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Von Korruption zerfressen Russlands Armee kämpft nicht nur gegen die Ukraine

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Treibstoff, Essen, Munition - im Krieg gegen die Ukraine mangelt es russischen Soldaten oft am Nötigsten - hier proben sie für die Siegesparade am 9. Mai.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

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Russische Panzer bleiben liegen, weil ihnen der Treibstoff ausgeht, und Moskau kommt mit der Versorgung seiner Soldaten kaum hinterher. Russlands Militär offenbart in diesem Krieg enorme Schwächen. Dabei mangelt es der Armee nicht an Geld. Dafür aber an der Integrität.

Der 9. Mai naht, doch Russland ist von einem militärischen Sieg in der Ukraine weit entfernt. An diesem Datum, dem "Tag des Sieges" über Nazi-Deutschland, wollte der russische Präsident Wladimir Putin vermutlich den militärischen Erfolg gegen das Nachbarland verkünden, ging er zu Beginn der Invasion doch von einer schnellen Angelegenheit aus. Mit Sicherheit hat Putin den Verteidigungswillen der Ukrainer und die Unterstützung aus dem Westen unterschätzt. Allerdings kämpfen seine Truppen auch mit hausgemachten Problemen.

Russische Soldaten warten nach übereinstimmenden Berichten oft vergeblich auf Nachschub an ausreichend Nahrung und Munition. Videos zeigen funktionsfähige Panzer, die mitten im Gelände liegen bleiben, weil ihnen offensichtlich der Treibstoff ausgegangen ist. Anderen Radfahrzeugen hat es die Reifen abgerissen, was darauf hindeutet, "dass diese Systeme über eine längere Frist nicht bewegt wurden", wie der Militärökonom Marcus Keupp gegenüber ntv.de erklärt. Die russische Armee scheint Probleme mit den grundlegendsten Dingen zu haben - und das, obwohl sie als eine der stärksten der Welt gilt. "Man fragt sich schon, wo das Geld für die Instandhaltung hingegangen ist", sagt Keupp und äußert einen Verdacht. "Möglicherweise in die Taschen von Lokalpolitikern und lokalen Kommandeuren."

Tatsächlich könnte systematische Korruption beim russischen Militär ein Grund dafür sein, dass russische Truppen es nicht schaffen, entscheidende Erfolge in der Ukraine zu erzielen. "Korruption auf operativer Ebene behindert die russische Logistik, was dazu führt, dass die Soldaten schlecht versorgt und ausgerüstet sind", schreibt Polina Beljafowa von der Tufts Universität für internationale Beziehungen in der US-Zeitung "Politico". Dies schwäche die militärische Effizienz. So gab es zu Beginn der Invasion Berichte über russische Soldaten, die mit Fertiggerichten und Trockenrationen in die Ukraine geschickt wurden, die seit 2015 abgelaufen sind. Rund 92 Prozent der Unternehmen, die für die Versorgung des russischen Militärs verantwortlich sind, stehen laut "Forbes Russia" in Verbindung mit Jewgeni Prigoschin. Der Oligarch ist nicht nur ein enger Vertrauter des russischen Präsidenten und gilt als "Koch des Kremls", er ist auch der Schirmherr der Söldnergruppe Wagner.

Das Geschäft mit Essensrationen und Treibstoff

Die Aufträge des Verteidigungsministeriums soll er laut dem Oppositionspolitiker Alexej Nawalny bekommen haben, indem er ein Kartell gebildet und das staatliche Ausschreibungsverfahren so manipuliert hat. Während Prigoschin nun mehrere Milliarden Rubel für das Catering bekommt, berichteten russische Medien, dass die Qualität der Mahlzeiten schlechter als in Gefängnissen sei. Die Portionen seien unangemessen klein und teilweise mit Salmonellen und Coli-Bakterien verseucht. Zudem gibt es Hinweise, dass Essensrationen nicht an die Truppen in der Ukraine ausgeteilt, sondern auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden. "Während russische Soldaten hungern und in ukrainische Häuser einbrechen, um nach Brot zu betteln, werden Prigoschins 'unverkäufliche' militärische Essensrationen für drei Dollar pro Dose auf den russischen Ebay-Seiten angeboten", schreibt etwa Christo Grozev von der Investigativgruppe Bellingcat.

Auch an Treibstoff scheint es den russischen Truppen im Krieg oft zu fehlen - und das in einem Land, das reich an Öl und Gas ist. "Es ist plausibel, dass die langjährige Tradition der Korruption bei der Treibstoffversorgung das Tempo des russischen Vormarsches in der Ukraine verringert hat", schreibt Beljafowa. "Treibstoff wird beim russischen Militär bereits als zweite Währung bezeichnet." Möglich mache dies die mangelnde Kontrolle des Kraftstoffverbrauchs. Tatsächlich gibt es immer wieder Meldungen über Mitarbeiter der Armee, die viel Geld mit dem Verkauf des Benzins oder Diesels machen. So berichtete die Nachrichtenagentur Tass 2019 zum Beispiel über drei Soldaten in Sewastopol auf der annektierten Krim, die 126 Tonnen Kraftstoff gestohlen und für 3,6 Millionen Rubel verkauft haben.

