Politik

"Eher ein halbes Jahrhundert" Merkel: Wiedervereinigung dauert länger

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"Auch die Mühen der Freiheit, alles entscheiden zu müssen, müssen gelernt werden": Angela Merkel.

(Foto: REUTERS)

Auf den Tag genau 30 Jahre nach dem Mauerfall meldet sich die Kanzlerin mit einer nüchternen Einschätzung zu Wort. Die Einigung ziehe sich viel länger hin in als gedacht, sagt sie. Deutschland könnte noch Jahrzehnte benötigen. Und: Die "Mühen der Freiheit" müssten viele noch lernen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel geht davon aus, dass die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland sehr viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als ursprünglich vorhergesagt. "Bei manchem, von dem man gedacht hat, dass es sich zwischen Ost und West angleichen würde, sieht man heute, dass es doch eher ein halbes Jahrhundert oder länger dauert", sagte Merkel der "Süddeutschen Zeitung".

Kurz nach der Wende hatte der damals amtierende Bundeskanzler Helmut Kohl noch in Aussicht gestellt, der Osten Deutschlands werde sich rasch in "blühende Landschaften" verwandeln. Seine viel zitierte Aussage, die als geflügeltes Wort in den deutschen Sprachgebrauch einging, stammt aus dem Bundestagswahlkampf 1990. In den Jahren nach der Wiedervereinigung griffen Kritiker Kohls Worte oft auf, um auf Missstände und anhaltende Strukturschwächen im Osten hinzuweisen.

"Nach zehn oder zwanzig Jahren hatte man die Hoffnung, dass es schneller geht", sagte Merkel mit Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen nach der Wiedervereinigung und den Jahrestag der Maueröffnung am 9. November 1989. "Aber dreißig Jahre haben schon etwas fast Endgültiges."

Leben in der DDR "fast bequem"

Der 30. Jahrestag des Mauerfalls wird ihrer Einschätzung nach intensiver debattiert als frühere Jubiläen. "Ich nehme das auch so wahr", sagte Merkel. Sie macht dafür auch die Rückkehr des Nationalistischen verantwortlich: "Außerdem wird es jetzt vielleicht auch deshalb intensiver empfunden, weil nationalistische und protektionistische Tendenzen weltweit zugenommen haben, so dass wieder mehr aus dem nationalen Blickwinkel diskutiert wird. Und da richtet sich der Blick dann auch verstärkt auf die Unterschiede, die es zwischen den alten und den neuen Bundesländern gibt."

Merkel warb um Geduld. "Auch die Mühen der Freiheit, alles entscheiden zu müssen, müssen gelernt werden", sagte sie. "Man muss sich viel mehr kümmern, das ist ja auch nicht allen in die Wiege gelegt. Das Leben in der DDR war manchmal auf eine bestimmte Art fast bequem, weil man manche Dinge einfach gar nicht beeinflussen konnte." Die Kanzlerin kann aus eigener Erfahrung sprechen. Merkel, Jahrgang 1954, wuchs in der Uckermark auf.

Merkel und der Prozentsatz der Mutigen

Einen gewissen Nachholbedarf sieht Merkel allerdings auch im Westen Deutschlands. Der Westen habe eine "eher schablonenhafte Vorstellung" vom Osten, sagte sie. Es gebe sehr viele Menschen, "die einfach schwer verstanden haben, dass zwischen dem Staat DDR und dem individuellen Leben der DDR-Bürger durchaus ein Unterschied war. Es ist sofort verstanden worden, dass wir froh waren, raus zu sein aus diesem Staat, wenngleich dieses Verständnis doch eher eine schablonenhafte Vorstellung war", erklärte sie im Gespräch mit der SZ.

"Ich bin gefragt worden, ob man auch mal glücklich sein konnte in der DDR und ob man lachen konnte", erzählte sie. "Ja, ich und viele andere haben Wert darauf gelegt, jeden Tag in den Spiegel schauen zu können, aber wir haben auch Kompromisse gemacht. Und viele wollten auch nicht jeden Tag Republikflucht begehen oder ins Gefängnis kommen. Dieses Gefühl ist schwer zu vermitteln".

Zwischen Bürgerrechtlern und Staatssicherheit habe es viele Menschen "in allen möglichen Nuancen" gegeben, die jeden Tag überlegten, wie sie anständig durchkamen und ihre Kinder erzogen. "Ich habe mich manchmal so umgeguckt im politischen Raum der Bundesrepublik und mich gefragt, wie viele denn unter den Bedingungen der DDR den Mut gehabt hätten, Bürgerrechtler zu werden und in Bautzen im Gefängnis zu sitzen oder über die Ostsee zu flüchten oder einen Ausreiseantrag zu stellen", sagte Merkel. "Da denke ich, dass der Prozentsatz der mutigen in etwa dem der Ostdeutschen früher entsprochen hätte."

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Quelle: n-tv.de, mmo

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