Politik

Extinction Rebellion in Berlin Mit Mate und Räucherstäbchen die Welt retten

125377058.jpg

Die Botschaft der Klimaschutz-Bewegung Extinction Rebellion: Uns rennt die Zeit davon.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Klimaschutz-Bewegung Extinction Rebellion will radikal sein. Und das heißt für sie: ein unangemeldetes Straßenfest feiern und mit kreativen Aktionen den Verkehr lahmlegen. Zwar ist ihr Anliegen ernst, doch ihr Protest gegen den Klimawandel birgt auch viel Kurioses.

Florian geht in die Hocke und umschlingt mit beiden Armen seine Kniekehlen. Die pinkfarbene Perücke rutscht ihm dabei tief ins Gesicht. "Diese Position muss man einnehmen, wenn man weggetragen wird", erklärt er und grinst. Gleich will er sich wieder hinsetzen. "Wir sind so viele, dass sie es nicht schaffen, uns alle wegzutragen", sagt er, steht auf und läuft mit großen Schritten wieder in Richtung der großen Kreuzung am Potsdamer Platz.

Auf der sonst viel befahrene Straße in Berlin-Mitte sitzen an diesem Montag Hunderte Menschen. Sie singen, schunkeln und bemalen den grauen Asphalt mit Herzen und Blumen aus Kreide. Um sie herum flattern bunte Fahnen im Wind. Auf fast allen prangt eine Sanduhr - das Logo der Klimaschutz-Bewegung Extinction Rebellion. Die Botschaft: Uns rennt die Zeit davon. Doch eilig hat es hier niemand - im Gegenteil.

"Uns bekommt man hier nicht so leicht weg, bis die Regierung endlich die Wahrheit über den Klimawandel sagt", erklärt eine Aktivistin. "Tell the truth" (Sag die Wahrheit) ist eine der drei Forderungen von Extinction Rebellion. Die anderen beiden: Die Regierung soll sofort etwas gegen die "existenzielle Bedrohung durch die ökologische Krise" unternehmen und eine Bürgerversammlung einberufen.

Diese Ziele wollen die selbsternannten Rebellinnen und Rebellen mit zivilem Ungehorsam erreichen. Es ist der erste Tag der "Internationalen Rebellion". Nicht nur in Berlin, sondern auch in London, Paris, New York und Dutzenden weiteren Städten auf der ganzen Welt gibt es Blockaden und Proteste. Extinction Rebellion will radikal sein, und das heißt für sie: ein unangemeldetes Straßenfest feiern und mit kreativen Aktionen den Verkehr lahmlegen.

Ein Wohnzimmer mitten auf der Straße

Wenige Hundert Meter vom Potsdamer Platz entfernt besetzen weitere Aktivisten im Morgengrauen die Straßen um die Siegessäule. Vom üblichen Autolärm des großen Kreisverkehrs fehlt wenig später jede Spur. Stattdessen herrscht Festivalstimmung. Junge Männer tanzen in Eisbärkostümen zu Trommelmusik. Eine Frau mit langen Dreadlocks zündet Räucherstäbchen an. Eine Gruppe Jugendlicher mit bemalten Gesichtern schlürft Club Mate.

*Datenschutz

"Unsere Vision ist eine friedliche Zukunft", sagt einer von ihnen. Sie gingen nicht gewalttätig gegen Lebewesen, Menschen und Dinge vor. "Deshalb auch die Arche", sagt er und zeigt auf ein Holzschiff direkt vor der Siegessäule. Von dessen Deck wird die frühere Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete wenig später die Bundesregierung auffordern, den Klimanotstand auszurufen.

Zurück am Potsdamer Platz wuchten Aktivisten Sofas, Bücherregale und schwere Topfpflanzen auf die Kreuzung. Die offizielle Demonstration für "Klimagerechtigkeit" ist zwar beendet, gehen wollen die Demonstranten aber nicht. Immer mehr Menschen setzen sich auf die Straße. Einige ketten sich an mit Erde gefüllte Badewannen. Zwei junge Männer lassen sich auf ein Holzgerüst kleben. Kurz überlegt Florian, ob er das auch tun soll. "Ich weiß nicht, was das für rechtliche Konsequenzen hat", sagt er und bleibt schließlich doch lieber sitzen. "Sitzblockaden sind eher mein Ding." Er lacht und stimmt in den Gesang mit ein.

