Politik
"Flieger der Koalition gehen kein Risiko ein, das amerikanische Flieger nicht teilen": Speziell ausgebildete Einheiten sollen Piloten im Fall eines Absturzes retten.
"Flieger der Koalition gehen kein Risiko ein, das amerikanische Flieger nicht teilen": Speziell ausgebildete Einheiten sollen Piloten im Fall eines Absturzes retten.(Foto: U.S. Air Force photo / Staff Sgt. Jonathan Snyder)
Freitag, 06. Februar 2015

Letzte Rettung für Anti-IS-Piloten: Pentagon schickt Kampfretter nach Erbil

Von Martin Morcinek

Die Verunsicherung ist groß: Angesichts der grausamen Hinrichtung eines jordanischen Piloten fordern arabische Verbündete der Anti-IS-Koalition Verstärkung aus den USA an. Das Pentagon schickt Spezialeinheiten - und öffnet eine Tür in den Bodenkrieg.

Die brutale Propagandaschlacht der Dschihadisten in Syrien und dem Nordirak zwingt das US-Militär zu einer Änderung der Einsatzstrategie. Während die jordanische Luftwaffe in ihrem Rachefeldzug für den grausam ermordeten Kampfpiloten Muasa al-Kasasba Stellungen des "Islamischen Staates" bombardiert, verstärken die Vereinigten Staaten ihre Kräfte vor Ort durch Spezialeinheiten der US-Luftwaffe.

Video

Nach der Ermordung des jordanischen Kampfpiloten durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) liegen bei den Verbündeten offenbar die Nerven blank. Flugzeuge und Soldaten seien in die Region entsandt worden, um Soldaten der Anti-IS-Koalition nach einem möglichen Abschuss in Sicherheit zu bringen, erklärte ein Sprecher des US-Militärs.

Bei den fraglichen Maschinen handelt es sich laut US-Medienberichten um Transportflugzeuge, die schwer bewaffnete Such- und Rettungshubschrauber vom Typ "Pave Hawk" in den Norden des Irak bringen sollen. Die Stationierung von zusätzlichen Rettungshubschraubern auf einer Basis in der Nähe der nordirakischen Kurdenmetropole Erbil soll die Zeit zur Rettung verunglückter Piloten verringern, berichtet die "New York Times" unter Berufung auf Mitarbeiter im Pentagon.

Wo die USA verwundbar sind

Das Propagandavideo vom grausamen Feuertod des Jordaniers offenbart eine Schwachstelle der Anti-IS-Koalition: Während die Dschihadisten inmitten des seit Wochen gegen sie tobenden Luftkriegs große Verluste in Kauf nehmen können, bleibt jeder einzelne Pilot der Anti-IS-Koalition ein Risiko, solange er sich mit seiner Maschine über vom IS kontrollierten Gebieten aufhält. Die Dschihadisten scheinen gewillt, jede Gefangennahme mit größtmöglicher Brutalität in ein Propagandavideo zu verwandeln.

Für die Kampfpiloten selbst stellt die Aussicht, im Fall eines Absturzes mit Geiselhaft und Foltertod rechnen zu müssen, offenbar eine nicht zu unterschätzende psychologische Belastung dar. Nur so ist zu erklären, dass die US-Luftwaffe nun zusätzliche Spezialkräfte in den Nordirak schickt.

Riskante Einsätze: Rettungsaktionen vervielfachen die Anzahl der Personen im Zielgebiet.
Riskante Einsätze: Rettungsaktionen vervielfachen die Anzahl der Personen im Zielgebiet.(Foto: U.S. Air Force photo / Airman 1st Class Trevor T. McBride)
Militärs setzen Luftangriffe aus

Die Verstärkung geht dem Bericht zufolge auf ein direktes Hilfsersuchen der arabischen Verbündeten zurück. Insbesondere die Militärs aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sollen in Washington darauf gedrängt haben, die Spezialeinheiten aus den USA in die Region zu verlegen.

Zwischenzeitlich sollen die Emirate ihre Beteiligung an Luftschlägen gegen den IS angeblich sogar eingestellt haben. Anders als die eher klassisch zur Luftraum-Verteidigung aufgestellten Luftstreitkräfte der an der Koalition beteiligten regionalen Militärmächte verfügt die US Air Force mit ihren Pave Hawks über besondere Kapazitäten zur Rettung abgestürzter Piloten aus umkämpften Gebieten.

Pave Hawks und Ospreys

Die Einheiten zur Luftrettung bestehen im Kern aus Kampfhelikoptern, die auf einer weiterentwickelten Version des Standardtransporthubschraubers "Blackhawk" des US-Militärs aufbauen. Neben Seilwinden, Zusatztanks und elektronischer Sonderausstattung sind die Pave Hawks vor allem mit zusätzlichen Nahverteidigungs- und Abwehrwaffen und einer lanzenartigen Sonde zur Luftbetankung ausgerüstet, was ihre Reichweite erheblich erweitert. Bemannt sind die allwetter- und nachtflugtauglichen Maschinen mit umfassend ausgebildeten Spezialisten für Kampf- und Rettungsoperationen hinter feindlichen Linien.

