Politik

COP27 in Ägypten "Oh mein Gott, wie konnte man diese Entwicklung nicht gesehen haben?"

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Protest ist in Scharm el Scheich nur eingeschränkt möglich, die ägyptischen Gastgeber haben Angst vor freier Meinungsäußerung.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Frauke Röser vom New Climate Institute war seit 2011 bei jeder Klimakonferenz dabei. An die COP27 in Scharm el Scheich, die eigentlich an diesem Freitag zu Ende gehen sollte, hat sie keine großen Erwartungen: "Von COP zu COP werden die Rufe der Wissenschaft lauter und dringlicher, aber nichts passiert, obwohl völlig klar ist, dass wir uns in einer existentiellen Krise befinden", sagt sie. Und erklärt im Interview mit ntv.de, warum sie den Prozess der Klimakonferenzen dennoch für sinnvoll hält.

ntv.de: Außenministerin Annalena Baerbock hat gesagt, die Weltklimakonferenz müsse ein klares Signal setzen für den Abschied von Kohle, Öl und Gas. Sieht es aktuell danach aus, dass die Konferenz diesen Anspruch erfüllen wird?

Frauke Röser: Nein, danach sieht es nicht aus. Ich glaube, wir können froh sein, wenn die Beschlüsse bekräftigt werden, die im vergangenen Jahr auf der Klimakonferenz in Glasgow beschlossen wurden, darunter vor allem das Bekenntnis zur 1,5-Grad-Grenze, die schrittweise Abkehr von der Kohle - auch wenn eigentlich ein Ausstieg nötig wäre - und ein Umlenken der Finanzflüsse in Richtung Klimaschutz. Indien hat den Vorstoß unternommen, neben dem "phase down" bei der Kohle auch eine Reduzierung aller fossilen Energieträger zu beschließen, aber das ist jetzt nicht mehr auf der Agenda. Insofern wird es das Signal für den Abschied von den fossilen Energieträgern vermutlich nicht geben.

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Frauke Röser ist Expertin für Klimapolitik und Gründungsmitglied des New Climate Institute.

(Foto: privat)

Arme Länder haben in Scharm el Scheich Schadenersatz für Katastrophen gefordert, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Kommt eine solche Regelung?

Die wird es geben, denke ich - wobei noch abzuwarten ist, in welcher Form. Diese "loss and damage"-Agenda, also das Thema von Schäden und Verlusten, wird in Scharm el Scheich erstmals ernsthaft angegangen. Bislang haben die Industriestaaten das blockiert, weil sie befürchteten, in Haftung genommen zu werden. Die ärmeren Länder fordern einen Finanzierungsmechanismus, und da wird es Fortschritte geben. Da muss es Fortschritte geben, wenn der Dialog und das Vertrauen zwischen den Vertragsparteien erhalten bleiben soll.

Was ist aus Ihrer Sicht das zentrale Ziel, das in Ägypten voraussichtlich erreicht wird? Gibt es das überhaupt?

Es gäbe eines, wenn es ein Bekenntnis zu einer Finanzierung von Schäden und Verlusten gäbe. Das wäre ein wichtiger Schritt, um die globale Klimadiplomatie aufrechtzuerhalten.

Und was ist das am schwersten wiegende Versäumnis?

Was immer noch fehlt, ist der Mitigation Action Plan, also ein Plan, der die Vermeidung der weiteren Erderwärmung ins Zentrum stellt. Die Klimaziele reichen weiterhin massiv nicht aus. In Glasgow wurde ja beschlossen, dass die Staaten bis zur diesjährigen Konferenz neue Klimaziele vorlegen. Das haben weniger als 30 Staaten getan. Und bei denen, die es getan haben, sind die Ziele noch nicht mal unbedingt ambitionierter. Das ist natürlich auch der Energiekrise geschuldet und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Dann wurden auch noch die Klimagespräche zwischen den USA und China abgebrochen. Durch all das ist der diplomatische Prozess ausgefallen, den es gebraucht hätte, um die nationalen Ziele wieder anzuschieben.

Aber die Politik versagt doch seit Jahren dabei, die Menschheit vor dem Klimawandel zu schützen. Woran liegt das?

Das fragen wir uns als Begleiter dieses Prozesses auch. Von COP zu COP werden die Rufe der Wissenschaft lauter und dringlicher, aber nichts passiert, obwohl völlig klar ist, dass wir uns in einer existentiellen Krise befinden. Auch in Deutschland können wir unseren Wohlstand nur erhalten, wenn wir uns dieser Krise stellen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass dieses globale Problem nur gemeinsam gelöst werden kann. Und weil es immer Staaten gibt, die mehr zum Klimawandel beigetragen haben oder mehr für den Klimaschutz tun könnten, kann jeder Staat immer auf andere zeigen. Das führt dazu, dass wir nur in sehr, sehr kleinen Schritten vorankommen.

Haben Länder mit großen fossilen Vorkommen überhaupt ein Interesse an Einigungen auf den Klimakonferenzen? Saudi-Arabien beispielsweise oder Russland, Venezuela und die USA - ist nicht deren Interesse, weiter Öl und Gas zu verkaufen?

