Politik

Kirchentag der Superlative Luther, Obama und die Generation 2017

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In Wittenberg werden auf den Elbwiesen bis zu 200.000 Menschen erwartet.

(Foto: imago/epd)

Es ist ein Höhepunkt im Reformationsjahr: Berlin und Wittenberg richten den Kirchentag aus. Geplant sind Tausende Veranstaltungen. Höhepunkte sind der Auftritt des Ex-US-Präsidenten Obama sowie ein Massen-Camping.

500 Jahre Reformation, ein Ex-US-Präsident als Stargast und eine Herausforderung für die Sicherheitskräfte: In Berlin beginnt heute der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag. Zu dem fünftägigen Glaubensfest unter dem Motto "Du siehst mich" erwarten die Veranstalter 140.000 Dauerteilnehmer sowie zusätzlich mehrere 10.000 Tagesbesucher. Eröffnet wird das Treffen zum Reformationsjubiläum gleich mit drei Gottesdiensten vor dem Reichstag, dem Brandenburger Tor und auf dem Gendarmenmarkt. Anschließend steigt ein Straßenfest.

Auf dem Programm stehen bis Sonntag 2500 Veranstaltungen, darunter Gottesdienste, Bibelarbeiten, Diskussionsrunden mit Politikern, Vorträge, Konzerte und Ausstellungen. Zum Abschluss fahren am Sonntag viele Gläubige in das 100 Kilometer entfernte Wittenberg, um einen gigantischen Gottesdienst auf den Elbwiesen zu feiern. In der Nacht zu Sonntag sind alle eingeladen, auf den Wiesen zu übernachten. Insgesamt bietet das Areal Platz für 200.000 Menschen.

Dass ein Kirchentag in zwei Städten stattfindet, gilt als Novum. Geschuldet ist es dem Jubiläum zu 500 Jahren Reformation. Parallel zum Kirchentag gibt es in den "Reformationsländern" Sachsen, Sachsen- Anhalt und Thüringen sechs kleinere "Kirchentage auf dem Weg".

Obama und Merkel plaudern

Am Donnerstag (11.00 Uhr) gibt es auf der Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor eine besondere "Fanmeile": Der frühere US-Präsident Barack Obama diskutiert mit Kanzlerin Angela Merkel über das Thema "Engagiert Demokratie gestalten". Bis zu 80.000 Zuschauer können die Debatte, die live im Fernsehen übertragen wird, vor Ort mitverfolgen. Direkt im Anschluss fliegt Merkel nach Brüssel, um beim Nato-Gipfel Obamas Nachfolger Donald Trump zu treffen.

Nach den jüngsten islamistischen Terroranschlägen, darunter in Manchester sowie am 19. Dezember an der Gedächtniskirche in Berlin, sind die Sicherheitsvorkehrungen beim Kirchentag schärfer als sonst. Bei den großen Veranstaltungen wie dem Auftritt Obamas gibt es erstmals in größerem Stil Taschenkontrollen. Zudem fährt die Polizei mobile Barrieren auf, um Anschläge mit Fahrzeugen auszuschließen. Nach dem Anschlag auf ein Konzert in Manchester am Montagabend gebe es aber "keine Anzeichen für eine besondere Terrorgefahr", hieß es. Dennoch ist die Polizei mit einem Großaufgebot im Einsatz. Hinzu kommen etwa 5500 freiwillige Helfer, 1300 medizinische Einsatzkräfte sowie zusätzlich ein Sicherheitsunternehmen. Hinzu kommt in der Hauptstadt das DFB-Pokal-Finale am Samstag.

Bahn fährt im Zehn-Minuten-Takt nach Wittenberg

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) setzt darauf, dass der Kirchentag gerade junge Menschen neu für den christlichen Glauben gewinnt. Vor allem beim Festwochenende in Wittenberg mit Zehntausenden Jugendlichen könne eine "Generation 2017" heranwachsen, sagte der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. "Jugendliche, die ihr ganzes Leben lang an dieses Jahr zurückdenken, sich erinnern und sagen: Wir sind damals dabei gewesen. Und wir haben damals Impulse für unser ganzes Leben erhalten."

Die Einbindung Wittenbergs in den Kirchentag war der Kirche deshalb wichtig, weil Martin Luther (1483-1546) hier der Überlieferung nach am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlichte. Er gab so den Anstoß für die Reformation, die in eine Spaltung der Kirche mündete.

Logistisch ist das Treffen eine gewaltige Herausforderung, auch wenn die Metropole Berlin Großveranstaltungen und Besucherströme gewohnt ist. S- und U-Bahnen, Busse und Trams fahren teils mit längeren Betriebszeiten und in dichterer Taktfolge als üblich, das Kirchentagsticket gilt als Fahrschein. Komplizierter wird das Unterfangen, Zehntausende Kirchentagsbesucher am Festwochenende nach Wittenberg zu bringen. Dazu setzt die Bahn ab Sonntag 4.00 Uhr Shuttle-Züge ein, die alle zehn Minuten fahren.

Die Veranstalter kalkulieren mit Kosten von rund 23 Millionen Euro, etwa die Hälfte davon bezahlt der Staat. Durch Eintrittskarten, Spenden und Sponsoring nimmt der Kirchentag 7,3 Millionen Euro ein, die Kirche gibt 3,2 Millionen Euro. Das Land bezuschusst die Veranstaltung mit 8,4 Millionen Euro, der Bund mit zwei Millionen Euro und das Land Brandenburg mit einer Million Euro. Hinzu kommen Projektzuschüsse von 500.000 Euro sowie sonstige Zuschüsse von 585.000 Euro. Die umfängliche Mitfinanzierung einer Kirchenveranstaltung durch den Staat stößt immer wieder auf Kritik.

Quelle: ntv.de, jwu/dpa