Politik

Eindringliches Luftkrieg-SeminarSelenskyj bringt den Krieg nach München

14.02.2026, 15:47 Uhr UnbenanntVon Frauke Niemeyer, München
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Wolodymyr Selenskyj nutzte Bilder, Videos und Grafiken, um die schnelle technologische Revolution während des Krieges zu verdeutlichen. (Foto: picture alliance/dpa)

Vor den in München versammelten Staats- und Regierungschefs, Ministern, Diplomaten und Militärs ringt Wolodymyr Selenskyj um Aufmerksamkeit für sein Land. Eindrücklich erklärt er, wie dramatisch sich die Ukraine der russischen Angriffe erwehrt - und wie das Europa nützen könnte.

Kein Deja-Vu könnte bitterer sein: Der ukrainische Präsident ist aus einem Land im Kriegszustand nach München gereist, um vor den Staatenlenkern dieser Welt eine Rede zu halten. Das dritte Jahr in Folge steht Wolodymyr Selenskyj auf dieser Bühne, an einem Rednerpult. Die stehenden Ovationen des vollbesetzten Saals zur Begrüßung des Ukrainers, die vielen anderen Solidaritätsgesten - alles schon erlebt.

Auch der Programmleitung der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) war wohl im Vorfeld bewusst, dass nicht alles so laufen dürfte wie bisher. Im vierten Jahr der russischen Invasion in die Ukraine genau wie im dritten, wie im zweiten. Was aber tun? Flucht nach vorn.

Energiegeladen wirkt der Präsident, verglichen mit den beiden Vorjahren. Gerade 2025 war Selenskyj anzusehen gewesen, wieviel Kraft es ihn kostete, sich auf diese Bühne zu stellen. Zu den Vertretern all dieser Nationen zu sprechen, von deren Gutdünken das Überleben seines Landes abhing.

"Darlegen, was der Krieg bedeutet"

Jetzt ist 2026. Selenskyj dankt seinen wichtigsten Unterstützern, nennt stellvertretend einige beim Vornamen. "Mark, Ursula, Antonia, Roberta", zählt er auf und hebt dann Nato-Generalsekretär Mark Rutte nochmal gesondert hervor. Dessen Pearl-Programm liefert den Ukraine-Unterstützern immer genaue Angaben darüber, was die Verteidiger des Landes gerade am dringendsten benötigen. Simpel und effektiv, so wie man es braucht im Krieg.

"Vier Jahre eines vollumfänglichen Krieges", sagt Selenskyj. "Heute möchte ich Ihnen darlegen, was das wirklich bedeutet." Und dann nimmt der Ukrainer den ganzen Saal sowie die Zuschauer der Live-Übertragung mit in seine Heimat und zeigt es ihnen. Zeigt denen, die das höchstens mal von Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern aus dem Zweiten Weltkrieg gehört haben, was das heißt: Luftangriff. Und auch, was Luftangriff heißt im Jahr 2026.

Der große Bildschirm der MSC-Hauptbühne zeigt es, während Selenskyj auf der Bühne spricht. Dort laufen Videos ab, die sonst vor allem in Telegram-Kanälen kursieren. Militärblogger stellen das Material ins Netz, analysieren Niederlagen und Erfolge. Die Sequenzen zeigen Explosionen, Shahed-Drohnen in der Luft, Einschläge am Boden. Es sind Bilder aus der Ukraine aus diesen Tagen.

Knappe Abwehrraketen kommen direkt zum Einsatz

"Viele von Ihnen waren bereits in München, als diese Schläge stattfanden", erklärt Selenskyj zu den Videos. Russland habe 24 ballistische Raketen abgefeuert, eine Lenkwaffe und 219 Drohnen. "Stellen Sie sich vor: 219 Drohnen gegen unsere Städte, gegen Kiew, Odessa. Das ist nur ein Angriff. Das ist alles in einer Nacht passiert."

Aber die Europäer liefern ja. Gerade am Freitag hat der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius angekündigt, weitere fünf leistungsstarke Lenkflugkörper für Patriot-Raketen in die Ukraine schicken zu wollen, wenn von den europäischen Partnern weitere 30 dazukommen. Dass fünf Stück Munition eine Meldung sind, zeigt, wie sehr die Luftverteidigung zum Stückwerk geworden ist. Was es nicht zeigt: Wie sich das in Kiew anfühlt. Das zeigt Selenskyj.

