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Zehn Gründe, die Hoffnung machen Nicht alles wird gut, aber vieles besser

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Kleine Geste, große Wirkung: Musiker spielen vor einem für Besucher gesperrten Seniorenheim in Schwerin.

(Foto: picture alliance/dpa)

Selten waren Feiertage derart bedrückend wie Ostern in Zeiten der Coronavirus-Pandemie. Dennoch sollte niemand alle Hoffnung fahren lassen und sich in der Isolation deprimiert mit Eierlikör zuschütten. Viele Menschen werden vorzeitig sterben. Sehr viele Menschen bringen hohe Opfer, sei es durch Mehrarbeit in wichtigen Berufen oder durch Selbstisolation zum Schutz der Gefährdeten. Dennoch: Die Krise wird enden und manches wird danach womöglich besser sein als zuvor.

1. Der Mensch gewinnt
Sars-Cov-2 hat jetzt schon seinen festen Platz in der Geschichte der Menschheit, brachte das Virus doch in einem Wimpernschlag die ganze Weltwirtschaft zum Erliegen. Mit voraussichtlich mehreren Hunderttausend Toten schafft es das Virus aber nicht in die ewige Schlechtenliste der großen Menschheitsplagen. Das Virus ist zwar hoch ansteckend, langlebig und die Lungenkrankheit Covid-19 ist sehr aggressiv. Doch das Virus trifft naturgemäß auf den modernsten Menschen aller Zeiten: Mit unserem hohen Wissensstand und den weithin gut entwickelten Gesundheitssystemen bremsen wir das Virus aus, sodass sich trotz allem nur ein Bruchteil seines Schadenspotenzials wird entfalten können. Dafür muss man dankbar sein, schließlich haben die großen Seuchen, wie die Spanische Grippe oder die Pest, unsere Vorfahren in einem Ausmaß leiden lassen, von dem wir noch sehr, sehr weit entfernt sind.

2. Ein Impfstoff wird kommen
Erste Länder planen schon eine Lockerung ihrer Ausgangssperren, weil die Maßnahmen die Infektionswelle drastisch gebremst haben, während die Behandlungskapazitäten für Covid-19-Patienten deutlich hochgefahren wurden. Auch nach Deutschland wird aller Voraussicht nach noch vor dem Sommer ein Stück weit Normalität zurückkehren. Allerdings ist es ratsam, sich auf Rückschläge einzustellen. Neue Ausbrüche, die nicht schnell genug erkannt und isoliert werden, könnten immer wieder Shutdowns notwendig machen. Wirklich vorbei wird es deshalb erst sein, wenn es einen Impfstoff zum Schutz aller Gefährdeten gibt - was wahrscheinlich schneller geht und weniger riskant ist als eine Durchseuchung der Gesellschaft. Experten halten den Beginn von Massenimpfungen noch 2021 für realistisch. Das mag zwar noch lange hin sein. Dennoch wissen wir: Diese Krise geht mit einiger Sicherheit vorbei und das auch nicht erst irgendwann.

3. Nach dem Absturz geht es bergauf
Ökonomen beobachten gerade den perfekten Sturm. Dass praktisch alle Branchen in allen Ländern zugleich massive Einbußen erleben, hat es so in der jüngeren Geschichte noch nicht gegeben. Die führenden Wirtschaftsforscher erwarten deshalb auch für Deutschland eine schwere Rezession. Um fast zehn Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Quartal einbrechen. Die Maßnahmen zur Verhinderung von Massenarbeitslosigkeit und Firmenpleiten sind teuer und werden den finanziellen Spielraum von Bund und Ländern auf Jahre einschränken. Aber: Sie wirken. Die Ökonomen gehen davon aus, dass die allermeisten Unternehmen den Lockdown überleben und die Wirtschaft sich entsprechend erholen wird. Entscheidend ist natürlich, dass weder die EU noch andere Wirtschaftsmächte kollabieren. Für Europa zumindest ist das wahrscheinlichste Szenario, dass man sich am Ende wieder einmal gerade noch rechtzeitig zusammenrauft und Rettungsmaßnahmen vereinbart, wenn auch quälend langsam und unter Schmerzen.

4. Ein heilsamer Schock für die Wirtschaft
Auch wenn es zynisch ist: Manchmal brauchen wir offenbar harsche Lektionen, um unsere eigenen Schwächen zu erkennen und daraus Lehren zu ziehen. Eine Konsequenz aus der Corona-Krise ist das Infragestellen der globalisierten Produktion sowie gewisser wirtschaftlicher Freiheiten. Dass in Deutschland und der EU wichtige Medikamente und medizinisches Schutzmaterial fast nicht mehr hergestellt werden, hat sich als Irrsinn erwiesen. Es ist zwar nachvollziehbar, dass im Gesundheitssektor stets Kostendruck herrscht, damit Produkte und Dienstleistungen für alle Menschen erschwinglich sind. Aber eine derartige Abhängigkeit von anderen Ländern würden wir uns in anderen Sektoren niemals erlauben, sei es im Agrarbereich, im Flugzeugbau oder der Waffenproduktion.

