Drei Jahre nach dem 7. OktoberIsrael wählt im Schatten des Krieges - und vieler offener Fragen

In Gaza herrscht eine brüchige Waffenruhe, die Geiseln - lebende wie tote - sind zurück. Doch der Krieg in der Region, der am 7. Oktober 2023 begann, ist nach wie vor nicht zu Ende. In knapp drei Wochen wählt ein Land, das noch immer im Schatten des Terrorangriffs lebt.
Heute vor genau drei Jahren, am jüdischen Feiertag Simchat Tora, überrannten rund 6000 Terroristen wie auch Zivilisten aus dem Gazastreifen unter Führung der Terrororganisation Hamas die Grenzortschaften im Süden Israels. Etwa 1200 Menschen wurden an diesem einen Tag ermordet, Tausende verletzt, 251 nach Gaza verschleppt, darunter Kinder, Frauen und ältere Menschen. Viele von ihnen haben die Tage in Geiselhaft nicht überlebt. Erst Anfang dieses Jahres, 843 Tage nach den Terrorangriffen, wurde der Leichnam des letzten Israelis zurückgebracht.
Diese Zahlen allein erklären nicht, wie sehr sich Israel seit dem 7. Oktober 2023 verändert hat - dem Tag, an dem so viele Juden ermordet wurden wie seit dem Holocaust nicht. Es sind die abscheulichen Taten und die Bilder, die die Terroristen an diesem Tag selbst von ihrem Massaker aufgenommen und publiziert haben, die das Land nachhaltig verändert und die gesamte Region neu geordnet haben.
Der Krieg, der an diesem Tag begann, ist für Israel und die Israelis bis heute nicht zu Ende. In Gaza schweigen seit Oktober 2025 weitgehend die Waffen. Doch die Hamas ist weiterhin präsent und nicht entwaffnet. So kommt es weiterhin regelmäßig zu Vorfällen und Militärschlägen. Parallel dazu hat der durch die Terrorangriffe vom 7. Oktober ausgelöste Krieg eine humanitäre Katastrophe für die palästinensische Zivilbevölkerung im Gazastreifen hinterlassen, die den internationalen Blick auf Israel grundlegend verschoben hat. Dass bereits am 8. Oktober 2023 die Hisbollah aus dem Libanon Israel angriff und kurz darauf auch irantreue Milizen in Syrien und im Irak sowie die Huthi im Jemen folgten, wurde international nur als Beiwerk wahrgenommen. Dabei hat die iranische Führung diese Akteure jahrelang finanziert und bewaffnet. Dieser Krieg begann in Gaza, hängt aber eng mit Teheran zusammen.
Eine Einigkeit, die nicht lange hielt
Zuletzt begannen Israel und die USA Ende Februar 2026 einen erneuten Krieg gegen den Iran, der mit der Waffenruhe vom April dieses Jahres unterbrochen, aber nicht beendet wurde. So ist Israel seit drei Jahren permanent an mehreren Fronten militärisch aktiv und in höchster Alarmbereitschaft.
In den Tagen nach den Angriffen vom 7. Oktober kamen Menschen aus ganz Israel zusammen und halfen den Überlebenden, den Familien der Opfer und den Evakuierten aus dem Süden und dem Norden. Zeitweise schien es, als hätte die israelische Gesellschaft die große Spaltung der vergangenen Jahre hinter sich gebracht. Viele dachten damals, dass der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu diese Katastrophe politisch nicht überleben werde, und die Umfragen legten genau das nahe.
Es kam anders. Tausende Israelis gingen zwar erneut auf die Straße, dieses Mal aber nicht gegen die Justizreform, sondern weil sie der Meinung waren, die Regierung tue nicht genug, um die Geiseln aus den Händen der Hamas zu befreien. Trotzdem konnte Netanjahu mit der Fortführung des Krieges gegen die Hamas und nach der Schwächung der Hisbollah, nach dem Fall des Assad-Regimes und dem direkten Schlagabtausch mit dem iranischen Regime sein politisches Ansehen zum Teil wiederherstellen. Das verdankt er nicht nur eigener Stärke, sondern auch der Führungsschwäche der Opposition. Rivalen wie Benny Gantz haben immer weiter an Zustimmung verloren; Gantz wird dem nächsten Parlament wohl nicht mehr angehören.
