Politik

Friedenspreisträger 2015 Kermani fordert Syrien-Intervention

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Kermani betete nach seiner Rede für 200 vom Islamischen Staat entführten Christen aus der syrischen Kleinstadt Karjatain.

(Foto: dpa)

In seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels spricht der Preisträger das Syrien-Dilemma an. "Den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts tun", sagt Navid Kermani. Der bisherige Militäreinsatz ist ihm nicht genug.

Der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, hat ein entschlosseneres Vorgehen in Syrien bis hin zu militärischen Optionen gefordert. Der Islamische Staat werde den "Horror" so lange steigern, bis die Menschen in ihrem europäischen Alltag spürten, dass dieser Horror nicht von selbst aufhören werde, sagte Kermani in seiner Dankesrede nach der Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche. Doch die Terrormiliz könne besiegt werden.

Der deutsche Orientalist, Schriftsteller und Essayist wurde als Sohn iranischer Einwanderer in Siegen geboren und lebt heute in Köln. In seiner bewegenden Rede rief er nicht offen zum Krieg auf, bezog aber ausdrücklich das militärische Eingriffen mit in die nun noch vorhandenen Möglichkeiten mit ein. Je länger gewartet werde, desto weniger Möglichkeiten blieben, sagte Kermani.

Bei Völkermord nicht heraushalten

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Bundestagspräsident Lammert gratulierte Kermani zu seiner Rede.

(Foto: imago/epd)

"Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen? Ich rufe nicht zum Krieg auf. Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt - und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlich", sagte er. Der Krieg könne nur von den Mächten beendet werden, die hinter den befeindeten Armeen und Milizen stehen. Dazu gehörten der Iran, die Türkei, die Golfstaaten, Russland und der Westen. Voraussetzung dafür sei ein entsprechender Druck auf die Politiker: "Erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen"

Zu einer Debatte über Fluchtursagen gehöre auch die Frage, wie die Politik in Deutschland die Katastrophe "vor unseren Grenzen" befördert hat. "Wir fragen nicht, warum unser engster Partner im Nahen Osten ausgerechnet Saudi-Arabien ist", kritisierte Kermani, der dem Land die Finanzierung des Dschihadismus vorwarf. Der Westen dürfe aus den "desaströsen" Kriegen im Irak oder in Libyen nicht den Schluss ziehen, sich bei Völkermord besser herauszuhalten. Man habe sich mit dem Völkermord des syrischen Machthabers Baschar al-Assad am eigenen Volk und dem religiösen Faschismus des IS abgefunden.

"Den größten Fehler begehen wir, wenn wir nichts tun"

Der Krieg könne nicht mehr allein in Syrien und im Irak beendet werden, er könne nur von den Mächten beendet werden, die hinter den verfeindeten Armeen und Milizen stehen. "Und erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen", sagte Kermani. Wahrscheinlich würden bei einem entschlosseneren Vorgehen Fehler gemacht. "Aber den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun, den des 'Islamischen Staates' und den des Assad-Regimes."

Zu der Preisverleihung an Kermani kamen rund tausend Gäste in die Frankfurter Paulskirche, darunter Bundestagspräsident Norbert Lammert. Der Literaturwissenschaftler Norbert Miller würdigte in seiner Laudatio auf Kermani dessen Literatur, die den Bogen vom Romanschreiber über den Orientalisten hin zum Reporter spanne. Der Vorsteher des Börsenvereins des Buchhandels, Heinrich Riethmüller, bezeichnete den Preisträger als ein Vorbild, als Menschen, der Orientierung gebe. "Ein aufgeklärter Bürger, der Hölderlin und die Poesie liebt, der aus der Literatur und aus seiner Religiosität die Anregungen, Erkenntnisse und Kraft schöpft, die wir, angesichts einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, alle brauchen."

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.

Bürgerkrieg in Syrien: Wer kontrolliert welche Gebiete?

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(Foto: Christoph Herwartz / n-tv.de)

Quelle: n-tv.de, che/AFP/dpa

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