Politik

Überfall auf die Sowjetunion Hitlers Vernichtungskrieg im Osten

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Mehr als drei Millionen deutsche Soldaten fallen im Juni 1941 in der Sowjetunion ein.

(Foto: imago/United Archives International)

Im Juni 1941 überfällt die Wehrmacht mit einem Millionenheer die Sowjetunion und startet einen rassistischen Vernichtungskrieg. Doch der Größenwahn wird den Nazis zum Verhängnis. Der Feldzug im Osten markiert den Anfang vom Ende Nazi-Deutschlands.

Ohne Kriegserklärung strömen in der Morgendämmerung des 22. Juni 1941 mehr als drei Millionen Wehrmachtssoldaten von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer über die Grenze auf sowjetisches Territorium. Durch einen dummen Zufall der Geschichte, so hält es NS-Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch fest, ist dieser 22. Juni ein Datum mit Symbolik. Auf den Tag genau 129 Jahre zuvor war Napoleon mit seiner Armee in Russland einmarschiert.

Die Invasion trifft die Rote Armee völlig unvorbereitet. Mit Leichtigkeit durchbrechen die deutschen Panzertruppen an diesem Sonntagmorgen die vordersten Verteidigungslinien und stoßen ins Landesinnere vor. Während sich die Heeresgruppe Nord Richtung Leningrad bewegt, visiert die Heeresgruppe Mitte Weißrussland an. Im Süden marschieren die Verbände der Wehrmacht Richtung Ukraine.

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion beginnt das nationalsozialistische Deutschland einen brutalen Vernichtungskrieg, dem in den folgenden vier Jahren schätzungsweise 30 Millionen Menschen zum Opfer fallen. Doch der von Adolf Hitler zu einem "Weltanschauungskrieg" verbrämte Feldzug leitet zugleich den Niedergang seines NS-Regimes ein.

Hitler träumt von "Lebensraum" im Osten

Schon lange vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges strebte Hitler eine Invasion der Sowjetunion an. Durch sie will er die von ihm als "Todfeinde" angesehenen Juden, Bolschewisten und Slawen vernichten. Zudem beansprucht er den Osten als "Lebensraum" für die "germanische Rasse". Bereits im Frühjahr 1940 gab SS-Chef Heinrich Himmler den "Generalplan Ost" in Auftrag - die Vorlage für die geplante deutsche Besatzungspolitik in Osteuropa. Demnach ist vorgesehen, die Mehrheit der Bevölkerung nach Sibirien zu deportieren oder gleich ganz zu "verschrotten". Zurückbleiben dürfen nur ein "eindeutschungsfähiger" Rest und potenzielle Arbeitssklaven. Sie sollen den etwa fünf bis zwölf Millionen Siedlern dienen, die man im Deutschen Reich, aber auch im übrigen Europa anwerben will und die von ihren "Wehrsiedlungen" aus das Land beherrschen sollen.

Bereits im Vorfeld des "Unternehmen Barbarossa" genannten Überfalls verpflichtet Hitler seine Generäle zu erbarmungsloser Kriegsführung in der Sowjetunion. Ziel sei "die Vernichtung der Lebenskraft Russlands". Der sowjetische Gegner sei nicht als "Kamerad" zu betrachten, bläut er seinen Militärs ein. Das Kriegsvölkerrecht wird durch Anordnungen an die Truppen teilweise außer Kraft gesetzt. Den Armeen wird befohlen, sich während des Vormarsches aus dem Land zu ernähren, womit der Hungertod von Millionen von Zivilisten billigend in Kauf genommen wird.

Hinter der Front kommt es zu Massenerschießungen

Der Feldzug verläuft zunächst nach Plan. Innerhalb einer guten Woche preschen die deutschen Panzerverbände 400 Kilometer weit vor und bilden erste große Kessel. Anfang Juli notiert Generalstabschef Franz Halder siegesgewiss, "dass der deutsche Feldzug gegen Russland innerhalb [von] 14 Tagen gewonnen wurde". Zu diesem Zeitpunkt sind Litauen und Lettland bereits in deutscher Hand. Auch große Teile Weißrusslands sind erobert, die Stadt Minsk eingekreist. Im Süden stehen deutsche Truppen kurz vor Kiew.

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Die Massenerschießungen - hier von Kiewer Juden 1941 - sind die Vorläufer des industriellen Tötens in den Vernichtungslagern.

(Foto: imago images / Photo12)

Den kämpfenden Verbänden folgen in einer zweiten Welle Todesschwadronen aus Einsatzgruppen, Polizeibataillonen und SS-Brigaden. Hinter der Front beginnen sie mit der systematischen Ermordung von sowjetischen Funktionären, Roma, Kranken und vor allem der jüdischen Bevölkerung. Bereits fünf Tage nach Beginn des Überfalls metzeln deutsche Polizisten in der Stadt Bialystok 2000 Juden nieder. Das größte Blutbad ereignet sich Ende September, als mehr als 33.000 Kiewer Juden in der Schlucht von Babi Jar ermordet werden. Bis Ende des Jahres fallen den Massenerschießungen rund eine halbe Million Menschen zum Opfer.

