Politik

Fast-Zusammenbruch der Ostfront "Moskau war die große Wende des Krieges"

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Deutsche Soldaten ergeben sich vor Moskau Einheiten der Roten Armee.

(Foto: picture-alliance / RIA Nowosti)

Ende 1941 scheitern Hitlers Armeen vor Moskau. Der Historiker Christian Hartmann bezeichnet die Winterschlacht um die Metropole als Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges. Er meint: Mit der richtigen Strategie hätte die Rote Armee schon damals den Krieg siegreich beenden können.

In Chimki ist die Erinnerung an den deutschen Angriff auf Moskau noch immer präsent. Drei überdimensionierte Panzersperren markieren in dem Vorort am nordwestlichen Rand der russischen Hauptstadt den weitesten Vorstoß deutscher Truppen, ehe die Roten Armee im Winter 1941 die Wehrmacht zurückwarf und damit Hitlers Eroberungspläne zum Scheitern brachte.

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Das Weltkriegs-Mahnmal in Chimki liegt etwa 26 Kilometer vom Roten Platz in Moskau entfernt.

(Foto: AP)

"Die Rote Armee hat damals vor Moskau die Chance verpasst, das deutsche Ostheer zu vernichten und den Krieg vorzeitig zu beenden", sagt der Historiker Christian Hartmann ntv.de. Der Wissenschaftliche Mitarbeiter am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr bezeichnet die Schlacht um die sowjetische Hauptstadt als Wendepunkt des Krieges. Er meint: "Der Sieg der Sowjets war damals zum Greifen nah."

Dabei startete der deutsche Überfall auf die Sowjetunion sechs Monate zuvor unter ganz anderen Vorzeichen. Nach der Besetzung halb Europas wollte Hitler mit einem weiteren "Blitzkrieg" seine Allmachtsfantasie vom "Lebensraum im Osten" verwirklichen und dabei "Juden, Bolschewisten und Slawen" vernichten.

In den blutigen Kesselschlachten des Sommers verlor die Sowjetunion Hunderttausende Soldaten. Doch Hitlers Armeen schienen sich in den endlosen Weiten des Kriegsschauplatzes müde zu siegen. Allein in den ersten drei Monaten des Feldzuges verloren die Deutschen eine halbe Million Mann durch Tod und Verwundung. Die Wehrmacht hatte immer größere Probleme, die massiven Verluste an Mensch und Material zu ersetzen.

"In der deutschen Führung setzte daraufhin ein Prozess der Desillusionierung ein", sagt Hartmann. Eigentlich sollte das "Unternehmen Barbarossa" in vier Monaten entschieden sein. Doch die Rote Armee leistete weiterhin erbitterten Widerstand. Im "Führerhauptquartier" entbrannte daraufhin ein Streit um die weitere Strategie. "Hitler war fixiert auf die Eroberung der wirtschaftlichen Zentren in der Ukraine und der Ölgebiete im Kaukasus", schildert Hartmann. "Die Heeresführung verfolgte hingegen einen traditionelleren Ansatz. Sie hielt das Riesenreich nur für besiegbar, wenn man die Zentrale ausschalten würde, also Moskau."

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Christian Hartmann ist Leiter des Forschungsbereichs Einsatz am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam.

(Foto: picture alliance / dpa)

Hitler setzte sich zunächst über die Ratschläge hinweg. Erst als auch die Eroberung Kiews keine Entscheidung brachte, stimmte der Diktator seinen Beratern zu. Anfang Oktober eröffnete das schon stark geschwächte Ostheer den Sturm auf Moskau. 78 Divisionen mit knapp zwei Millionen Soldaten setzten sich im Mittelabschnitt der Front für den "letzten gewaltigen Hieb" in Bewegung. Nach der Doppelschlacht von Wjasma und Brjansk, bei der mehr als 600.000 Rotarmisten in Gefangenschaft gerieten, schien der Weg nach Moskau frei. Während der sowjetische Diktator Josef Stalin eilig Behörden und Industriebetriebe aus der Stadt evakuieren ließ und den Belagerungszustand verhängte, bejubelte die deutsche Presse bereits den "totalen Sieg".

Die Deutschen hatten allerdings die Auswirkungen des Wetters unterschätzt. Die herbstlichen Regenfälle verwandelten die Rollbahnen in einen tiefen Morast, in dem der Nachschub steckenblieb und ganze Armeen versanken. Zwar machte die Anfang November einsetzende Frostperiode die Straßen wieder befahrbar, doch schnell sanken die Temperaturen unter 20 Grad Celsius. Maschinengewehre und Karabiner froren fest oder versagten, weil die Wehrmacht nicht das passende Waffenöl verwendete. Wegen der schlechten Sicht musste die Luftwaffe häufig am Boden bleiben. Zudem hatte die Heeresführung nur für eine kleine Besatzungsarmee Winterkleidung bereitgestellt. Viele Soldaten kämpften noch in ihren zerschlissenen Sommeruniformen. Erfrierungen waren an der Tagesordnung und überstiegen bald die Kampfverluste um mehr als das Doppelte.

