krieg gegen die Ukraine - so sollte im Idealfall die US-Delegation aussehen, die Verhandlungen mit Kiew und Moskau führt. Doch nicht nur der umstrittene Sondergesandte Steve Witkoff soll erhebliche Schwächen haben.

Laut dem ukrainischen Medium Kyiv Independent hat ein hochrangiger US-Diplomat in einem Gespräch mit Reportern grundlegendes Basiswissen über die Ukraine und den russischen Angriffskrieg vermissen lassen. Brisant ist dabei, dass der Mann den Angaben zufolge sowohl Teil der Verhandlungen mit Kiew als auch Moskau ist.

So soll der Diplomat fälschlicherweise gesagt haben, dass Kyrylo Budanow jetzt Vizepräsident der Ukraine sei. Dabei gibt es in der Ukraine überhaupt keinen Vizepräsidenten. Der ehemalige Militärgeheimdienstler Budanow ist neuerdings Leiter des Präsidialamtes.

Den nächsten Fauxpas soll es gegeben haben, als der US-Verhandler andeutete, dass er nicht wisse, wann die umfassende russische Invasion in der Ukraine begonnen habe. Dem Bericht zufolge sagte er auf die Frage, ob Trumps Friedensinitiative darauf abziele, den Krieg bis zum vierten Jahrestag der Invasion am 24. Februar zu beenden: "Ich war mir nicht bewusst, was das für ein Jahrestag war." Er glaube nicht, dass sich die USA unter Druck fühlen würden, weil es den vierten Jahrestag gebe.

Weiterhin monierte Kyiv Independent, dass der US-Diplomat behauptet habe, dass die russische Invasion in der Ukraine länger dauere als der Zweite Weltkrieg. Richtig ist, dass die Invasion mittlerweile länger anhält als die 1941 begonnenen Kämpfe zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion. Der Zweite Weltkrieg an sich begann jedoch bereits 1939 mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen - und ist damit länger als die russische Invasion in der Ukraine.

Massive Kritik von Experten

Oleksandr Merezhko, Vorsitzender des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten des ukrainischen Parlaments, sprach von einem "ernsten Problem". Der US-Diplomat "hat bereits mehrere große Fehler gemacht – sowohl technische als auch, im Wesentlichen, schwerwiegende diplomatische". Die US-Seite sehe Verhandlungen nicht durch eine politische oder rechtliche Linse. "Zum Beispiel betrachten sie territoriale Fragen als Immobilien", sagte Merezhko. "Das ist völlig falsch. Sie kennen die Grundlagen nicht - die Grundlagen von Politik, Geschichte, internationalem Recht."

Alexandra Filippenko, eine Expertin für die Beziehungen zwischen den USA und Russland, beschrieb den Offiziellen als "einfach jemanden, dem Trump vertraut". Der ehemalige US-Botschafter in der Ukraine, Steven Pifer, sagte Kyiv Independent, dass erfahrene Berater zu Russland und der Ukraine fehlen würden. "Im Gegensatz dazu wird Putin, der ein tiefes Verständnis für die Einzelheiten dieser Verhandlungen hat, normalerweise von seinem außenpolitischen Berater Juri Uschakow begleitet, der neun Jahre lang Russlands Botschafter in den Vereinigten Staaten war."

Fehlendes Basiswissen und die Übernahme russischer Narrative werden auch dem US-Sondergesandten Steve Witkoff immer wieder angelastet. Der Immobilienunternehmer sagte beispielsweise einst, im Osten der Ukraine habe es Referenden gegeben, "bei denen die überwältigende Mehrheit der Menschen angegeben hat, dass sie unter russischer Herrschaft stehen wollen". Tatsächlich handelte es sich jedoch um illegale Scheinreferenden, bei denen die Einwohner keine wirkliche Wahl hatten.

Witkoff, der "Sechser im Lotto" für Putin

In einem Interview mit dem rechtsextremen Moderator Tucker Carlson hatte Witkoff Anfang 2025 zudem Probleme, die Regionen in der Ukraine aufzuzählen, die Russland ganz oder teilweise besetzt hält. Über den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der seit fast vier Jahren einen brutalen Angriffskrieg führen lässt, sagte er, er möge ihn. "Ich denke, er war ehrlich zu mir."

Laut einem Bericht von "The Atlantic" hatte Witkoff zudem bei einem Treffen mit Putin im Sommer mit dem Standardprotokoll gebrochen, indem er ohne einen Protokollführer des Außenministeriums zu dem Treffen ging. Somit würden Aufzeichnungen von Putins genauen Vorschlägen fehlen, sagte eine Quelle. Das wiederum soll zu gehörigen Irritationen bei europäischen Partnern geführt haben.

Bei mehreren hochrangigen Treffen mit der russischen Seite verließ sich Witkoff laut NBC auf Kreml-Dolmetscher und verzichtete auf Übersetzer der amerikanischen Seite. Der Politikwissenschaftler Thomas Jäger bezeichnete Witkoff im Interview mit ntv.de als "Sechser im Lotto" für Putin.

Quelle: ntv.de, rog

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