Politik

Junger Linker Luke Hoß"Ich möchte nicht Teil von Jens Spahns Kumpel-Clique sein"

02.05.2026, 06:59 Uhr
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Der 24-jährige Luke Hoß ist rechtspolitischer Sprecher der Linkenfraktion im Bundestag. (Foto: picture alliance/dpa)

Seit einem Jahr ist Luke Hoß im Bundestag und zieht eine ernüchternde Bilanz. Die Bezeichnung "Politiker" empfindet er als Beleidigung. Der 24-Jährige prangert die angeblichen Privilegien und Abgehobenheit vieler Abgeordneter an. Im Gespräch mit ntv.de stellt er auch sich selbst ein Jahreszeugnis aus.

ntv.de: Herr Hoß, vor einem Jahr sind Sie als jüngster Abgeordneter in den Bundestag eingezogen. Wie ist es Ihnen ergangen?

Luke Hoß: Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, seit meiner Kindheit hatte ich immer das Gefühl, Politiker tun nicht viel für uns. Deshalb war ich skeptisch, als ich in den Bundestag einzog. Meine zwölf Monate hier haben dieses Gefühl bestätigt. Ich bin immer noch befremdet von diesem Betrieb. Letztens hat mich jemand Politiker genannt. Das fühlte sich wie eine Beleidigung an.

Aber Sie sind Politiker.

Politiker beziehen fette Diäten, machen sich im Zweifel sogar noch die eigenen Taschen voll oder scheffeln ihren Freunden Geld zu - da muss man sich nur Jens Spahn und seinen Maskendeal ansehen. Ich möchte nicht Teil von Jens Spahns Kumpel-Clique sein. Von diesem Berufsbild des Politikers grenze ich mich ab. Es ist mir fremd.

Das sind doch Klischees.

Für mich hat die Lebensrealität von Politikern wenig mit der der Menschen in Deutschland zu tun. Seit einem Jahr erlebe ich den Alltag der Abgeordneten selbst: Die meisten lassen sich morgens vom Fahrdienst zu Hause abholen und zum Bundestag fahren. Dann sind sie den ganzen Tag im Büro, haben Besprechungen, nehmen an Sitzungen teil und lassen sich abends wieder nach Hause kutschieren. Die meisten tauschen sich nur mit anderen Abgeordneten und mit Lobbyisten aus - außerhalb der Berliner Politikblase haben sie keine Kontakte. Viele wohnen nicht im Wahlkreis, sondern ausschließlich in Berlin. Mit den Menschen, die an den Zapfsäulen stehen und für horrende Summen ihre Fahrzeuge betanken müssen, oder mit denen, die mit dem Deutschlandticket zur Arbeit fahren, haben diese Politiker nichts zu tun. Ich versuche, es anders zu machen.

Wie?

Der Kontakt zu den Menschen ist mir wichtig. Ich bin oft in meinem Wahlkreis in Passau. Ich führe Haustürgespräche und biete Sprechstunden an, zu denen Menschen mit ihren Problemen kommen können. In Passau organisiert die Linke Nachbarschaftsküchen, wo Menschen günstiges Essen bekommen. Ich berichte darüber, was genau ich in Berlin mache. Ich frage, wo der Schuh drückt. So versuche ich, nah an den Wählern und ihren Sorgen zu sein. Ich deckle mein Gehalt. Im vergangenen Jahr habe ich 60.000 Euro gespendet. In Berlin fahre ich mit der S-Bahn zur Arbeit.

Abgesehen von der Deckelung des Gehalts und vielleicht den S-Bahn-Fahrten dürften die meisten Abgeordneten eine solche Bürgernähe für sich in Anspruch nehmen.

Gerade erst hatte ich eine Begegnung mit einem CSU-Abgeordneten, die mich seit Tagen beschäftigt. Das war auf einer Veranstaltung der "Augsburger Allgemeinen" in Berlin. Kurz zuvor hatte ich in einer bayerischen Zeitung kritisiert, dass viele Abgeordnete nur in ihrer Berliner Blase leben und nur wenig über die Lebensrealität der Menschen außerhalb des Politikbetriebs wissen würden. Auf der Veranstaltung kam dann ein CSU-Abgeordneter auf mich zugestürmt und blaffte mich an: Ich würde schlimme Dinge erzählen und die Kollegen in Schubladen stecken. Er hat sich angegriffen gefühlt, weil ich die Privilegien der Abgeordneten kritisiere. Er wollte sie um jeden Preis verteidigen.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe nur gesagt, da wisse er nun einmal, wie es Leuten ginge, die in Schubladen gesteckt würden. Er hat händeringend versucht, sich zu verteidigen. Dann ist er abgedüst.

Sie beurteilen Ihre Kollegen. Welches Zeugnis würden Sie sich und Ihrer nach einem Jahr im Bundestag ausstellen?

Grundsätzlich lehne ich als Linker unangekündigte Tests mit Benotung ab. Nach einem Jahr ist mir klar geworden, wie ich als Politiker nicht sein will.

Derzeit arbeiten Sie aus der Opposition heraus. Für eine Zweidrittelmehrheit braucht die Regierung die Stimmen der Linken. Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit der Union?

