Politik

Wahlkampfabschluss in Köln SPD verkneift sich jede Triumphgeste

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Olaf Scholz legte in Köln einen konzentrierten Auftritt hin.

(Foto: Sebastian Huld)

Ausweislich aller Umfragen führt die SPD mit ihrem Spitzenkandidaten Olaf Scholz vor der Bundestagswahl am Sonntag. Zum Ende einer erstaunlich erfolgreichen Kampagne gibt es beim letzten großen Wahlkampfauftritt jedoch keinen Tusch. Für so etwas wie Rührung müssen andere sorgen.

51 Stunden noch, zählt SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil auf dem Kölner Heumarkt die Zeit bis Sonntag, 18 Uhr runter, dann hat die Partei es hinter sich. So oder so: Es wird ein gutes Ende des mehr als einjährigen Wahlkampfes sein. Mit voraussichtlich deutlich mehr als 20 Prozent viel besser, als es so ziemlich alle außerhalb der SPD für möglich gehalten haben, seit Olaf Scholz im August 2020 zum Kanzlerkandidaten nominiert wurde. Und womöglich wird es sogar so gut, dass nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder der nächste sozialdemokratische Bundeskanzler Olaf Scholz heißt. Da der Sieg aber noch nicht in Sack und Tüten ist, überwiegt in diesen letzten Stunden die Anspannung. "Wenn du beim Fußball in der 88. Minute 2:0 führst, dann gehst du auch nicht vom Platz", appelliert Klingbeil an die vielen in Köln versammelten Mitstreiter. Dann müsse man erst recht kämpfen, um den Vorsprung übers Ziel zu bringen.

Wenn man wie FC-Bayern-Fan Klingbeil unbedingt in Fußballmetaphern sprechen möchte, gilt es festzustellen, dass es angesichts eines Umfragenvorsprungs auf die Union innerhalb der statistischen Fehlermarge höchstens 1:0 steht, und zwar gegen einen Gegner, der sich verbissen und mit allen erlaubten Mitteln gegen die drohende Niederlage stemmt. Wobei das mit den legalen Mitteln eine Interpretationsfrage ist. SPD-Chef Norbert Walter-Borjans jedenfalls reklamiert Foulspiel und wettert im heimischen Köln: "Das ist der unanständigste Wahlkampf, den ich je von den Konservativen erlebt habe." Eingedenk der Adenauer'schen Schmutzkampagne 1961 gegen "Herrn Brandt alias Frahm" ist das vielleicht doch etwas übertrieben, aber damals war der frühere NRW-Finanzminister auch erst neun Jahre alt. Jedenfalls ging es auch in der 70ern denkbar ruppig zu.

Die SPD-Spitze ist da, das Ausland auch

Andererseits ist Walter-Borjans' Vorwurf Richtung Union noch der kämpferischste Moment dieses handzahmen Wahlkampfabschlusses. Die letzte große SPD-Veranstaltung vor der Bundestagswahl richtet sich eher nach innen. Reihen schließen, fokussieren und bis zum Ende kämpfen, lautet die Botschaft. Fehlervermeidung war eh ein Credo dieses SPD-Wahlkampfes, weshalb es auch keine voreiligen Triumphgesten gibt.

Die Parteispitze wartet dafür mit reichlich SPD-Prominenz auf: Neben den Vorsitzenden Walter-Borjans und Saskia Esken sowie Wahlkampfmanager Klingbeil sind auch die Bundesminister Hubertus Heil, Christine Lambrecht und Svenja Schulze zugegen. Fraktionschef Rolf Mützenich, in dessen Wahlkreis die Veranstaltung stattfindet, ist herbeigeradelt, dazu die Bürgermeister von Bremen und Hamburg, Andreas Bovenschulte und Peter Tschentscher. Sogar Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris und prominenteste Vertreterin der französischen Schwesterpartei Parti Socialiste, gibt sich die Ehre.

Stargast aber ist, logisch, Vize-Kanzler Scholz. Die zahlreich versammelte Auslandspresse deutet daraufhin, dass man auch außerhalb Deutschlands aufmerksam die Umfragen verfolgt. Das Interesse am international bislang mäßig bekannten Bundesfinanzminister ist groß. Praktisch für die Auslandskorrespondenten: Scholz referiert auch bei seinem letzten großen Auftritt vor dem Wahlsonntag in gewohnter Manier die Kernpunkte des SPD-Wahlprogramms. Bei grauem Himmel und sommerlichen Temperaturen steht der Kanzler-Favorit lässig in schwarzer Hose und weißem Hemd auf der Bühne. Den Knitterfalten zufolge hat er sich nicht die Mühe gemacht, sich nach der Anreise umzuziehen. Deutschland, so viel ist auch mit Blick auf Scholz' Mitbewerber gewiss, wird auch in Zukunft ohne übertriebene Eitelkeit regiert.

