Politik

Heute vor 30 Jahren Honecker feiert, das Volk begehrt auf

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Noch einmal Raketen in Ost-Berlin. Erich Honecker und Michail Gorbatschow bei der Militärparade.

(Foto: imago/photothek)

Noch einmal Fackelzug und rollende Panzer: Zum 40. Jahrestag der DDR zieht die SED-Spitze noch einmal alle Register. Doch der 7. Oktober 1989 endet für die Herrschenden mit einem Fiasko. Und der wichtigste Gast verabschiedet sich frühzeitig.

Gerade erst hat Erich Honecker den Mitgliedern der FDJ noch zugewinkt, doch nun verfinstert sich seine Miene. "Gorbi, Gorbi"-Rufe ertönen beim Fackelzug der rund 70.000 Mitglieder des Jugendverbandes am Vorabend des 40. DDR-Geburtstages. Die Person Michail Gorbatschow ist beherrschendes Thema bei den Feierlichkeiten. Der als Reformer gefeierte KPdSU-Generalsekretär, der neben Honecker auf der Ehrentribüne steht, lächelt den Fackelträgern zu. Der Gast aus der Sowjetunion, mit dem Honecker nicht viel verbindet, muss in diesen Tagen in Ost-Berlin einen wahren diplomatischen Drahtseilakt vollziehen. Er weiß, dass auch in der DDR die Rufe nach Reformen immer lauter werden. Aber Gorbatschow ist auch an politischer Stabilität im westlichsten Vorposten des Warschauer Paktes interessiert.

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Trotz Bruderkuss: Zwischen beiden Parteiführern herrschen große Meinungsverschiedenheiten.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Nach dem Fackelzug am Vorabend gibt es am 7. Oktober dann rollende Panzer, marschierende Soldaten und Marschmusik: Traditionell findet zum Republikgeburtstag die Parade der Nationalen Volksarmee statt. Auf der Tribüne in der Karl-Marx-Allee stehen alle Staats- und Parteichefs des östlichen Verteidigungsbündnisses und führende Repräsentanten kommunistischer Parteien aus nichtsozialistischen Ländern. In Anbetracht der inneren politischen Lage in der DDR und der erst vier Monate zurückliegenden Niederschlagung der Demokratiebewegung in China wirkt diese Parade bedrohlich. Keiner weiß zu diesem Zeitpunkt, wie die SED-Führung mit der immer stärker werdenden DDR-Opposition umgehen wird.

Gorbatschows Treffen mit dem SED-Politbüro

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Zum letzten Mal Raketenwerfer in Ost-Berlin.

Honeckers Plan war es eigentlich, zwei freudige Tage zu veranstalten: lachende Menschen und Volksfeste, kurzum Jubel, Trubel, Heiterkeit. Doch die Situation in der DDR lässt das nicht zu. Dazu sorgt auch noch Gorbatschow für schlechte Stimmung. Bei einem extra anberaumten Gespräch mit den Mitgliedern des SED-Politbüros mahnt er Reformen in der DDR an. Im Schloss Niederschönhausen sagt der sowjetische Parteichef zu den SED-Politbürokraten: "Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort." Doch die Mehrheit der Runde nimmt sich diese Mahnung nicht zu Herzen.

Dass die greise SED-Führung die tatsächliche Lage ignoriert, wird am Nachmittag des 7. Oktober beim Festakt im Palast der Republik deutlich. Während drinnen mit Sekt angestoßen wird, sammeln sich draußen die Demonstranten. Die Parteioberen feiern sich dennoch selbst. Der von einer langen Krankheit gezeichnete Honecker lobt die Errungenschaften des Sozialismus und verliert kein Wort über die gravierenden ökonomischen Schwierigkeiten des zweiten deutschen Staates. Nur sattsam bekannte Floskeln gibt der SED-Chef von sich. Die grassierende Ausreisewelle aus der DDR ist für Honecker kein Thema.

Aber auch Gorbatschow enttäuscht seine Anhänger. Seine Rede besteht ebenfalls nur aus Worthülsen, er bleibt im Allgemeinen. Der Chef aus Moskau will seinen deutschen Statthalter öffentlich nicht noch mehr brüskieren.

"Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus"

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Protest in der Gethsemanekirche am 8. Oktober 1989.

(Foto: imago images / Rolf Zöllner)

Dabei ertönen die "Gorbi, Gorbi"-Sprechchöre auch an diesem Tag - außerhalb des von Angehörigen der Volkspolizei und der Staatssicherheit hermetisch abgeriegelten Palastes. Und ein weiterer Ruf ertönt in der Abenddämmerung: "Wir sind das Volk!" Doch der sowjetische Hoffnungsträger lässt sich draußen nicht blicken. Er zieht es vor, unmittelbar nach der Veranstaltung abzureisen. Die Rufe "Gorbi, hilf uns" verhallen ungehört.

Nun kommen die Stunden von Erich Mielke. Nach dem Abflug Gorbatschows ergreift der Stasi-Chef die Initiative: "Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus." Auf der Prenzlauer Allee werden Demonstranten - sie haben sich am Alexanderplatz formiert und sind zum Stadtbezirk Prenzlauer Berg weitergezogen - von den Sicherheitskräften eingekesselt. Vergitterte Lastwagen und Wasserwerfer sowie Krankenwagen sind vor Ort. Rund um die Gethsemanekirche, einem Treffpunkt der Opposition, wird auf die Menschen eingeknüppelt. Hunderte von ihnen landen in Polizeikasernen und in Gefängnissen. Es gibt zahlreiche Verletzte.

Das Ende des Ostblocks

Die Jahre 1989 und 1990 stehen für den politischen Umbruch in Osteuropa. Wichtige Ergebnisse sind das Ende des Kalten Krieges sowie der Teilung Deutschlands und Europas. In einer losen Reihe beleuchtet n-tv.de die Ereignisse von vor 30 Jahren.

Von Honecker ist an diesem Tag nichts mehr zu vernehmen. Er wird nur noch zehn Tage lang SED-Generalsekretär und DDR-Staatsratsvorsitzender bleiben. Das SED-Herrschaftssystem jedoch ist spätestens an diesem Tag moralisch am Ende. Eine von Oppositionellen, Demonstranten und Intellektuellen geforderte Untersuchungskommission zu den Ereignissen am Abend des 7. Oktober nimmt knapp einen Monat später ihre Arbeit auf.

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Quelle: n-tv.de

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