Politik

CSU schießt sich auf Schulz ein Mit dem Dickschädel zurück in die Zukunft

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Horst Seehofer.

(Foto: picture alliance / Andreas Geber)

Volle Hütte in Passau: Beim Politischen Aschermittwoch geht CSU-Chef Seehofer auf Kuschelkurs mit der Kanzlerin. Statt Merkel sucht sich seine Partei bei ihrem Hochamt andere Zielscheiben aus.

Plötzlich ist es ganz still in der Passauer Dreiländerhalle. Gerade eben noch ist Horst Seehofer beim Politischen Aschermittwoch der CSU mit tosendem Applaus empfangen worden, nun könnte man in der bis auf den letzten Platz gefüllten Halle eine Stecknadel fallen hören. Kein Klirren tausender Maßkrüge, kein Getuschel, kein Stühlerücken. Gebannt lauschen die etwas mehr als 4000 Gäste, ob der Landesvater auf der blau-weißen Bühne Klartext redet, wie es überall an den Hallenwänden versprochen wird.

Volle Hütte in der Dreiflüssestadt – das ist Seehofer beim Hochamt der bayrischen Allmachtspartei gewohnt. Neu ist hingegen: In diesem Jahr ist seine Rede ein Fernduell mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, der im 23 Kilometer entfernten Vilshofen spricht. "Ich hoffe, er wird sich auf Schulz einschießen", sagt ein Mitglied des "CSU-Freundeskreises Hildesheim" erwartungsfreudig. Der Mann mit der Brille und dem schulterlangen Haar gluckst, seine Mitstreiter johlen. "Die Vorfreude ist riesig", sagt der Vorsitzende der CSU-Freunde, Victor Hergdt. Bereits seit 20 Jahren fahren sie jedes Jahr aus Niedersachsen nach Passau, um beim "größten Stammtisch der Welt" dabei zu sein.

Dem Schulz-Effekt setzt die CSU ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm entgegen. Gleich sechs Redner bieten die Christsozialen auf: Neben Seehofer reden der Landtagsabgeordnete Gerhard Waschler, EVP-Vorsitzende Manfred Weber, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. Dazu kommt eine multimediale Offensive nach dem Motto "Zurück in die Zukunft": "Wir sind Touchpad und Trachten-Janker", ruft Scheuer in die Menge und peppt damit Edmund Stoibers Slogan "Laptop und Lederhose" auf. Wie zum Beweis wechseln sich fortan auf mehreren Videoleinwänden Imagefilme über die Pracht des Freistaats mit Tweets vom #CSUAM17 ab.

"Make Stammtisch great again"

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Gebannt lauschen mehr als 4000 Gäste.

(Foto: picture alliance / Sven Hoppe/dp)

Der Fortschrittsgedanke trifft in der Halle auf bajuwarischen Proporz. Auf den Tischen sind bayrische Landesflaggen, Bierkrüge aus Ton und CSU-Schals drapiert. Franz-Josef-Strauß-Wimpel verdeutlichen die Sehnsucht Vieler nach dem verstorbenen CSU-Übervater. "Aber Seehofer ist auch nicht schlecht. Er ist fast wie der Franz-Josef", sagt Günter Walther aus München. Auch Hergdt ist von Seehofer angetan. Im heimischen Niedersachsen hätte er gerne die CSU. "Angela Merkel betreibt eine Politik der ruhigen Hand. Damit kann man aber nix bewegen", sagt er mit festem Blick. Das sei bei der CSU anders: "Hier wird noch Klartext gesprochen" sagt Hergdt und verschwindet in der Masse.

Einige eilen zum Bierstand, um eine Maß für 8,30 Euro zu kaufen, dann ist es so weit: Triumphal zieht Seehofer zu den Klängen der Passauer Stadtkapelle in die Halle ein. Wie ein Herrscher bahnt er sich mit Ehefrau Karin den Weg durch das Meer aus weiß-blauen Fahnen, Smartphones und glänzenden Augen. Die Masse klatscht lautstark, einige Wagemutige stellen sich auf Bierbänke, um einen Blick auf den fast zwei Meter großen "Horst" zu erhaschen. Ein Handschlag hier, ein Selfie dort – Heimspiel für den 67-jährigen Parteichef.

