Politik

Neue Eskalationstufe? Kiew wirft Moskau Einsatz der Vakuumbombe vor

Die Bilder einer enormen Explosion in der ukrainischen Stadt Ochtyrka werfen eine Frage auf: Handelt es sich bei der abgefeuerten Waffe um eine sogenannte Vakuumbombe russischer Truppen? Der Einsatz dieses Waffentyps hätte verheerende Folgen - und könnte eine neue Eskalationsstufe darstellen.

"Heute war ein besonders schrecklicher Tag", sagt die ukrainische Botschafterin in den USA, Oksana Markarowa, am fünften Tag der Invasion Russlands in die Ukraine. "Heute haben sie die Vakuumbombe eingesetzt." Ihre Stirn legt sich in Falten, als sie nach einem Treffen mit dem US-Kongress zu Reportern spricht. "Die Zerstörung, die Russland in der Ukraine anrichten will, ist groß", mahnt sie.

Ein auf Twitter verbreitetes Video zeigt eine enorme Explosion mit schwarzen Rauchwolken - es soll sich um die Detonation einer Vakuumbombe in der ukrainischen Stadt Ochtyrka handeln. Der Präsident der Ukraine, Wolodimir Selenskyj, spricht sogar von einer Vakuumbombe, welche in Kiew explodiert sein soll. Unabhängig bestätigt sind diese Vorwürfe nicht. Sollten sie sich bewahrheiten, wäre das eine neue Eskalationsstufe im Angriffskrieg des Kremls, denn sogenannte thermobarische Waffen in russischem Besitz, umgangssprachlich Vakuumbomben genannt, gelten in Russland als "Vater aller Bomben". Ihre Auswirkungen sind verheerend.

Die Vakuumbombe ist eine zweistufige Munition, sie erzeugt eine Kombination aus einer Hitze- und einer Druckwelle. Nachdem die Bombe im Zielgebiet eingeschlagen ist, wird ein Aerosol in der Luft verteilt. Eine zweite Sprengladung zündet diese Wolke und erzeugt einen Feuerball im Umkreis von 200 bis 400 Metern. Dadurch, dass die Sprengkörper kein Oxidationsmittel mit sich führen, entziehen sie der Umgebung weitflächig Sauerstoff. Es entsteht ein Vakuum mit einer gewaltigen Sogwirkung. Durch diese Druckwelle und die enorme Hitze kann eine Bombe dieser Art zu tödlichen Lungenverletzungen führen und sogar menschliche Körper verdampfen.

Video soll Transport des Waffensystems zeigen

Moskau hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen eines solchen Einsatzes auf ukrainischem Boden geäußert. Allerdings berichtete der US-Fernsehsender CNN von der Sichtung eines entsprechenden Waffensystems. So twitterte der CNN-Reporter Frederik Pleitgen ein Video, das den Transport eines Panzers mit den vermeintlichen Raketenwerfern zeigen soll. Dazu schrieb er: "Die russische Armee hat den schweren Flammenwerfer TOS-1, der thermobarische Raketen verschießt, südlich von Belgorod in Bewegung gesetzt." Belgorad ist eine russische Stadt an der ukrainischen Grenze. Sie liegt nur rund 150 Kilometer von Ochtyrka in der Ukraine entfernt.

Es sei nicht klar, ob solche Raketen in der Ukraine bereits von russischen Truppen eingesetzt wurden, betonte auch Marcus Hellyer, leitender Analyst am Australian Strategic Policy Institute, im "Guardian". Allerdings hält der Experte dies nur für "eine Frage der Zeit". Der Einsatz solcher thermobarischen Waffen sei in der russischen Taktik "ziemlicher Standard".

Diese Bomben werden seit den 1960er Jahren sowohl von westlichen Streitkräften als auch von russischen genutzt. Ihm zufolge verfügt Moskau über "Systeme für das gesamte Spektrum, von recht kleinen taktischen Waffen bis hin zu riesigen, aus der Luft abgeworfenen Bomben". Im Jahr 2000 verurteilte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch den Einsatz dieser Waffen durch Russland ein Jahr zuvor in Tschetschenien als "gefährliche Eskalation" mit "erheblichen humanitären Auswirkungen".

Handelt es sich um verbotene Waffen?

Auch die Separatisten, die Russland im Donbass unterstützt, "setzen sie seit einigen Jahren ein", so der Experte. "Eines der Dinge, die wir über russische Taktiken wissen, ist, dass sie bereit sind, alles zu zerstören." Es sei klar, dass sich die Ukrainer in einigen Städten verschanzen. Als Reaktion darauf "werden die Russen mehr und mehr auf alle Waffen zurückgreifen, die sie haben, einschließlich thermobarischer Waffen in bebauten städtischen Gebieten".

Die ukrainische Botschafterin Markarowa betonte vor den Reportern, die Vakuumbomben seien nach der Genfer Konvention verboten - Russland sollte dafür "einen hohen Preis zahlen". Vom US-Kongress forderte sie konkret mehr Waffen und härtere Sanktionen für Russland. Das Genfer Protokoll III über Brandwaffen von 1980 verbietet den Einsatz konventioneller Waffen, die "übermäßige Leiden verursachen oder unterschiedslos wirken können". Im "Guardian" beschreibt Hellyer das qualvolle Ersticken, das die Vakuumbomben erzeugen können. Demnach können sie den Menschen "die Luft aus den Lungen saugen". Der Experte rechnet damit, dass Russland die Bomben als "Bunkerbrecher" einsetzt. Aus der Luft abgefeuert können sie ganze Höhlen und Tunnelkomplexe zerstören - die USA haben sie auf der Jagd nach Al-Kaida in Afghanistan entsprechend eingesetzt.

Allerdings sind die Vakuumbomben nach dem Völkerreicht keine per se verbotenen Waffen, wie es der Völkerrechtsexperte Ben Saul gegenüber dem US-Sender ABC klarstellt. Es komme darauf an, wozu sie eingesetzt werden. "Absolut legal wäre es", so Saul, wenn die russischen Truppen die Bomben auf offenem Feld gegen ukrainische Panzer abfeuern. Ein Kriegsverbrechen wäre es hingegen, wenn die russischen Truppen die thermobarischen Waffen "in einem dicht besiedelten Gebiet" einsetzen, von dem sie wissen, "dass es wahrscheinlich Zivilisten gibt und die Druckwelle oder die Explosionswirkung der Waffe ausreichend groß wäre".

Den Haag nimmt Ermittlungen auf

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Jen Psaki, die Pressesprecherin des Weißen Hauses, spricht von einem Kriegsverbrechen, sollten sich die Vorwürfe gegen Moskau als wahr herausstellen. In einer Pressekonferenz fügte sie hinzu, dass internationale Organisationen dies beurteilen würden. Die Regierung von US-Präsident Joe Biden würde sich zudem bemühen, an diesem Gespräch teilzunehmen.

Für die juristische Beurteilung des möglicherweise verbotenen Waffeneinsatzes ist der internationale Gerichtshof zuständig. Aus Den Haag hieß es, dass es hierzu "so bald wie möglich" eine Untersuchung geben solle. Die Ukraine ist zwar kein Vertragsstaat dieses Weltstrafgerichts. Allerdings hat das Land in Erklärungen nach Angaben der Anklage die Zuständigkeit des Gerichts bei der möglichen Verfolgung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf seinem Territorium seit November 2013 akzeptiert. Russland erkennt das Gericht nicht an.

Quelle: ntv.de

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