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Nicht nur die Soldaten litten unter der Kälte. Die Zugpferde der Wehrmacht waren die extremen Temperaturen nicht gewöhnt und bekamen oft auch nicht genug Futter.

(Foto: AP)

Der schleppende Vormarsch gab der Roten Armee die Zeit, die Verteidigung Moskaus zu verstärken. Der Agent Richard Sorge hatte in Erfahrung gebracht, dass die Japaner im Pazifik einen Vorstoß planten, statt die Sowjetunion anzugreifen. Abgefangene Funksprüche bestätigten seine Informationen. Dadurch konnte Stalin frische Divisionen aus dem Fernen Osten per Eisenbahn nach Moskau verlegen.

Als die sowjetische Metropole am 1. Dezember in die Reichweite der deutschen Artillerie geriet, zeigten die Thermometer fast 40 Grad unter null. Vier Tage später ging die Sowjetarmee zum Gegenangriff über. Bataillone auf Skiern und sibirische Divisionen, die mit Steppjacken und weißen Tarnanzügen perfekt auf den Winterkrieg vorbereitet waren, trafen die völlig erschöpften Deutschen in einer kritischen Phase, der einer liegengebliebenen Offensive.

Durch die Wucht des Ansturms wurden einige Verbände bis zu 300 Kilometer nach Westen zurückgeworfen. Manche Einheiten konnten sich nur mit Mühe einer Einkreisung entziehen. Am 12. Dezember 1941 notierte Panzergeneral Erich Hoepner: "Die Masse der Russen erdrückt uns. Ihre Kampfmoral ist gering. Aber unsere Leute sind übermüdet, schlafen im Stehen ein, sind so stumpf, dass sie sich nicht mehr hinwerfen, wenn geschossen wird."

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Die sibirischen Divisionen der Roten Armee waren gut auf den Winterkrieg vorbereitet.

(Foto: imago stock&people)

"Hitler hatte panische Angst, dass sich Napoleons Rückzug von 1812 wiederholt", sagt Hartmann. "Deswegen lautete seine Devise: 'Halten um jeden Preis'." Der Diktator verbot kategorisch jede Rückzugsbewegung und zwang seine Kommandeure zum fanatischen Durchhalten an Ort und Stelle. "Psychologisch gesehen und auch militärisch war das vermutlich immer noch die bessere Alternative. Denn aufgrund der Weite des Raumes ist es fraglich, ob die deutschen Armeen geordnet hätten zurückgenommen werden können", meint Hartmann. "So gesehen war Hitlers irrsinnig brutaler Befehl noch die einzige mögliche Reaktion auf diese militärisch und politisch ohnehin verfahrene Lage."

Dass es nicht zum Kollaps der Ostfront kam, habe aber vor allem an den Fehlern des sowjetischen Oberkommandos gelegen. "Diesem gelang es nicht, die Kräfte auf wenige entscheidende Ziele zu konzentrieren", so Hartmann. "Dadurch zerfaserten die Angriffe immer mehr." Der Beginn der Schlammperiode im Frühjahr 1942 erstickte alle Kämpfe im Keim und gab der Wehrmacht eine Atempause, um sich zu reorganisieren.

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Ein Gräberfeld für deutsche Soldaten, die auf dem Rückzug gefallen sind.

(Foto: imago images/UIG)

"Die Schlacht von Moskau war die große Wende des Zweiten Weltkrieges", urteilt Hartmann. Hitler sei damit klar gewesen, dass die "Idee seines Weltblitzkrieges gescheitert war". Überhaupt falle die Schlacht in die Zeit eines "welthistorischen Umbruchs", der sich auf eine relativ kurze Zeitspanne konzentriere. Zwei Tage nach Beginn der sowjetischen Gegenoffensive überfielen die Japaner Pearl Harbor. Kurz darauf erklärte Nazi-Deutschland den USA den Krieg. Damit verschob sich das Kräftegewicht endgültig zugunsten der Alliierten.

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"Dennoch versuchte Hitler stur wie selbstmörderisch immer noch, den Krieg zu gewinnen, wenn auch mit abnehmender Hoffnung", sagt Hartmann. "Gleichzeitig erfolgte eine nochmalige Radikalisierung in Form der nun beginnenden, sogenannten 'Endlösung der Judenfrage'." Der Termin der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 sei kein Zufall gewesen. "Das Kalkül Hitlers war: 'Wenn wir schon den Krieg nicht gewinnen, dann ermorden wir wenigstens die Juden'."

Mit der Schlacht um Moskau verlor die Wehrmacht ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit. Experten schätzen, dass rund 600.000 Deutsche während der Kämpfe getötet, erfroren, verwundet oder gefangengenommen wurden. Die Verluste der Roten Armee werden mit etwa einer Million beziffert. Trotz des Ausgangs suchte Hitler weiterhin sein Heil im Angriff. Im Sommer setzte er seine Truppen im Südabschnitt der Ostfront in Marsch. Die Operation endete Anfang 1943 desaströs mit der Vernichtung der 6. Armee im Kessel von Stalingrad. Zwei weitere Jahre dauerte es, bis das Deutsche Reich endlich besiegt war.

Quelle: ntv.de

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