Politik

"Können nirgendwohin liefern"Russische Angriffe lassen Getreidebauern verzweifeln

13.08.2026, 13:21 Uhr
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"Alles steht still. Der Geldfluss ist blockiert, die Einnahmen weggebrochen. Es gibt keine Exporte", sagt der ukrainische Landwirt Serhiy Rybalko. (Foto: REUTERS)

Die Ukraine meldet in den vergangenen Wochen Dutzende russische Attacken auf Häfen und Schiffe im Schwarzen Meer. Dadurch brechen die Getreideexporte ein. Für Landwirte hat das dramatische Folgen.

Russlands jüngste Angriffe auf die ukrainische Hafeninfrastruktur am Schwarzen Meer bedrohen die Getreideexporte des Landes und bringen die heimische Landwirtschaft in schwere Bedrängnis. Die ukrainische Hafenbehörde registrierte im Juli und Anfang August mehr als 70 Angriffe auf Häfen und den Beschuss von 62 Schiffen. Dadurch kamen die Agrarexporte über diesen wichtigen Handelsweg nahezu zum Erliegen. Die Getreideexporte brachen in den ersten beiden Augustwochen laut jüngst veröffentlichten Daten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 75 Prozent ein. Moskau erklärte dazu, die Militärschläge richteten sich gegen legitime militärische Infrastruktur, Logistik und Schiffe, die ausländische Waffen transportierten.

Für Landwirte wie den 57-jährigen Serhij Rybalko aus dem Süden der Ukraine hat dies dramatische Folgen. Rybalko verlor zu Beginn der russischen Invasion im Jahr 2022 zwei Drittel seines Landes durch die Besetzung. Er steht nun vor einer neuen Existenzkrise, da seine Lagerhäuser mitten in der Weizenernte schon fast vollständig gefüllt sind und im kommenden Monat bereits der Mais eingeholt wird. "Wir können dieses Getreide nirgendwohin liefern", sagte Rybalko. "Das ist eine absolute Katastrophe für die Landwirte." Er habe früher an große Exporteure oder lokale Verarbeiter verkauft, doch derzeit gebe es keine Abnehmer. "Alles steht still. Der Geldfluss ist blockiert, die Einnahmen weggebrochen. Es gibt keine Exporte."

Rybalkos Betrieb benötigt während der Erntezeit monatlich rund 20 Millionen Hrywnja (rund 410.000 Euro), um Kredite zu bedienen, Gehälter zu zahlen und Kraftstoff zu kaufen. Die Aussaat im bevorstehenden Herbst sei ohne diese Einnahmen gefährdet. Dieses Problem betrifft die gesamte ukrainische Agrarbranche, die fast 60 Prozent der Exporterlöse des Landes erwirtschaftet. Die weltweiten Getreidepreise an der Börse in Chicago stiegen im Juli wegen der Blockade zwar auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahr, in der Ukraine selbst brachen die Preise aufgrund des Überangebots jedoch ein. Gewinne können Landwirte Analysten zufolge derzeit nur mit dem Export von Weizen erzielen, während andere Getreidesorten nicht einmal die Produktionskosten decken.

Die Blockade hat zudem nicht unerhebliche Auswirkungen auf die weltweite Lebensmittelversorgung. Die Ukraine liefert rund sechs Prozent des weltweiten Weizens und rund elf Prozent des Maises. Martschuk warnte vor Hungersnöten in importabhängigen Ländern im Nahen Osten und in Afrika, sollten Lieferungen aus der Ukraine ausbleiben.

Alternative Exportwege auf der Schiene und der Straße in Richtung Westen sind zudem für die Ukraine schwerer zu organisieren als zu Beginn des Krieges im Jahr 2022. Die Beziehungen zum Nachbarland Polen sind wegen des Streits über billige ukrainische Agrarimporte und aktuell auch wegen eines diplomatischen Eklats um die Benennung einer ukrainischen Armeeeinheit belastet. Strengere EU-Handelsregeln, niedrige Wasserstände der Donau und russische Angriffe auf die Eisenbahninfrastruktur erschweren zudem den Transport. "Die Ukraine sollte sich darauf einstellen, dass die wirtschaftlichen Folgen der Hafenblockaden mindestens so schwerwiegend oder sogar schlimmer sein könnten als während der ersten Blockade", erklärte Oleh Niwjewskyj von der Kyiv School of Economics.

Die ukrainische Zentralbank schätzt, dass dem Land durch die Blockade im weiteren Jahresverlauf Deviseneinnahmen von rund 2,3 Milliarden Euro entgehen werden. Der Agrarverband UAC beziffert die Verluste der Landwirte durch gestiegene Logistikkosten auf rund 2,8 Milliarden Euro. Die Schäden im Agrarsektor belaufen sich den Angaben zufolge seit Beginn des Krieges im Februar 2022 auf mehr als 83 Milliarden Euro. Die nutzbare Anbaufläche ist durch Kämpfe, Minen und fehlende Bewässerung um fast ein Viertel geschrumpft.

Die Regierung in Kiew hat zwar ein Nothilfeprogramm mit zinsgünstigen Krediten aufgelegt. Für die landwirtschaftlichen Betriebe reicht dies jedoch oft nicht aus. Felix Fjodorow, ein Betriebsleiter in der Region Charkiw, erklärte, der Ernteertrag sei zwar fast doppelt so hoch wie im Vorjahr, die Preise lägen jedoch bei der Hälfte des Vorjahresniveaus. Rybalko warnt vor langfristigen Folgen: "Wenn in der Ukraine heute nicht ausgesät wird, wenn wir keinen Raps anbauen, den die Deutschen und Polen brauchen, keinen Weizen und kein Wintergetreide, dann werden wir in einem Jahr eine echte Lebensmittelkrise erleben."

Quelle: ntv.de, are/rts

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