Ich habe einen persönlichen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Union. Denn das sind genau die Abgeordneten, die Politik gegen die Leute machen, für die ich mich einsetze. Aber für mich ist auch klar: Wenn andere Parteien Vorschläge machen, durch die sich das Leben der Menschen verbessert, dann stimme ich zu. Auch wenn es dabei nicht darauf ankam, habe ich bei der Rentendebatte mit der Union gestimmt.

Kürzlich haben Sie in einem Video in den sozialen Medien mit Angela Merkel sympathisiert. Welche Positionen teilen Sie mit der ehemaligen Bundeskanzlerin?

Unsere Gemeinsamkeit ist simpel: Wir sind beide genervt von Friedrich Merz und seiner Politik.

Sie arbeiten sich im Bundestag und auf Ihren Kanälen in den sozialen Medien an der Union ab. Fällt es Ihnen leichter, politische Positionen in einem Dagegen zu entwickeln?

Dass ich immer nur dagegen bin, nehme ich nicht wahr. Ich versuche immer auch zu sagen, wofür ich, wofür die Linken stehen. Ich skizziere, wie eine soziale und ökologische Gesellschaft aussehen kann. Eigentlich zeichne ich eine positive Vision der Zukunft. Ich spreche aber auch darüber, wer diese Gesellschaft verhindert. Das ist für mich die Union, sie ist der Gegner.

Haben Sie sich im Bundestag in Berlin schon einmal mit jemandem angelegt?

Mit den Abgeordneten der AfD lege ich mich regelmäßig an. Die Faschisten kriegen einen Puls, wenn ich ans Rednerpult trete. Die AfD vertritt nicht die Interessen der Menschen im Land. Ihre Abgeordneten hetzen mit rassistischen Parolen und stacheln damit die Menschen gegeneinander auf.

Und haben Sie sich auch innerhalb Ihrer Fraktion schon mal mit jemandem angelegt?

Nein. Ich lege Wert auf solidarischen Umgang.

Das heißt doch nicht, dass man sich nicht widersprechen kann.

Sich mit jemandem anzulegen, impliziert ein persönliches Problem. Das habe ich mit niemandem aus der Fraktion. Trotzdem bin ich ein Freund kontroverser Diskussion. Wir leben nicht in simplen Zeiten, in denen wir einfache Antworten auf unsere Probleme finden.

Für welches Thema haben Sie am meisten gestritten?

Ich habe mich in der Fraktion für den Widerstand gegen das Erstarken der Faschisten besonders starkgemacht. Ich habe immer wieder gefragt: Wie verhalten wir uns als Linke in dieser historischen Zeit, in der die Regierung nichts gegen den Aufstieg der Faschisten tut?

Welche Antwort haben Sie darauf gefunden?

Wir wollen uns laut widersetzen. Wir haben Proteste organisiert. Ich war als parlamentarischer Beobachter involviert.

Bei diesem Thema wurden Sie von Ihrer Fraktion unterstützt. Gibt es auch Inhalte, bei denen Sie auf Gegenwind stoßen?

Generell finde ich es gut, dass wir als Linke auch kontrovers über Positionen diskutieren. Denn nur so können wir gute Lösungen finden, die bei den Menschen ankommen. Trotzdem ist es wichtig, an einem Strang zu ziehen. Dafür versuche ich auch in unserer Fraktion zu sorgen.

Auch zum Thema Antisemitismus streitet sich die Linke. Ende 2025 kritisierte der Parteivorstand die Jugendorganisation der Linken, die Linksjugend, für den Beschluss "Nie wieder zu einem Völkermord schweigen". Die Parteivorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken distanzierten sich von dem Beschluss, weil sie darin Israels Existenz delegitimiert sehen. Stimmen Sie damit überein?

Die Linksjugend ist ein selbstständiger Verband. Wir in der Linken diskutieren viel über den Nahen Osten. Das Thema liegt uns allen wahnsinnig am Herzen, weil so viele Menschen leiden und sterben. Wir fühlen uns als Politiker machtlos. Wir ringen um Lösungen, die dieses Leid beenden. Deshalb streiten wir darüber.

Was meinen Sie damit?

Ich halte das Existenzrecht Israels für unverhandelbar, es markiert eine rote Linie. Die Partei hat diese nicht überschritten. Ich wäre nicht in der Linken, wenn ich nicht glauben würde, dass die Linke der Ort ist, an dem wir am wirkungsvollsten gegen Antisemitismus in Deutschland vorgehen können.

Im Juni werden Sie auf dem Bundesparteitag einen neuen Parteivorsitzenden wählen. Der einzige Kandidat ist derzeit Luigi Pantisano. Halten Sie für ihn einen guten künftigen Linken-Chef?

Mir ist es besonders wichtig, einmal zu sagen, wie dankbar ich Jan van Aken bin. Mit Ines Schwerdtner zusammen hat er die Partei aus einer schwierigen Lage heraus navigiert. Ich habe keine politischen Vorbilder, aber Jan van Aken ist jemand, von dem ich sehr viel gelernt habe. Er kann die Menschen mitreißen. Luigi ist dafür ein logischer Nachfolger. Es wird der Linken gut stehen, endlich einen Vorsitzenden mit Migrationsgeschichte zu haben. Aber die Entscheidung treffen am Ende die Delegierten auf dem Parteitag.

Mit Luke Hoß sprach Rebecca Wegmann

Quelle: ntv.de

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