"Mindestens einmal die Woche gibt es große Schläge", erläutert der Ukrainer. Auf der Leinwand zeichnet ein Video die Routen der Luftwaffen nach, die quer über das ukrainische Territorium gehen. Die Luftverteidigung habe von den Partnern gelieferte Abwehrraketen eingesetzt. "Sie erreichten uns am Sonntag, das ist die Wahrheit", sagt Selenskyj. Am Sonntag trafen sie ein, "und am Donnerstagabend haben diese Raketen unseren Luftraum schon geschützt". Aber eben nicht den ganzen Luftraum. Dafür reicht der Umfang der Lieferungen nicht aus. In keiner Nacht. Wie die Häuser aussehen, nachdem ein Marschflugkörper eingeschlagen ist? Selenskyjs Zuhörer müssen nur auf den Bildschirm hinter ihm schauen.

Technischer Wettlauf auf dem Schlachtfeld

1451 Tage Vollinvasion, "länger als jemals jemand hätte vorhersagen können". An jedem dieser Tage hat der Präsident ein Video im Internet gepostet: Kleine Erfolgsmeldungen, Dankesbotschaften an die Bevölkerung, Durchhalteparolen. "Ich möchte, dass Sie wirklich das wahre Ausmaß dieser Angriffe auf die Ukraine verstehen", sagt der Ukrainer in München und nimmt den Januar als Beispiel: 6000 Kampfdrohnen, mehr als 150 unterschiedliche Raketen, mehr als 5000 Gleitbomben. Eingesetzt von Russland gegen die Ukraine.

Russland nutzt viele ballistische Flugkörper und führt auch streitkräfteübergreifende Schläge aus. "Im Visier sind auch unsere Kraftwerke und andere Teile der kritischen Infrastruktur. Es gibt kein einziges Kraftwerk in der Ukraine, das noch nicht beschädigt wurde", sagt Selenskyj. Nicht eins.

Und was heißt Drohnenangriff im bald fünften Jahr des Krieges? Auch das will der Ukrainer in München erklären. "Während dieses Krieges haben sich Waffen weiterentwickelt und zwar schneller als politische Entscheidungen, die diese Waffen aufhalten sollten", sagt Selenskyj. Iranische Schahed waren anfangs noch "einfache Waffen, die man abschießen konnte". Jetzt hätten die Drohnen einen stärkeren Motor, könnten dank Jetantrieb in verschiedenen Höhen fliegen. "Die können gelenkt werden, auch in Echtzeit und mit Starlink ins Ziel fliegen." Starlink, das Satelliten-Interne von Elon Musk.

Der Mann, der aus Kiew nach München kam, hält im Bayerischen Hof so etwas wie ein Grundlagen-Seminar zur Kriegsführung. Es passt zur Geschichte der Sicherheitskonferenz. "Wehrkundetagung" hieß die MSC in ihren Anfängen in den 60er Jahren, vor sehr langer Zeit. Plötzlich ist diese Konkretheit des Krieges wieder da.

Ob sie verfängt? Ob sie den Anwesenden, die mit ihrer Hilfe oder ihrer Gleichgültigkeit das Schicksal der Ukraine bestimmen werden, im Gedächtnis bleiben wird und ihre Entscheidungen lenken? In der Ukraine vollzieht sich eine permanente technologische Revolution in der Kriegsführung und das angegriffene Land hält mit. Auch das eine Botschaft von Selenskyj: Wenn es euch nicht reicht, uns zu helfen, helft euch auch selbst, indem ihr mit der kampftüchtigsten, modernsten Armee Europas kooperiert und von uns lernt.

Selenksyj stellt klar: Es sind die Ukrainerinnen und Ukrainer, die die europäische Front halten. "Hinter unseren Menschen steht ein unabhängiges Polen, ein freies Baltikum, ein Moldawien und Rumänien ohne Diktatur." Viktor Orbán könne gerne weiter darüber nachdenken, "wie er dicker wird, anstatt seine Armee aufzubauen, um die russischen Panzer davon abzuhalten, auf die Straßen von Budapest zurückzukehren". Orbán, der die Ukraine zum Feind erklärt hat und daheim die letzten Reste Demokratie schleift, dem aber direkt nach seinem München-Besuch US-Außenminister Rubio die Ehre erweisen will.

Und noch etwas möchte Selenskyj klarstellen, denn an dieser Stelle sitzen nach seinem Empfinden viele Freunde der Ukraine einem Irrtum auf. Der Ukrainer zitiert die Amerikaner aus den Anfangszeiten des Krieges: Wiederholt hätten diese gesagt: "Uns gehört die Zeit, wir kontrollieren die Uhr." Washington habe geglaubt, mit der eigenen technologischen Überlegenheit Russland langsam weichklopfen zu können. Doch dann hat es Monate gedauert - um Himars-Raketenwerfersysteme zu liefern, "Monate für Panzer, Jahre für Kampfjets, jedes Mal", sagt Selenskyj. Aber der Krieg kontrolliere die Uhr. "Ihm gehört die Zeit und er nutzt sie gegen die Menschen."

Quelle: ntv.de

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