Politik

Militärexperte zum Angriffskrieg "Konventioneller Krieg war sehr erfolgreich für Russen"

Erich Vad ist Brigadegeneral a.D. und war langjähriger Berater für Sicherheits- und Verteidigungs­­­politik im Deutschen Bundestag. Im Interview mit ntv.de erklärt der Militärexperte, warum er die Russen trotz augenscheinlichem Stocken der Invasion nicht auf einem absteigenden Ast sieht - im Gegenteil. Doch Vad verdeutlicht auch, wie sich die Lage bei einem in die Länge gezogenen Krieg dennoch wenden könnte.

ntv.de: Sprechen wir über die militärische Lage in der Ukraine. Es gibt erste Anzeichen, dass sich die Verhandlungspositionen annähern. Zumindest konnte man Präsident Selenskyj gestern Abend so verstehen. Es gab das Gespräch mit den drei EU-Regierungschefs. Sehen Sie einen Anlass für Optimismus?

Erich Vad: Ja, man muss unterscheiden, der ganze Konflikt läuft ja auf zwei Ebenen ab. Das sind die politischen Verhandlungen, auch der Besuch der drei Regierungschefs aus der EU. Zwar ohne offizielles Mandat der EU, aber immerhin sind sie da, die Gespräche laufen und die Verhandlungen mit der russischen Seite laufen auch weiter. Und das stimmt mich schon optimistisch, denn man redet ja nur miteinander, wenn man sich annähert oder wenn man das Gefühl hat, man könnte sich einigen.

Die militärische Lage entwickelt sich natürlich auch weiter. Die Russen haben jetzt im Grunde genommen die gesamte Schwarzmeerküste im Griff. Sie beschießen Odessa von der Seeseite aus und haben eine Seeblockade gemacht. Da kommt niemand mehr durch, den Russland nicht durchlassen möchte. Es ist ihnen auch geglückt, die Landverbindung zwischen Krim und Donbass herzustellen. Da wird noch gekämpft in Mariupol. Auch da würde ich sagen, wird es den Russen gelingen, die Stadt tatsächlich einzukreisen. Sie lassen die Zivilisten weitestgehend raus. Das ist ihr Konzept, auch in Charkow und auch in Kiew. Man muss jetzt sehen, was in den urbanen Zentren passiert, vor allen Dingen in Kiew. Kiew ist eingekesselt und man kann nur hoffen, dass es jetzt nicht eskaliert in Richtung eines Straßen- und Häuserkampfes.

Trotzdem haben die Russen es nicht geschafft, in drei Wochen Krieg auch nur eine große Stadt zu erobern, vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen. Hatten Sie das erwartet?

Also, ich denke schon. Man muss wirklich sehen, wir haben jetzt knapp drei Wochen Krieg und die Russen haben doch große Geländegewinne gemacht. Sie haben sich fokussiert auf den Osten der Ukraine. Sie sind nicht in die gesamte Ukraine rein. Dazu reicht der Kräfteansatz auch nicht aus. Gemessen an diesen begrenzten Zielen, muss man sagen, war dieser konventionelle Teil des Krieges sehr erfolgreich. Wenn er in die Länge gezogen wird, wenn es den Ukrainern gelingt, diesen Krieg weiter in die Länge zu ziehen, vor allen Dingen in den urbanen Zentren, wenn sie also auch vom konventionellen Teil in den irregulären, in den Guerilla-Part übergleiten, dann kann sich das Blatt wenden.

Aber ich sage mal, diesen konventionellen Teil, den haben die Russen so weit im Griff. Aber ob sie damit den Krieg gewinnen, ist offen. Die Amerikaner hatten den Irak auch innerhalb von drei Wochen konventionell erledigt, und sie haben Jahre gebraucht, um am Ende rauszugehen. Wir haben auch das Beispiel Afghanistan. In der Anfangsphase diese Kriegs, nach zwei bis drei Wochen, waren die Taliban aus allen Schlüsselstellungen raus und erledigt. Sie waren militärisch besiegt, konventionell. Aber die NATO musste nach 20 Jahren abziehen. Sie hat verloren gegen Taliban mit Turnschuhen und Kalaschnikows. Über 50 Staaten der Weltgemeinschaft haben diesen Krieg verloren am Ende. Das darf man nicht vergessen. In der gleichen Situation sind die Russen auch. Wenn es den Ukrainern durch ihre hohe Kampfmoral gelingt, diesen Krieg zu verlängern, in die Länge zu ziehen, dann kann es sein, dass tatsächlich die Russen auf der Verliererseite stehen. Aber im Moment sind sie das nicht.

Schauen wir auf die kommende Woche. Da gibt es einen NATO-Gipfel in Brüssel mit Staats- und Regierungschefs. US-Präsident Biden wird nach Europa kommen. Von diesem Treffen wird viel erwartet. Welches Signal erwarten Sie da von der NATO? Es gilt ja nach wie vor der Grundsatz, die NATO will nicht direkt in diesen Krieg eingreifen.

Richtig. Das bleibt auch dabei. Auch heute treffen sich die NATO-Verteidigungsminister wieder, um zu beraten und aktuelle Themen zu diskutieren. Die Flugverbotszone ist so ein Thema, aber ich glaube, sie ist tatsächlich vom Tisch. Und der Bundeskanzler hat ja gestern noch mal klar gesagt, dass Deutschland da auch nicht mitgeht. Ich denke, das ist auch Konsens im Bündnis. Polen hat jetzt den Vorschlag einer Friedensmission unterbreitet. Da muss ich auch sagen, im Moment steht das nicht zur Debatte. Das kann keine klassische Peace-Keeping-Operation im Moment sein. Das wäre ja dann eine Peace-Enforcement-Operation zur Unterstützung der Ukraine gegen Russland, und das wird die NATO auch nicht machen. Das sind Forderungen, die einfach dieser generellen Linie, sich nicht reinziehen zu lassen in diesen militärischen Konflikt, jedenfalls nicht aktiv, widersprechen.

Dieser Vorschlag des polnischen Vizepremiers hat auch mich überrascht. Denn da ging es ja schon darum, bewaffnete NATO-Truppen auf ukrainischem Boden einzusetzen. Das wäre dann ja sozusagen eine Teilnahme an dem Konflikt gewesen.

Richtig. Das muss man unter den jetzigen Maßstäben sehen. Ob mal eine Friedensmission kommen wird, nach einem Friedensschluss, wie immer der aussieht, das ist offen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt wäre das eine Peace-Enforcement-Operation, eine Friedens-Erzwingungs-Operation, und damit wäre die NATO Kriegspartei. Und ich finde, man muss mit diesen Forderungen wirklich aufpassen, dass man nicht sehenden Auges in einen dritten Weltkrieg hineingeht.

Mit Erich Vad sprach Holger Schmidt-Denker

Quelle: ntv.de

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