Politik

Schwarzes Meer als VorbildÖffnet die Ukraine die Straße von Hormus?

10.04.2026, 15:26 Uhr
imageVon Kevin Schulte
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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist derzeit im intensiven Austausch mit den Nahoststaaten. (Foto: REUTERS)

Die Ukraine ist auf dem besten Weg, der heimliche Gewinner des Iran-Kriegs zu werden. Das von Russland angegriffene Land hat mehr Expertise in der Drohnenabwehr als jedes andere. Auch mit der Öffnung von Seewegen kennt sich die Ukraine aus. Wird ihr Know-how zur Geheimwaffe im Iran-Krieg?

Die Straße von Hormus bleibt das Sorgenkind der Weltwirtschaft. Der Iran hat sich grundsätzlich bereit erklärt, die Meerespassage wieder für die Schifffahrt zu öffnen. Allerdings will das Mullah-Regime die Wasserstraße weiterhin allein kontrollieren und bald sogar Gebühren für die Durchfahrt kassieren. US-Präsident Donald Trump brachte ein "Joint Venture" zwischen dem Iran und den Amerikanern ins Spiel. Dieses könnte dann Mautgebühren erheben, wovon sowohl die Mullahs als auch die USA profitieren würden.

Für Europa sind das inakzeptable Vorstellungen. Bei der Straße von Hormus handelt es sich um internationales Gewässer. Dieses kann normalerweise nicht mit Gebühren belegt werden. 

Das zeigt, wie vertrackt die Situation trotz der angekündigten Waffenruhe ist. Niemand weiß, ob sie hält. Ohne Garantien werden Reedereien die Straße von Hormus auch in Zukunft meiden. Zu groß ist die Gefahr, wertvolle Fracht oder sogar ein ganzes Schiff zu verlieren. Von der Crew ganz zu schweigen.

"Ukraine hat Fachkenntnisse"

Die Rolle des Sicherheitsgaranten fiel in der Vergangenheit immer den USA zu. Doch Donald Trump scheint daran kein Interesse mehr zu haben. Anfang des Monats hat sich deshalb ein anderes Land für die Aufgabe in Stellung gebracht: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bot an, bei der Öffnung der Straße von Hormus und ihrer Freihaltung zu helfen: "Die Freiheit der Schifffahrt ist insgesamt wichtig für die globale Lage und die globale Sicherheit. Die Ukraine hat entsprechende Fachkenntnisse in Bezug auf Seewege sowie den Schutz und die Wiederherstellung des Schiffsverkehrs."

Die ukrainische Armee konnte die russische Marine aus Teilen des Schwarzen Meeres verdrängen und für ukrainische Exporte offenhalten, ohne ein einziges Kriegsschiff zu besitzen. "Und wenn unsere Partner bereit sind zu handeln, werden wir prüfen, wie wir sie unterstützen können, und wie wir unser Fachwissen und unser technologisches Potenzial einbringen können", sagte Selenskyj.

Die Expertise des ukrainischen Militärs könnte ein wertvoller Baustein sein, um den Golfstaaten dabei zu helfen, Öl- und Gaslieferungen wieder aufzunehmen.

Das sehen viele Staaten in der Region offenbar genauso. Ob Saudi-Arabien, Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate, ob die Türkei oder Syrien: Sie alle suchen den Kontakt und eine Zusammenarbeit mit der Ukraine. Es ist die logische Folge des Iran-Kriegs. 

Ukraine schließt Abkommen mit Golfstaaten

"Der Iran-Krieg verläuft für die Ukraine überraschend gut", titelte das amerikanische Wirtschaftsportal Bloomberg Anfang des Monats. Wolodymyr Selenskyj sei schwer in Bedrängnis, wirke aber trotzdem "unbeeindruckt". 

Der ukrainische Präsident hat aus der Not, im Schatten des Nahost-Kriegs vergessen zu werden, eine Tugend gemacht. Selenskjy hat in den vergangenen Wochen einen regelrechten Reise-Marathon durch den Nahen Osten und Umgebung hingelegt.

Dieser war offenbar ein voller Erfolg. Selenskjy hat einen Rüstungsdeal nach dem anderen geschlossen. Mit Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Abkommen mit den drei Golfstaaten sind nach Angaben von Selenskyj jeweils auf zehn Jahre ausgelegt, mit einem Gesamtvolumen von mehreren Milliarden Dollar. Es geht um Raketen- und Drohnenabwehr, gemeinsame Investitionen und eine Zusammenarbeit in der Rüstungstechnologie.

Treffen mit Erdogan und Al-Scharaa

Anfang dieses Monats ging es für Selenskyj weiter in die Türkei. Hier hat sich der ukrainische Staatschef mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan ausgetauscht und "neue Schritte" in der Sicherheitskooperation vereinbart. Einen weiteren Stopp legte Selenskyj in Syrien ein, um sich mit Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa zu treffen. Die Ukraine will mit Syrien ebenfalls in der Sicherheits- und Entwicklungspolitik zusammenarbeiten.

Kurz nach Kriegsausbruch im Nahen Osten hatte Selenskyj bereits rund 200 Ausbilder für den Drohnenabwehrkampf in die Golfstaaten geschickt. Sein Kalkül: Die Ukraine hilft mit ihrem Know-how beim Abschuss iranischer Shahed-Drohnen, im Gegenzug bekommt Kiew nicht nur Geld, sondern auch Energie und "andere knappe Ressourcen" für den eigenen Kampf gegen die russischen Invasoren.

Selenskjy ließ durchblicken, dass er in den Golfstaaten auch nach Raketenabwehrsystemen Ausschau halte. Hier könnte Saudi-Arabien in den Fokus rücken. Das Königreich hat eines der größten Arsenale an Patriot-Abwehrraketen. Wenn die USA keine Patriot-Systeme mehr liefern sollten, holt sich der ukrainische Präsident also neue Partner. Weil Saudi-Arabien die Flugabwehr-Systeme aus den USA bezieht, müssen die Vereinigten Staaten allerdings zustimmen. "In den letzten Tagen ist eine neue Lieferung Patriot-Raketen eingetroffen. Wir arbeiten weiterhin mit allen Partnern zusammen, um unsere Luftverteidigung sicherzustellen", gibt sich Selenskyj gegenüber der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform entspannt.

"Die Ukraine hat überraschend gute Karten"

Für viele Staaten ist die Expertise der Ukraine gerade jetzt besonders wertvoll. Das Geschäftsmodell der Golfstaaten funktioniert so lange nicht, wie die Straße von Hormus nicht für die Ölexporte genutzt werden kann. Touristen kommen wegen des iranischen Drohnenfeuers auch nicht mehr. Zwar gilt nun die zweiwöchige Waffenruhe in der Nahostregion - Entspannung ist aber noch meilenweit entfernt. Und ob die Straße von Hormus in naher Zukunft wieder passierbar wird, ist vollkommen unklar.

Vor einem Jahr hat Trump Selenskyj in der historischen Pressekonferenz im Oval Office bloßgestellt. Der ukrainische Präsident habe keine Trümpfe in der Hand, warf ihm Trump damals an den Kopf. Mittlerweile habe er sich "selbst welche geschaffen" und ist nicht mehr nur auf die USA angewiesen, analysiert Bloomberg. "Die Ukraine hat überraschend gute Karten, also spielt sie sie aus."

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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