Die russische Armee unterscheidet sich damit kaum von anderen Institutionen des Landes. Russland liegt laut "Transparency International" auf Platz 136 der Weltrangliste, wenn es um die Bekämpfung des Missbrauchs öffentlicher Gelder geht. Die Nichtregierungsorganisation attestiert dem Land ein hohes Korruptionsrisiko - vor allem im Verteidigungssektor. Mittlerweile dürfen die Medien in Russland über das Militär zwar nur noch berichten, was von offiziellen Stellen verkündet wird. Das Korruptionsproblem der Armee gehöre jedoch schon lange zum Allgemeinwissen der Russen, sagte der russische Journalist Maxim Kireev im MDR. Eine besonders "populäre Art, beim Militär Geld zu entwenden" seien die Soldaten auf dem Papier.

Nicht selten käme es vor, dass Vorgesetzte der Armee Sold für Mitarbeiter kassieren, die nur auf dem Papier existieren. Kireev berichtet von Oberstleutnant Vadim Kazarjan, der zwei Rekruten nach ihrem Armeedienst als Vertragssoldaten registrieren ließ, obwohl sie die Armee verlassen haben. Die Justizbehörden bezifferten den Schaden damals auf 20.000 Euro.

Schoigus "fiktive" Zahlen

Der finanzielle Schaden ist eine Sache. Allerdings führt dies auch dazu, dass die genaue Anzahl an Soldaten unklar bleibt. Im Krieg gegen die Ukraine werden nun mehr Soldaten benötigt als in den kleineren Einsätzen des russischen Militärs zuvor. Mögliche Lücken könnten auffallen. Aus diesem Grund könnte es sein, dass "Kommandeure etwaige Lücken mit Wehrpflichtigen zu stopfen versuchen", berichtete Kireev. Putin hatte den Einsatz Wehrpflichtiger bereits kurz nach Kriegsbeginn bestätigt, dies aber mit "Fehlern, die künftig ausgeschlossen werden sollen", begründet.

Die russische Armee wird durch Diebstahl geschwächt - dabei sollte sie in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich umfassend modernisiert werden. Vor allem nach dem Georgienkrieg 2008 musste Russland feststellen, dass seine Truppen für langwierige, moderne Konflikte nicht gerüstet waren. Der damalige Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow sollte Abhilfe schaffen und das Militär reformieren, was er auch durchaus erfolgreich umsetzte. Allerdings bekämpfte der Minister auch Korruption und Geschäfte mit Waffenproduzenten, die gegen den Wettbewerb verstießen, wie Kamil Galeev vom US-amerikanischen Woodrow Wilson Center auf Twitter schreibt. "Die Zahl seiner Gegner wuchs daher derart, dass er 2012 abgesetzt wurde." Sein Nachfolger Sergej Schoigu verstand es, sich das Wohlwollen aller Beteiligten zu sichern, indem er nicht gegen Korruption vorging, es sich nicht mit Waffenlieferanten verscherzte. So kam es, dass Russland sich vom Effizienzgedanken wieder verabschiedete.

Schoigu begann, regelmäßig Berichte über die erfolgreiche Rüstungsbeschaffung zu veröffentlichen. So gab das Verteidigungsministerium den "Prozentsatz der Aufrüstung", also den Anteil neuen Militärmaterials, im Januar 2022 mit über 70 Prozent an. Diese Zahlen seien jedoch "absolut fiktiv", berichtete das Organized Crime and Corruption Project. "Wir sehen neue Modelle von Ausrüstungen - Raketen, Panzer, U-Boote - aber nur in Einzelfällen", zitierte die Organisation einen Militärforscher. Das könnte erklären, warum in der Ukraine vor allem alte sowjetische Systeme zum Einsatz kommen.

Der Ukraine spielt es in die Hände

Zwar gebe es viele technologische Innovationen, auch solche, die die Präzision russischer Angriffe erhöhen könnten, schreibt Beljafowa bei "Politico". Diese seien beim russischen Militär jedoch "aufgrund von Bestechung, Veruntreuung und Betrug nie zustande gekommen". Ein russisches Rüstungsunternehmen erhielt beispielsweise 2012 rund 26 Millionen US-Dollar für die Entwicklung eines Flugzeugsystems zum Abfangen nichtstrategischer Raketen, wie die lokale Presse berichtete.

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Die Forschung kam jedoch nie in Gang, da das Unternehmen betrügerische Verträge mit Briefkastenfirmen unterzeichnete, von denen einige auf die Adressen von öffentlichen Toiletten in der russischen Region Samara registriert waren, wie Beljafowa berichtete.

Der Ukraine spielt all dies in die Hände. So bedankte sich Oleksandr Nowikow, Leiter der ukrainischen Antikorruptionsbehörde, bereits bei Schoigu - die Veruntreuung öffentlicher Gelder leiste einen "unschätzbaren Beitrag" zur Verteidigung seines Landes. Sicherlich wird das Korruptionsproblem beim russischen Militär nicht kriegsentscheidend sein. Wohl aber ist es ein bedeutendes Defizit der russischen Seite, denn es schwächt seine Logistik. Grozev von Bellingcat drückt es drastischer aus: "Die Korruption macht Russland kaputt - und könnte die Ukraine retten."

(Dieser Artikel wurde am Donnerstag, 28. April 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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