Politik

Proteste werden Regime stürzenPolitologe sieht Iran bereits in einer "Post-Chamenei-Ära"

13.01.2026, 16:31 Uhr c-ammeVon Caroline Amme
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Seit Beginn der Proteste im Iran wurden Menschenrechtlern zufolge rund 650 Menschen getötet. (Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire)

Das iranische Regime schlägt die Massenproteste blutig nieder. Trotzdem geben die Menschen nicht auf. Das Land ist in einer "historischen Situation", sagt Politologe und Autor Ali Fathollah-Nejad im Gespräch mit ntv.de. Kommt es zum Regimewechsel?

Menschenmengen marschieren in der Dunkelheit durch Teherans Straßen, sie klatschen und schreien; Autos, eine Polizeistation und eine Moschee brennen. Aufnahmen aus sozialen Medien zeigen die chaotischen Massenproteste in der iranischen Hauptstadt.

Es sind nicht die Einzigen in dem großen Land: In über 180 Städten im Iran demonstrieren die Iranerinnen und Iraner. Die Sicherheitskräfte reagieren mit Brutalität: Täglich gibt es neue Todesopfer, hunderte Protestierende wurden bereits getötet, sagen Menschenrechtsorganisationen. Sie sprechen von einem "Massaker".

In einem Video waren dutzende Leichen in schwarzen Säcken vor einer Leichenhalle südlich von Teheran zu sehen. Es gibt etliche Verletzte. Über 10.000 Menschen wurden festgenommen.

Die jetzigen Proteste haben eine ganz neue Qualität als die bisherigen, sagt Ali Fathollah-Nejad im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Er ist Autor des Buches "Iran - Wie der Westen seine Werte und Interessen verrät" und Direktor des Center for Middle East and Global Order (CMEG). "Wir haben ähnliche große Massen 2009 bei der 'Grünen Bewegung' gesehen, an dessen Höhepunkt drei Millionen Menschen auf den Straßen Teherans waren. Damals ging es allerdings in erster Linie noch um Reformen innerhalb des Systems. Diesmal wird die Systemfrage gestellt."

"Politiker haben keine Antwort auf wirtschaftliche Talfahrt"

Was diesen Protest laut Fathollah-Nejad so besonders macht: Die Händler im großen Basar in Teheran haben ihn gestartet. Eigentlich sind sie konservativ und regimetreu. Ende Dezember war die iranische Währung jedoch auf einen historischen Tiefststand von 1,44 Millionen Rial zum Dollar gefallen. Aus Protest haben als Erstes die Handyverkäufer ihre Geschäfte zugemacht - der Währungsverfall trifft sie wegen ihrer Importwaren ganz direkt. Andere Ladenbesitzer schlossen sich an.

Innerhalb von zwei Wochen haben sich die Proteste auf das ganze Land ausgeweitet. Die Menschen demonstrieren gegen die steigende Inflation und mittlerweile auch gegen die Führung der Islamischen Republik. Seit Jahren leidet das Land unter einer Wirtschaftskrise. Die Menschen verarmen. Sie können sich das Nötigste nicht mehr leisten. Immer mehr Iranerinnen und Iraner sind arbeitslos.

"Die Menschen in Iran merken, dass die Politiker des Landes keinerlei Antworten auf diese wirtschaftliche Talfahrt haben", sagt Politologe Fathollah-Nejad. Die Machthaber würden das meiste Geld in Institutionen stecken, die das Mullah-Regime stützen. "Da bleibt sehr wenig Geld für die Menschen sowie für wohlfahrtsstaatliche und Entwicklungsinvestitionen übrig."

Zudem leiden die Iranerinnen und Iraner unter Repressionen und einer ökologischen Krise - Wasser und Strom sind extrem knapp. "Die Politik der Islamischen Republik vertieft diese Krisen und die Menschen stehen nunmehr mit dem Rücken an der Wand", macht der Experte klar.

Frauen ohne Kopftücher unterwegs

Die aktuellen Proteste sind die größten seit der "Frau, Leben, Freiheit"-Bewegung im Herbst 2022. Die junge Kurdin Jina Mahsa Amini war von der Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie angeblich gegen die Kopftuchpflicht verstoßen hatte. Wenige Tage später war sie in einer Polizeiwache gestorben. Damals waren in der Folge zehntausende Menschen auf die Straße gegangen, vor allem Frauen.

Seitdem tragen immer mehr Frauen im Iran in der Öffentlichkeit kein Kopftuch und sind mit Motorrädern unterwegs - ohne Führerschein, da sie nach wie vor keinen haben dürfen. Beides ist ihnen eigentlich verboten. Die Polizei schreitet nicht ein. Außerdem trinken immer mehr Iraner offen Alkohol, und es gibt Konzerte mit westlicher Musik.

Diese Lockerungen haben die Menschen im Iran durch ihre Proteste erreicht, sagt Fathollah-Nejad im Podcast. Die Machthaber wollten weitere Massenproteste verhindern und hätten sich deshalb bei einzelnen Verstößen zurückgehalten. Auch deshalb habe der iranische Sicherheitsrat im Mai 2025 das härtere Kopftuchgesetz gestoppt. "Die Machthaber haben verstanden, dass der Kessel ohnehin kurz vor dem Explodieren ist. Da wollte man etwas Druck rausnehmen."

Chamenei plant Flucht nach Russland

Der Politikwissenschaftler glaubt kaum, dass das Regime die Proteste überleben wird. Das Land befinde sich in einer neuen historischen Phase, "die die Machthaber in große Bedrängnis setzt". Er sieht das Land bereits in einer "Post-Chamenei-Ära" angekommen. Diese habe im Juni 2025 begonnen. Während des Zwölf-Tage-Kriegs hatte sich der oberste religiöse Führer im Bunker verschanzt und habe dadurch "eine jahrzehntelange zentrale Autorität eingebüßt."

"Die iranische Bevölkerung hat erkannt, dass die Situation nicht reparabel ist, dass die Islamische Republik mit ihrer Politik und ihren Prioritäten für ihre Misere verantwortlich ist", sagt Fathollah-Nejad.

Auf den Protesten ist immer wieder der Slogan "Tod dem Diktator" zu hören - gemeint ist Ali Chamenei. Die Iranerinnen und Iraner fordern die Abschaffung der Diktatur. Das De-facto-Staatsoberhaupt plant bereits seinen Abgang: Falls die Proteste eskalieren, will Chamenei wie es aussieht mit bis zu 20 Vertrauten und Familienmitgliedern nach Russland fliehen.

Der "Wieder was gelernt"-Podcast

Dieser Text ist eigentlich ein Podcast: "Wieder was gelernt" ist der ntv-Podcast für Neugierige mit Geschichten, die uns schlauer machen.

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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