Jäger zum Krieg gegen Iran"Innenpolitisch wird es für Trump schieflaufen"

Kein erreichbares Ziel, aber schon drei gefallene US-Soldaten. Dieser Krieg wird US-Präsident Trump viel Zuspruch kosten, schätzt Politologe Thomas Jäger ein. Zumal in der MAGA-Bewegung der Widerstand gegen ihn wächst.
ntv.de: US-Präsident Donald Trump scherzt, man werde ihn irgendwann aus dem Iran anrufen und fragen, wen er gern als Nachfolger für den getöteten Religionsführer Ali Chamenei hätte. Aber durch Luftschläge ist noch kein Gewaltregime zu Fall gebracht worden, oder?
Thomas Jäger: Wenn die Aufklärung gut ist, kann man mit Luftschlägen ein Nuklearprogramm zerstören oder zumindest um Jahre zurückzuwerfen, wie es im vergangenen Juni geschehen ist. Luftschläge können Raketensilos treffen oder die Produktionsstätten ballistischer Raketen. Sie sind - kombiniert mit guter Aufklärung - auch dazu in der Lage, die Staatsspitze zu eliminieren, so wie es jetzt passiert ist. Aber ein Regimewechsel, ein Staatsstreich von außen, hat aus der Luft noch nie geklappt. Darum kam auch der Hinweis von US-Präsident Donald Trump: Iraner, das ist eure Chance, das müsst ihr jetzt machen.
Da sind die USA nicht mehr zuständig?
Trump hat die Aussage deutlich abgemildert und gesagt, schauen wir mal, wie es weitergeht. Diese Volatilität bestand schon die ganze Zeit in der amerikanischen politischen Zielsetzung. Niemand kannte das wirkliche Ziel des Luftschlags. Man wusste, worüber verhandelt wurde, aber das musste ja nicht die Gesamtheit der Ziele sein. Als Trump den Regimewechsel nannte, hat er alles darauf fokussiert. Alles andere außer einem Regimewechsel wird er jetzt als Niederlage hinnehmen müssen.
Das klingt für Trump nicht gut, zumal die Unterstützung für den Iran-Krieg in der Bevölkerung von Anfang an enorm schwach war und nun auch noch drei US-Soldaten umkamen. Laute Stimmen in Trumps Bewegung "Make America great again" (MAGA) verurteilen den Krieg. Wird er für Trump in den USA gefährlich?
Dieser Krieg ist für Trump immens riskant. Er hat ja schon den ersten Warnschuss bekommen, als er im Juni 2025 mit Israel zusammen Teherans Nuklearprogramm angegriffen hat und die Ersten gesagt haben: Was ist denn hier los? Da wird unser Geld verschleudert, das interessiert uns doch gar nicht. Der Iran ist keine Gefahr für uns.
Nun starben die ersten Soldaten im Krieg gegen den Iran, und Trump hatte zuvor sogar öffentlich einkalkuliert, es könnten Soldaten dabei umkommen. Das ist ein enormer Schritt, den Trump gegangen ist, ohne die Unterstützung vorher organisiert zu haben.
Er hält sich für unantastbar?
Sein Gebaren erinnert ein wenig daran, wie ihm vorgehalten wurde, seine Politik sei gar nicht "America first". Und Trump entgegnete, er habe "America first" erfunden. Er bestimme, was "America first" ist. "Es ist immer genau das, was ich sage und nichts anderes." Hinzu kommt, dass die enge Verbindung zu Israel für ihn zurückschlägt. Denn in der MAGA-Bewegung organisiert sich inzwischen eine kräftige Gruppe von Antisemiten. Und diese Leute proklamieren, man solle nie wieder Trump wählen, nie wieder Republikaner wählen. "Die ganze Präsidentschaft ist vorbei", Trump mache dasselbe wie alle anderen. Und er sieht ja nicht nur anhand der Umfragen, dass eine Mehrheit in seiner Bewegung so denkt, sondern es sind zunehmend Wortführer, die sich herausbilden und ihm ganz offen widersprechen.
Das hört sich für Trump tatsächlich bedrohlich an.
Innenpolitisch wird es für ihn schieflaufen. In der MAGA-Bewegung ist schon mit diesem Krieg seine unangefochtene Stellung angeknackst. Es wird ihm immer vorgehalten werden, dass er hier eben nicht nur mal einen Luftschlag durchgeführt hat, um das Nuklearprogramm zu zerstören, sondern es um Regimewechsel ging. Den hat er selbst aber immer als Teufelszeug dargestellt. Das wird Trump nie mehr drehen. Und es gibt noch eine weitere Baustelle. Die wird man in den nächsten Wochen oder vielleicht schon Tagen bemerken.
Der Ölpreis?
Der wird steigen, ganz ohne Frage. Das schlägt sich erst an der Tankstelle nieder und dann schlägt es um auf alle Preise. Die Lebenshaltungskosten sind aber Trumps großes Thema. Die Inflation, von der er behauptet, sie existiere überhaupt nicht mehr, existiert eben doch. Die Lebensmittelpreise sind in enormer Höhe, und das ist für Trump der entscheidende Punkt. Denn daran machen viele US-Bürger, insbesondere die unabhängigen Wähler, ihre Entscheidung fest.
Sehen Sie diese Folgen selbst dann kommen, wenn Trump nach einer Woche sagt: Das war es, wir gehen wieder?
Wenn er nach einer Woche die US-Armee abziehen lässt, dann werden viele fragen: Was ist denn aus der Ankündigung geworden, dass der Iran jetzt ein amerikafreundliches Land wird? Was war überhaupt das Ziel des Angriffs? Dann kommt der Präsident von der Seite her unter Druck. Er hat sich selbst in eine Zwickmühle gebracht. Dauert der Krieg lange, muss er mit erheblichen wirtschaftlichen Kosten rechnen, die auf seine Wähler zurückfallen. Macht er es kurz, dann wird man fragen: Ja, und? Was hat's gebracht?
Bisher hat Donald Trump oft einen beachtlichen Instinkt gezeigt für das, was bei den Wählern gut ankommt und für ihn einzahlt. Verliert er den langsam?
Bisher hat Trumps Politik ausgezeichnet, als Geschäftsmann aufzutreten und zu sagen: Leute, Krieg brauchen wir doch nicht. Wir brauchen Militärgeschäfte, brauchen Rüstungsindustrie, aber allenfalls drohen wir mit Krieg. Da führen wir mal einen Luftschlag durch, aber wir führen doch keinen Krieg. Plötzlich hat er sich anders entschieden. Trump ging von der These aus, die USA könnten sich nicht mehr in alle Konflikte einmischen. "Wir müssen uns jetzt um uns selbst kümmern." Plötzlich tut er das Gegenteil. Nächste These: Die westliche Hemisphäre ist unsere, hier müssen wir alle anderen Staaten rausbekommen. Der Pazifik ist wegen China wichtig, dann kommt Europa, dann der Mittlere Osten, schließlich Afrika. Doch nun führt er einen Krieg im Mittleren Osten, einer aus seiner Sicht nachrangigen Region. Ein Grund dafür könnte sein, dass Trump auf den Geschmack gekommen ist, amerikanisches Militär einzusetzen.
Weil der Luftschlag gegen das iranische Atomprogramm recht erfolgreich war? Und die Entführung von Venezuelas Machthaber Nikolas Maduro?
Das hat bisher tatsächlich immer gut geklappt. Kurz und erfolgreich. Das ist letztlich das, was jeder, nicht nur Trump, sondern wirklich jeder, der einen Krieg beginnt, denkt: kurz und erfolgreich. Selten wird das wahr. Meistens dauert ein Krieg lange und verlangt Opfer.
Kurz noch einmal zum angestrebten Regimewechsel, der nur mit Luftschlägen nicht klappen wird: Was wäre die kluge Alternative gewesen?
Die Alternative wäre die Planung eines Staatsstreichs von innen gewesen. Die USA hätten helfen können, eine politische Opposition aufzubauen, subkutan Einfluss zu nehmen, mit verdeckten Aktionen. Im Iran laufen viele verdeckte Aktionen, die sind gewöhnlich aber sehr gewaltsam. Da werden zum Beispiel Wissenschaftler erschossen, vor allem Nuklearwissenschaftler. Beim Oppositionsaufbau haben sich die USA aber nicht engagiert, und das lässt sich nicht innerhalb weniger Wochen mit einem militärischen Aufmarsch erzwingen.
Das hat sich Trump ganz einfach vorgestellt?
Er ist in seine eigene Falle getappt. Als die massiven Massenproteste begannen, dachte er: Jetzt kommen wir von außen mit Militär dazu. Streitkräfte brauchen aber Zeit, bis sie organisiert sind. Es hat viel länger gedauert, als er sich das vorgestellt hatte. Zwischenzeitlich hatte er selbst die Überzeugung verloren und ließ sich dann von den Israelis und Saudis wieder überreden. In seiner Kriegserklärung hat er letztlich alle Ziele aufgezählt, die irgendwann einmal existiert haben. Der Iran wurde zum ewigen Feind, der die USA unmittelbar bedrohe, was nicht stimmt. Hinzu kommt: Ich kann mich an keinen US-Präsidenten erinnern, der einen Krieg mit nur 20 Prozent Unterstützung in der Bevölkerung begonnen hätte.
Wie ist der übliche Weg?
Zunächst argumentiert der jeweilige Präsident, die USA würden bedroht, man müsse handeln. Und wenn man schließlich die Hälfte der Bevölkerung hinter sich weiß, dann kann man einen Militärschlag ausführen.
Mit Thomas Jäger sprach Frauke Niemeyer