Das ist auch so ein Knackpunkt: Wie bewegt man Länder zu einer Wende, deren Ökonomien von den fossilen Brennstoffen abhängen? Aber irgendwann werden diese Brennstoffe und fossil basierte Technologien nicht mehr nachgefragt. Die Transformation und die Energiewende werden stattfinden. Insofern haben auch solche Länder ein ureigenes Interesse daran, ihre Ökonomien entsprechend umzubauen.

Welche Rolle hat China in Scharm el Scheich gespielt? Anders als US-Präsident Biden ist Xi Jinping nicht nach Ägypten gereist.

Trotzdem war China präsent in Scharm el Scheich. Die Klimagespräche zwischen den USA und China sind inzwischen auch wieder aufgenommen worden, was ein enorm wichtiger Schritt ist.

Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf schreibt, ab einem bestimmten Punkt der Erderwärmung werde das Grönlandeis komplett abschmelzen, auch ohne weitere Erderwärmung - ein sogenannter Kipppunkt. Dann droht ein Meeresspiegelanstieg um sieben Meter. "Dieser Kipppunkt liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen 1 und 3 Grad globaler Erwärmung." Wie sicher ist es überhaupt, dass wir solche Kipppunkte vermeiden können?

Wir können die Kipppunkte nur vermeiden, wenn wir jetzt ganz massiv die Transformation einleiten. Dafür bleiben uns nur noch wenige Jahre. Das Klima ist sehr gut erforscht, dass der Klimawandel eine Bedrohung darstellt, daran gibt es keine ernsthaften wissenschaftlichen Zweifel. Aber was genau passiert, wenn wir die Kipppunkte erreichen, von denen das Grönlandeis ja nur einer ist, das wissen wir nicht so genau. Diese Kipppunkte führen aller Erkenntnis nach dazu, dass der Klimawandel sich verselbstständigt und unumkehrbar wird. Eine Erderwärmung um 2 Grad beispielsweise könnte zu einer weiteren Erwärmung führen, weil dann Kipppunkte ausgelöst werden wie das Abtauen der Permafrostböden, die dann große Mengen Methan abgegeben. Sicher ist: Je stärker die Erde sich erwärmt, umso schwieriger wird es, den Klimawandel zu begrenzen und mit den dramatischen Folgen umzugehen.

Wird es funktionieren, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ohne der Atmosphäre CO2 zu entziehen, also ohne Techniken wie CCS, die ja ziemlich umstritten sind?

Ich glaube nicht, dass dies möglich sein wird, weil das Handeln aktuell nicht durchgreifend genug ist. Wichtig ist, dass das 1,5-Grad-Limit weiterhin das Ziel bleiben muss. Jedes Zehntel Grad zählt. Es ist ein großer Unterschied, ob wir eine Erderwärmung von 1,5 oder 1,6 oder 1,8 oder 2 Grad haben. Deshalb werden wir die Abscheidetechnologien wahrscheinlich brauchen. Das sollte aber dem Ausgleich von Emission vorbehalten sein, für die wir noch keine emissionsfreien Technologien haben, also bei bestimmten Industrieprozessen und in der Landwirtschaft. Die Gefahr ist, dass die Vision von Abscheidetechnologien transformationshemmend eingesetzt wirkt, dass Politiker also sagen: Wir müssen den CO2-Ausstoß nicht so drastisch reduzieren, wir können ja später CCS machen. Das sollte nicht passieren.

Der Wohlstand der westlichen Gesellschaften beruht bislang auf stetigem Wirtschaftswachstum mit immer höherem CO2-Ausstoß. Werden wir auf Wohlstand verzichten müssen?

Was bedeutet Verzicht, was bedeutet Wohlstand? Haben wir die richtigen Indikatoren, Wohlstand zu messen? Ist es entscheidend für die Lebensqualität, zwei Autos zu haben? Ich denke schon, dass wir unser System so umbauen müssen, dass es auf weniger Konsum und Wachstum basiert und trotzdem den Wohlstand der Gesellschaft mindestens hält, vielleicht sogar erhöht. Bislang wird diese Debatte sehr negativ geführt. Hier bräuchten wir ein Umdenken.

Haben Sie eine Idee, wie Historiker in 100 Jahren über unsere Zeit schreiben werden?

Wenn es dann noch Historiker gibt, kann ich mir schon vorstellen, dass man dann mit großem Unverständnis zurückblickt und denkt: Oh mein Gott, wie konnte man diese Entwicklung nicht gesehen haben? Wie konnte man mit allen Möglichkeiten, die ja vorhanden waren, nicht gehandelt haben?

Sie waren seit 2011 auf allen Klimakonferenzen. Sind diese Veranstaltungen überhaupt sinnvoll? Es ist schließlich schon die 27. Konferenz dieser Art, und trotzdem hat UN-Generalsekretär Antonio Guterres konstatiert: "Wir sind auf einem Highway in die Klimahölle und haben den Fuß auf dem Gaspedal."

Bei aller Frustration: Diese Klimakonferenzen sind enorm sinnvoll, auch wenn in diesem Jahr Coca-Cola als Sponsor aufgetreten ist und der Einsatz der ägyptischen Präsidentschaft enttäuschend war. Ohne die Klimadiplomatie, ohne die Klimakonferenzen gäbe es gar keinen Fortschritt. Das ist ein enorm wichtiger Raum, in dem auch unter schwierigsten geopolitischen Vorzeichen geredet wird. Letztlich sind diese Klimakonferenzen schlicht alternativlos.

Mit Frauke Röser sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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