Stalin scheint wie vom Erdboden verschwunden. In den ersten Tagen des Angriffs zieht sich der sowjetische Diktator von der Öffentlichkeit auf seine Datscha am Rande Moskaus zurück. Zwar ist er im Vorfeld mehrfach von Spionen vor dem bevorstehenden Angriff gewarnt worden, doch Stalin glaubte an einen Bluff und schlug alle Warnungen in den Wind. Erst am 3. Juli wendet er sich an seine Landsleute und ruft zum Großen Vaterländischen Krieg auf. Es sei notwendig, Partisanenverbände aufzubauen und "einen erbarmungslosen Kampf" gegen die Eindringlinge zu organisieren. Hitler scheint der Appell wie gerufen zu kommen. Die Verkündung des Partisanenkriegs, so bemerkt er gegenüber Vertrauten, habe den Vorteil, dass man nun jeden vernichten dürfe, der einem in den Weg gerate. Denn Partisanen wird im Völkerrecht der Status als Kriegsgefangene oftmals verweigert.

Hass und Furcht als Antriebskraft der Vernichtungswut

Insgesamt drei Millionen Rotarmisten werden in den ersten Monaten des Feldzugs von der Wehrmacht als Kriegsgefangene genommen. Unter schlimmsten Bedingungen werden sie in provisorischen Lagern zusammengepfercht. Mehr als die Hälfte von ihnen stirbt an Hunger oder Krankheiten. Die Überlebenden werden als Zwangsarbeiter missbraucht. Mit Absicht hatten die deutschen Militärbehörden wenig getan, um sich auf die großen Menschenmassen vorzubereiten. Das barbarische Kalkül: Je mehr Gefangene sterben, desto weniger müssen verpflegt werden.

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Sowjetische Kriegsgefangene müssen ihre eigenen Gräber schaufeln, bevor sie erschossen werden.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Die Furcht vor der Gefangenschaft führt auf beiden Seiten der Ostfront schnell zu einer zunehmenden Brutalisierung. Doch Angst ist nicht die einzige Antriebskraft der deutschen Vernichtungswut. Hinzu kommt der von der NS-Propaganda geschürte Hass auf den "jüdischen Bolschewismus". Viele Soldaten glauben Hitlers Lüge, für den Krieg seien die Juden verantwortlich. Mit Zuschreibungen wie "Untermenschen", "bestialisch" oder "verräterisch" entmenschlicht Goebbels' Ministerium den Gegner und beschwört einen Kulturkampf zwischen deutscher Ordnung und bolschewistischem Chaos.

Vor Moskau bricht die Offensive zusammen

Obwohl die Wehrmacht von Erfolg zu Erfolg eilt, zeichnet sich keine endgültige Entscheidung auf dem Schlachtfeld ab. Während die sowjetischen Truppen weiterhin erbitterten Widerstand leisten, scheinen sich die Deutschen in den endlosen Weiten des Kriegsschauplatzes müde zu siegen. Gerade in den Durchbruchsschlachten sind die Verluste an Mensch und Material enorm und immer schwerer zu kompensieren. Hinzu kommt das Wetter. Bald gehen mehr deutsche Fahrzeuge infolge von Staub und Schlamm verloren als durch den Kampf selbst. Ein weiterer "Blitzsieg" wie in Polen oder Frankreich wird immer unwahrscheinlicher. Mitte August muss sich auch der optimistische Generalstabschef Halder eingestehen, "dass der Koloss Russland (…) von uns unterschätzt worden ist".

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Auf den Wintereinbruch sind die deutschen Soldaten schlecht vorbereitet.

(Foto: AP)

Die militärische Lage führt im Führerhauptquartier zu Differenzen. Hitlers Berater drängen auf eine Entscheidungsschlacht um Moskau, doch der Diktator wiegelt ab und verlegt den Schwerpunkt der Offensive lieber in den rohstoffreichen Südosten des Landes. In der Kesselschlacht von Kiew Ende September geraten mehr als 600.000 Rotarmisten in Gefangenschaft.

Doch auch die Einnahme der ukrainischen Hauptstadt bringt keine Entscheidung. Deshalb stimmt Hitler am Ende doch noch für einen Angriff auf die Hauptstadt Moskau. 78 ausgezehrte Divisionen zieht das Ostheer im Oktober für den angeblich letzten Sturm im Mittelabschnitt zusammen. Doch auf den Wintereinbruch mit Temperaturen von 35 Grad unter null sind die Verbände nicht vorbereitet. Viele Soldaten erfrieren, weil es nicht ausreichend Winterkleidung gibt. Acht Kilometer vor den Toren Moskaus bricht der Vormarsch angesichts einer sowjetischen Gegenoffensive zusammen. Nur mit Mühe kann ein Kollaps der Ostfront verhindert werden. Damit ist der "Blitzkrieg" gegen die Sowjetunion gescheitert.

Quelle: ntv.de

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