Zwei Lager, keine Sieger in Sicht
Bislang hat in Israel kaum ein politisch Verantwortlicher persönliche Verantwortung dafür übernommen, dass Israel auf diesen Angriff nicht vorbereitet war. Auch drei Jahre danach wurde immer noch keine staatliche Untersuchungskommission eingesetzt. Netanjahu konnte die Debatte über seine eigene Verantwortung teilweise abwehren. Für manche Israelis ist er sogar derjenige, der das Land militärisch aus dem Tiefpunkt seiner Geschichte herausgeführt hat. Für einen anderen Teil der Gesellschaft wird der amtierende Premierminister dafür verantwortlich gemacht, dass die israelischen Sicherheitskräfte nicht auf einen Terrorangriff vom Ausmaß des 7. Oktobers vorbereitet waren.
Nicht nur mit diesen offenen Fragen gehen Netanjahu und seine Partner in die kommende Knessetwahl. Dazu kommen der Korruptionsprozess gegen ihn sowie die aktuell viel debattierte Frage, ob ultraorthodoxe Männer vom Wehrdienst befreit bleiben. Dabei spielen Themen wie die Zukunft der Zweistaatenlösung oder der weitere Ausbau von Siedlungen, die in der deutschen Medienberichterstattung dominieren, vor Ort eher eine nachrangige Rolle. Die Zustimmungswerte für den Likud von Netanjahu sind auch wegen der Frage nach der Verantwortung seiner Regierung für die unzureichende Vorbereitung der Sicherheitsapparate auf die Terrorangriffe vom 7. Oktober vergleichsweise niedrig. Hinzu kommt, dass es ihm in seinem Lager nicht gelang, mehrere Parteien zu vereinigen, sodass manche die Sperrklausel von 3,25 Prozent verpassen könnten.
In den meisten Umfragen zur Wahl stehen Regierungs- und Oppositionsbündnis aktuell fast gleichauf und keines der Lager kommt auf die Mehrheit von 61 Mandaten. Für die deutsch-israelischen Beziehungen ist in beiden Fällen mit Kontinuität in der sicherheitspolitischen Grundausrichtung zu rechnen - wobei eine Regierung ohne extreme Kräfte, wie der heutige Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, eine Vertiefung des Austausches erleichtern könnte.
Für Israel steht aber viel mehr auf dem Spiel. Auch eine erneute Phase von mehreren Wahlen ohne klare Sieger ist möglich. Vieles spricht nämlich dagegen, dass die amtierende Regierung diese Wahl gewinnt, aber auch wenig dafür, dass die Opposition sie gewinnen kann, jedenfalls nicht ohne die Stimmen der arabisch-israelischen Parteien. Die stärkste Oppositionspartei wird vom früheren Generalstabschef Gadi Eisenkot geführt, der nach dem 7. Oktober selbst einen Sohn in den Kampfhandlungen im Gazastreifen verloren hat. Doch nicht alle in der Opposition stehen hinter ihm. Zu viele Politiker und Parteien glauben, sie könnten und sollten Israel künftig führen.
All das wird die Parlamentswahl bestimmen, die in genau 20 Tagen stattfindet - die erste seit den mörderischen Angriffen. Die israelische Gesellschaft ist zersplittert, doch sie eint das Trauma dieses besonders heute hochemotionalen Tages. Für die meisten Israelis - unabhängig von ihrer Wahlpräferenz - ist klar, dass diese Wahl entscheidend für die künftige strategische Ausrichtung des traumatisierten Landes ist, dessen Kampf um die eigene Sicherheit noch lange nicht zu Ende ist. Und ebenso wenig der Streit darüber, wie diese zu erreichen ist.
Der Autor: Dr. Michael Rimmel ist Leiter des Auslandsbüros Israel der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem.