Bevor Seehofer seine mit Spannung erwartete Ansprache halten kann, überlässt er das Feld erst einmal den anderen Rednern. Als Dobrindt und Herrmann nach altem Muster gegen das Unions-Schreckgespenst Rot-Rot-Grün und Martin Schulz keilen, wird gejohlt. Die Bierkrüge leeren sich schnell. An einer der LED-Leinwände ploppt ein Tweet mit dem Text "Make Stammtisch great again" auf. Parteigeneral Scheuer geht mit einem zufriedenen Lächeln durch die Reihen.

Die "Aufhorstung" beginnt

Nach zweieinhalb Stunden betritt Seehofer die Bühne – die "Aufhorstung", so prangt es an einer der Hallenwände, beginnt. Aufmerksam schaut das Publikum zum Landesvater auf, der anfangs etwas starr wirkt und dem oft die Stimme versagt. Am Revers trägt er den Aschermittwochs-Pin, den es im Shop vor der Tür für fünf Euro zu kaufen gibt. Wie seine Vorredner predigt er den Kampf gegen Rot-Rot-Grün: "Wer Rechtsaußen wählt, bekommt in Deutschland eine linke Regierung." Tosender Applaus für den Herren im dunklen Anzug und der Krawatte, deren Himmelblau sich perfekt ins Gesamtbild fügt.

Dann wird an diesem Tag zum ersten Mal die Kanzlerin auf der Bühne namentlich erwähnt. Bei der Frage, wer Deutschland in dieser Zeit führen könne, kenne er "niemanden außer Angela Merkel". Die Stimmung brandet auf, doch in den tosenden Applaus mischen sich auch vereinzelte Buhrufe und Pfiffe. Die CSU-Freunde aus dem niedersächsischen Ilsetal sind überzeugt, dass die CDU-Chefin "weg" muss. "Damit endlich wieder konservative Politik gemacht wird." Es wird sie möglicherweise beruhigen, dass Seehofer seinen Dickschädel, den eine Hightech-Kamera umfliegt, trotz des Friedensschlusses mit der Kanzlerin durchsetzen will: "Wenn der Horst Seehofer sich etwas Begründetes in den Kopf setzt - und es ist die Obergrenze - dann wird er so lange kämpfen, bis das kommt."

Ohnehin bleibe "Bayern zuerst" oberstes Ziel in den kommenden Monaten. Er könne "nichts dafür, dass amerikanische Präsidenten unser Programm abschreiben", sagt er. Mit der linken Hand in der Hosentasche schaut er zufrieden in die Masse, um dann noch einmal mit brüchiger Stimme zu bekräftigen: "Bayern immer zuerst!" Denn der Freistaat sei "einzigartig. Bayern ist ein Paradies." Als Seehofer zum Angriff auf Schulz bläst, hat Landwirtschaftsminister Schmidt den Saal bereits verlassen. In Anspielung auf den SPD-Hoffnungsträger ruft Seehofer, dass die Union "keinen Missionar" brauche. Erst recht nicht, wenn dieser mit falschen Zahlen argumentiere. "Dann heißt er künftig in Bayern Martin der Schummler."

Ein letztes Mal erhebt sich die Masse. Der Parteichef genießt nach seiner gemäßigten Rede die stehenden Ovationen und das Fahnenmeer. Nach knapp vier Minuten wird Stoiber auf die Bühne geholt. Der Mann aus Wolfratshausen wird frenetisch gefeiert. "Edmund, Edmund", tönt es durch die Halle. Dann ­­­­­­­­­­überlassen sie Scheuer die Bühne, der gegen "Brüssel-Schulz, Berlin-Schulz, Schizzo-Schulz" austeilt.

Quelle: n-tv.de

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