Schnell wie ein Flugzeug, beweglich wie ein Hubschrauber: Die Piloten der V-22 Osprey können die Rotoren von der Senkrechten auf vollen Vorwärtsschub umstellen.
Schnell wie ein Flugzeug, beweglich wie ein Hubschrauber: Die Piloten der V-22 Osprey können die Rotoren von der Senkrechten auf vollen Vorwärtsschub umstellen.(Foto: REUTERS)

Unterstützt werden die Pave Hawks offenbar durch Kipprotor-Maschinen vom Typ V-22 "Osprey". Diese neuartigen Hybridflieger können senkrecht starten und landen, bis zu zwei Dutzend voll ausgerüstete Soldaten aufnehmen und dabei weite Strecken mit bis zu 560 Kilometern in der Stunde zurückliegen.

Ausbildungsziel der US-Luftretter ist es, über Feindesland abgestürzte oder abgeschossene Piloten zu suchen, zu verteidigen, medizinisch zu versorgen und so schnell wie möglich zu bergen. Dazu trainieren die Teams des Air Force Special Operations Command (AFSOC) nicht nur den Umgang mit den Bord- und Infanteriewaffen verschiedener Kaliber. In der Regel müssen Bewerber für die Spezialeinheiten der Luftrettung Doppel- und Dreifachausbildungen als Nahkämpfer, Fallschirmspringer und Rettungsassistenten vorweisen.

Wer abstürzt, wird gerettet

"Wir verbessern unsere Fähigkeiten in der Region weiter, auch im Zusammenhang mit der Rettung von Personal", erklärte ein Mitarbeiter des Pentagon der Deutschen Presse-Agentur mit Blick auf die Verlegung der Einheiten in den Nordirak. US-Piloten seien sich der Risiken bei ihren Luftangriffen auf den IS jederzeit bewusst. Zugleich gebe es aber eine "unerschütterliche Verpflichtung", diese im Fall eines Absturzes zu retten.

Dasselbe gelte auch für Piloten der Länder, die im internationalen Bündnis mit den USA Angriffe gegen den IS fliegen. "Flieger der Koalition gehen kein Risiko ein, das amerikanische Flieger nicht teilen", sagte der Mitarbeiter des Pentagon. Die USA hatten am 8. August mit Luftangriffen auf IS-Stellungen im Irak begonnen, am 23. September wurde der Einsatz auf Syrien ausgeweitet. An der Mission beteiligen sich Kampfflugzeuge von mehreren europäischen und arabischen Verbündeten, darunter Jordanien, Bahrein, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Hohes Einsatzrisiko

Bislang waren die nächstgelegenen Einheiten zur Luftrettung ihn Kuwait stationiert - und damit viel zu weit entfernt, um im Fall eines Zwischenfalls über Syrien oder dem Nordirak noch eingreifen zu können. Doch auch mit den neuen Einheiten in Erbil scheint fraglich, ob eine schnelle Rettung aus der Luft dem Jordanier al-Kasasba noch hätte helfen können.

Aus dem Umfeld des Pentagon hieß es, der Pilot sei nur Minuten nach seinem Notausstieg aus seinem einmotorigen Kampfjet vom Typ F-16 in Gefangenschaft geraten. Die Islamisten hätten seinen Fallschirm frühzeitig entdeckt. Kurz darauf sei er am Boden inmitten seiner Gegner gelandet. Den Rettungskräften sei bis dahin noch nicht einmal genügend Zeit geblieben, sein Notsignal zu lokalisieren.

In diesem Fall wären auch die nun in Erbil stationierten schwer bewaffneten US-Spezialeinheiten zu spät gekommen. Unter dem Strich belegt die Entsendung zusätzlicher Kräfte, wie empfindlich die Dschihadisten die Militärmaschinerie der Anti-IS-Koalition getroffen haben. Denn mit jedem Luftschlag bemannter Militärflugzeuge gegen IS-Stellung wächst das Risiko eines weiteren Absturzes - ob aufgrund eines Abschusses oder einfacher technischer Komplikationen.

Ein Problem bleibt: Sobald die Kampfretter einen Notruf erhalten, müssen sie ihrem Auftrag gemäß zum Sucheinsatz ausrücken. Eine solche Mission könnte die USA und ihre Verbündeten jedoch schnell in größere Gefechte am Boden verstricken. Denn dann sind nicht mehr einzelne Piloten in Gefahr - dann stehen ganze Trupps mit 4, 10 oder auch 24 Soldaten im Feuer. Die Strategie der begrenzten Luftschläge aus der Distanz wäre spätestens dann an ihren vorläufigen Grenzen angelangt.

Bilderserie
Datenschutz

Quelle: n-tv.de