5. Eine Lehre für die Marktgläubigen
Eine andere Lektion lautet: Europa muss seine Wirtschaft besser schützen. Viele Unternehmen haben drastisch an Wert verloren und werden zur leichten Beute ausländischer Käufer. Damit Firmen mit ihrem über Generationen erarbeiteten Wissen und ihrer Standortloyalität nicht reihenweise von China aufgekauft werden, muss die EU Brandmauern ziehen. Das haben auch eher marktgläubige Politiker wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier erkannt und handeln entsprechend. Zudem hat sich in Brüssel endlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der freie Markt eben nicht alles regelt. Die Kommission hat den Weg für Hilfen und Beteiligungen des Staates an Unternehmen frei gemacht. Schließlich soll die Wirtschaft der Gesellschaft dienen, nicht andersherum.

6. Wir überdenken den Wert der Gesundheit
Die Arbeitsbedingungen von Alten- und Krankenpflegern sind schon seit Jahren Thema, aber noch nie haben sich so viele Menschen gleichzeitig dafür interessiert. Die Zustände in den Kliniken sind oft haarsträubend, weil zu wenig Personal zu viele Menschen versorgen muss. Das gleiche gilt für Seniorenheime. Die Logik der Privatwirtschaft setzt die Kostenschraube stets beim in der Summe teuren Personal an. Es sei denn, der Gesetzgeber gebietet Einhalt. Bisher ist es weder der CDU noch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in den Umfragen auf die Füße gefallen, dass sie seit vielen Jahren politisch die Hauptverantwortung für das Sparen im Gesundheitswesen tragen. Insbesondere den Krankenpflegern bietet sich nach dem Abflauen der Krise die Chance, ihr gewachsenes Ansehen für einen anständigen Arbeitskampf zu nutzen. Sie hätten die Bevölkerung hinter sich.

7. Die Pandemie modernisiert Deutschland
Es ist natürlich ein absurd hoher Preis und kein Menschenleben wert. Dennoch: Wenn diese Krise vorüber ist, wird Deutschland ein moderneres Land sein. Viele Chancen der Digitalisierung sind lange aus Gewohnheit liegen gelassen worden. So schön es wird, die Kollegen wiederzusehen und auch einmal den eigenen vier Wänden zu entfliehen: Home Office bedeutet in vielen Branchen keinen Produktivitätsverlust und ist oftmals ein Gewinn für die Work/Life-Balance, wovon auch Arbeitgeber profitieren. Zudem zeigt sich, dass viele Geschäftsreisen völlig verzichtbar sind. Das gilt insbesondere für die klimaschädlichen Kurzstreckenflüge. Auch in den Schulen ist die Digitalisierung endlich angekommen. Das Internet ersetzt zwar kein Klassenzimmer. Aber wer mit Internet und Software nicht umzugehen weiß, kann sich in den meisten Fällen auch den Rest des Schulstoffes ersparen.

8. Wer Corona-Krise kann, kann auch Klima-Krise
Es ist beeindruckend, zu welchen Kraftanstrengungen und zu welchen selbstauferlegten Einschränkungen diese Gesellschaft fähig ist, wenn es ums Ganze geht. Vieles spricht dafür, dass wir diese Erfahrung auch in Zukunft positiv nutzen können. Denn der eigentliche Existenzkampf der Spezies Mensch findet nicht im Ringen mit Sars-Cov-2 statt, sondern im Kampf gegen eine zu schnelle und zu starke Erderwärmung. Gemein ist beiden Gefechten, dass unsere mächtigste Waffe der Verzicht ist. Die Corona-Krise zeigt uns, dass Verzicht in vielerlei Aspekten auch ein Gewinn sein kann. Das gilt selbst für Urlaube, denn wirklich niemand muss mehrmals im Jahr Flugreisen antreten, um sich zu erholen. Dafür kann aber wirklich jeder derzeit einen verkehrsbefreiten Himmel ohne Fluglärm und Kondensstreifen erleben. Das ist wiederum sehr erholsam, und zwar für alle.

9. Spalten ist sowas von 2019
Was war Deutschland bis vor wenigen Wochen noch für eine polarisierte Gesellschaft. Das kleine Thüringen stieg im Februar gar zum Sinnbild auf für ein Land, dem die politische Mitte genauso abhandengekommen schien wie alles Gemeinschaft stiftende. Die Corona-Krise erinnert uns daran, was alles gut läuft in unserem Staat und wie viel wir erreichen können, wenn wir an einem Strang ziehen - sei es durch Daheimbleiben, Nachbarschaftshilfe oder einem simplen Anruf bei Alleinlebenden. Jeder Einzelne zählt. Kein Wunder also, dass die AfD derzeit so orientierungslos durch die Krise stolpert. Wirklich jeden im Land zu umarmen fällt ihr schwer. Doch damit ist sie nicht allein: Auch andere Populisten kommen im Kampf mit Corona ins Straucheln. Den Trumps und Bolsonaros dieser Welt fehlt es an Demut und Gemeinsinn, die es für das Niederringen einer Pandemie braucht.

10. Der Sieg gegen Corona wird ein Triumphzug der Liebe
Es mag kitschig klingen, aber wenn wir uns endlich wieder in den Arm nehmen dürfen, haben wir das Virus besiegt. Dieser Moment wird ein Fest der Liebe. Fast alle Menschen können derzeit ihre Eltern oder Großeltern nicht besuchen, geschweige denn berühren. Geschwister, Neffen, Nichten und Wahlverwandte können nicht umarmt werden. Und auch Freundschaften brauchen körperliche Nähe, und sei es nur ein fester Händedruck. Wenn uns der Shutdown gezeigt hat, worauf es wirklich ankommt im Leben, dann das: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen einander - das sollte uns eine große Lehre sein.

Quelle: ntv.de