Viel Applaus und ein Lacher

Dass Scholz wenig neues zu erzählen hat, heißt nicht, dass er die offiziell 2000 Zuhörer -darunter die notorische Handvoll trillernder Querdenker - nicht begeistern könnte. Bei den Themen Kampf gegen Kinderarmut, garantierter Rentenstabilität und dem vermeintlichen Bremsen der Union bei der Energiewende erntet Scholz besonders Applaus. Und er zeigt sogar seinen stets maximal dosierten Humor. Als der Kanzlerkandidat auf die Pandemie zu sprechen kommt, sagt er: "Man sieht, Corona ist noch da - ich sehe Karl Lauterbach." Nach den Lachern präzisiert Scholz: "Der warnt aber immer nur davor", und begrüßt seinen Parteifreund, der seinen Wahlkreis ums Eck hat. Eine Kölsche Frohnatur wird der frühere Erste Bürgermeister von Hamburg nicht mehr, aber immerhin.

Wichtiger als der Lacher ist der Beifall für ein anderes Wahlkampfthema: Respekt. Dieser am Anfang der Kampagne noch sperrig-abstrakte Begriff scheint gen Ende des Wahlkampfes immer besser anzukommen, zumindest bei der Kernklientel der SPD. Er selbst sei in einer Großstadt aufgewachsen, habe studiert und sei Anwalt geworden. "Es ist nicht schlechter, Handwerker in einer Kleinstadt zu sein", sagt Scholz, oder Fabrikarbeiter. Was manche als Selbstverständlichkeit betrachten mögen, scheint bei anderen einen Nerv zu treffen: "Wir müssen uns in Deutschland wieder auf Augenhöhe begegnen", fordert Scholz und ballt dabei beide Fäuste. Der SPD ist in den vergangenen Monaten - auch durch beständige Wiederholung - gelungen, die soziale Frage wieder groß zu machen und sich als jene Partei zu präsentieren, die sich ihrer annimmt. Das Image der Hartz-IV-Partei, das so viele Stammwähler gekostet hatte, streift sie ausgerechnet unter Scholz allmählich ab, dem neben Frank-Walter Steinmeiern letzten Veteran der Schröder-Jahre.

Kein Überschwang bis zum Schluss

Dass diese Message angekommen ist, hat viel mit Klingbeil zu tun, der in enger Abstimmung mit den Vorsitzenden und dem Kanzlerkandidaten die Kampagne orchestriert hat. Am Freitag verkündet er stolz, dass eine andere Zielmarke gerissen worden sei: An drei Millionen Haus- und Wohnungstüren hätten die Wahlkämpfer bis zu diesem Wochenende geklingelt, verkündet der Niedersachse stolz. Und noch eine Kampagne sorgt bei der SPD für ein gutes Gefühl an diesem Nachmittag: Jupp Bednarski und Herrmann Soggeberg betreten die Bühne. Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende der Telekom und der Betriebsratsvorsitzende bei Unilever haben die Aktion "Betriebsrätinnen und Betriebsräte für Olaf Scholz" initiiert. Es ist zunächst ein seltsam anmutendes Finale, weil die beiden Herren gerne, viel und leidenschaftlich reden, aber dem Publikum und wohl auch Scholz völlig unbekannt sind.

Doch Scholz zeigt sich tatsächlich ein wenig gerührt, weil er ja selbst lange als Arbeitsrechtler gearbeitet habe. "Ich hatte ein Leben vor der Politik", erinnert der 63-jährige Scholz daran, dass er erst 1998, im Alter von 40 Jahren, in den Bundestag eingezogen ist. Zum krönenden Abschluss gibt es noch einmal ein großes Gruppenbild mit allen Stargästen auf der Bühne, dazu die Melodie von Tina Turners Hit "Simply the Best". Sehr konventionell das Ganze, aber andererseits ist es noch immer ein ungewohntes Bild, so viele Spitzen-SPD'ler in Eintracht lachen zu sehen. Zu Überschwang führt das aber nicht. Scholz beschränkt sich auf sein stets verkniffenes Lächeln und winkt ins Publikum. Bloß keine zu frühen Triumph-Gesten, lautet die Devise. Aber Klingbeil weiß, dass er sich da bei seinem Schützling keine Sorgen machen muss. Als alles vorbei ist, sind es noch 49 Stunden.

Quelle: ntv.de

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