Von höflichen Demonstranten und netten Polizisten

"Das ist doch albern", sagt eine ältere Dame, die das Geschehen aus einiger Entfernung beobachtet. "Damit erreichen die doch eh nichts und nerven nur die Leute." Der Mann neben ihr zuckt mit den Achseln. "Lange halten die doch eh nicht durch." Aus einer Seitenstraße kommen mehrere Einsatzfahrzeuge angefahren. Jetzt wird geräumt.

125350381.jpg

Wie ein Ritterschlag fühlt sich das Weggetragenwerden für viele XR-Aktivisten an.

(Foto: picture alliance/dpa)

Freiwillig aufstehen will fast niemand. Allerdings wehrt sich auch niemand gegen den Eingriff der Polizei. Eine junge Frau mit Greta-Zöpfen bedankt sich sogar. "Danke, dass Sie Ihren Job machen", sagt sie den zwei Beamten, die sie gerade eingehakt haben. Der Polizist ist sichtlich verwirrt. Seine Kollegin kann sich ein Lachen kaum verkneifen. So viel Höflichkeit bei einem Protest haben die Berliner Beamten wohl selten erlebt.

"Die sind alle sehr nett", sagt Florian, sichtlich stolz, dass auch er gerade von zwei Polizisten von der Straße getragen wurde. Nicht zuletzt, weil ihm seine Mitstreiter während der Aktion zujubeln und applaudieren. "Sie haben nicht einmal meine Personalien aufgenommen." Er rückt sein pinkfarbenes Kunsthaar zurecht. Doch bei aller Höflichkeit will er nicht freiwillig den Platz verlassen und überlegt bereits, wie er die Barrikaden der Polizisten überwinden kann. Wenig später geben die Beamten auf. Die Aktivisten jubeln - ein Etappensieg.

"Reicht das?"

Am nächsten Morgen weckt Regen die Aktivisten in Berlin-Mitte. Viele von ihnen haben die ganze Nacht bei frostigen Temperaturen auf der Straße ausgeharrt. Florian steht an der Kreuzung am Potsdamer Platz und schaut zu, wie Polizisten Möbelstücke von der Straße räumen. Aus seiner Perücke tropft das Wasser. Dann ertönt die Kreissäge. Die Polizei hat genug. Die Kreuzung muss geräumt, die Angeketteten befreit werden. "Ihr seid nicht allein!", rufen ihnen die Aktivisten zu. Wenn einer befreit oder weggetragen wird, jubeln ihm die Umstehenden zu.

*Datenschutz

"Wir geben nicht auf", sagt Florian entschlossen. Ein Aktivist mit Wollmütze und Hornbrille eilt auf ihn zu."In zwei Stunden geht es los", ruft er. Sie flüstern. Mit ernstem Blick beraten sie über die nächsten Schritte. "Sag aber keinem, worum es geht", sagt er zum Abschied. Dann verschwindet auch Florian in der Menge. Zwei Stunden später dringen Dutzende verkleidete Aktivisten in die CDU-Parteizentrale in Berlin ein. Mit Liedern und Sprüchen protestieren sie gegen das Klimapaket der Bundesregierung. In der Menge blitzt eine pinkfarbene Perücke auf.

Währenddessen beginnt die Polizei mit der Räumung des Großen Sterns. Zwei Aktivisten im Camp müssen den Hilferuf ihrer Mitdemonstranten empfangen haben. Eilig laufen sie auf der leeren Fahrbahn Richtung Siegessäule. Regetropfen lassen die Schminke des Mädchens verlaufen. Doch sie lächelt. "Ist schon krass, was wir geschafft haben - mitten in Berlin den Verkehr für so lange Zeit lahmzulegen", sagt sie. Der Junge neben ihr nickt zögerlich. "Meinst du, das reicht, um die Leute wachzurütteln?", fragt er. Sie hebt die Schultern: "Es ist zumindest ein Anfang!"

 

 

Quelle: n-tv.de