Politik

Alt, gebraucht, aussortiert Bei schweren Waffen bekommt die Ukraine nur B-Ware

imago0097519906h.jpg

Die Ukraine soll vor allem T72-Panzer bekommen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Seit rund zwei Monaten fordert die Ukraine militärische Unterstützung gegen die russische Invasion. Über Umwege sollen jetzt schweren Waffen geliefert werden. Die Möglichkeiten sind aber begrenzt. Einen technologischen Vorteil bringen die Panzer und Artillerie nicht.

Immer wieder erneuert die Ukraine ihre Forderung nach schweren Waffen im Krieg gegen Russland. Westliche Verbündete zögern, auch Deutschland. Ein Ringtausch unter den EU-Staaten soll nun schwere Waffensysteme in die Ukraine bringen. Neue oder moderne Panzer, Kettenfahrzeuge oder Artillerie sind nicht darunter. Für die Ukraine bleibt eigentlich nur die B-Ware aus dem Waffenregal. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zwar stellt die Bundesregierung der Ukraine 1,4 Milliarden Euro zur Verfügung, um bei deutschen Rüstungskonzernen einzukaufen, die Wünsche des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj dürften sie aber nicht erfüllen. Auf der ursprünglichen "Bedarfliste" der Ukraine standen nach Informationen der "Bild"-Zeitung Mitte März noch schwere Waffensysteme wie der Kampfpanzer "Leopard-2", die Schützenpanzer "Marder" und "Puma" sowie die gepanzerten Mannschaftstransporter "Boxer" und "Fuchs".

Auch die "Panzerhaubitze 2000" soll sich demnach zunächst auf der Liste befunden haben. Sämtliche schweren Waffen habe das Bundesverteidigungsministerium auf Anordnung des Kanzleramts von einer sogenannten Industrieliste deutscher Waffenschmieden gestrichen. Neue Waffensysteme dieser Art extra für die Ukraine zu produzieren, ist auch gar nicht möglich.

KMW-PUMA-02.jpg

Bis neue Panzertypen wie der "Puma" gebaut werden, können Jahre vergehen.

(Foto: KMW)

Der Apparat der Rüstungsindustrie ist zu komplex, um die Produktion einfach hochzufahren. "Das ist keine Fließbandarbeit wie in der Autoindustrie", sagte ein Sprecher von Krauss-Maffei Wegman (KMW) ntv.de. Die Produktion von militärischen Fahrzeugen sei eher wie ein Handwerk zu verstehen und stark von Zulieferern abhängig. Alleine der Schützenpanzer "Puma" habe rund 400 Zulieferer. Auf Halde können deutsche Rüstungsunternehmen nichts produzieren. Die Beschaffung von Materialien wie beispielsweise Panzerstahl erfolgt erst nach Auftrag. So sieht es das Kriegswaffenkontrollgesetz vor.

Entsprechend dauert es, bis die Produktion eines Waffensystems angelaufen ist. Während Rüstungsexperte Max Mutschler im Interview mit ntv.de bei der Produktionsdauer zwischen Wochen und Monaten pendelt, drehen sich die Zahnräder in Wirklichkeit noch langsamer. Bei Kettenfahrzeugen und Panzern belaufe sich die Dauer auf zwei bis drei Jahre, ab dann könnten vier bis sechs Fahrzeuge monatlich gefertigt werden, so der KMW-Sprecher.

Fehlt der Ukraine das Know-How?

Schneller ginge die Schulung beispielsweise beim "Leopard 1". Ein Panzer-Typ, den selbst die Bundeswehr seit fast zwanzig Jahren nicht mehr nutzt. Der deutsche Rüstungsbauer Rheinmetall betonte, dass ukrainische Soldaten innerhalb weniger Tage für den Panzer ausgebildet werden könnten. 50 Leopard-Panzer stünden laut Rheinmetall bereit, müssten aber instandgesetzt werden. "Der erste Leopard 1 könnte in sechs Wochen geliefert werden", sagte Vorstandschef Armin Papperger dem "Handelsblatt". Bis alle Panzer die Ukraine erreichen, könnten jedoch bis zu drei Monate vergehen.

Etwas moderner dagegen sind die zwölf Haubitzen vom Typ Caesar, die Frankreich liefern will. Die auf Lastwagen montierten Caesar-Geschütze mit einem Kaliber von 155 Millimeter können Ziele bis auf eine Entfernung von 40 Kilometern präzise treffen. Allerdings ist auch hier eine Schulung notwendig. Von Samstag an sollen 40 ukrainische Soldaten in Frankreich in der Bedienung der Haubitzen trainiert werden.

Es bleibt nur der Ringtausch

So bleibt vorwiegend der Ringtausch unter den einzelnen EU- und NATO-Staaten, um schnell Panzer und Artillerie in die Ukraine zu bekommen. Aus Slowenien sollen in der Sowjetunion entwickelten T-72-Kampfpanzer kommen, Deutschland stockt den slowenischen Bestand dafür mit den Schützenpanzern "Marder" sowie den Radpanzern "Fuchs" auf. Einen fast identischen Schritt will auch Großbritannien gehen. London prüfe die Möglichkeit, "Panzer nach Polen zu schicken", während Warschau seinerseits T-72-Panzer an Kiew liefere, sagte Premierminister Boris Johnson.

Mit den Waffenlieferungen der Verbündeten füllt die Ukraine so lediglich den eigenen Bestand auf. Einen technologischen Vorteil gibt es bei schweren Waffensystemen jedenfalls nicht. Im Donbass stehen sich vorwiegend die gleichen Panzermodelle gegenüber, denn die russische Armee operiert in der Ukraine ebenfalls noch mit Technologie aus den 1970er-Jahren.

(Dieser Artikel wurde am Samstag, 23. April 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen