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Plagiate könnten Giffey stürzen Sicher kein Guttenberg - aber eine Schavan?

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Derzeit eine der Hoffnungsträgerinnen der SPD: Franziska Giffey.

(Foto: www.imago-images.de)

Endet die Karriere von Familienministerin Giffey mit einer Plagiatsaffäre? Sie wäre nicht die erste Politikerin, die über ihre Doktorarbeit stürzt. Sie wäre aber auch nicht die erste, bei der Plagiatsjäger falsch lägen.

Ausgerechnet die große Hoffnungsträgerin der SPD scheint immer tiefer in eine Affäre um mögliche Plagiate in ihrer Doktorarbeit zu rutschen. Im Februar wurde bekannt, dass die Dissertation von Familienministerin Franziska Giffey in den Fokus von Plagiatsjägern geraten war. Auf 49 von mehr als 200 Seiten Text, hieß es damals auf der Website "Vroniplag Wiki", seien problematische Stellen ausgemacht worden. Giffey reagierte schnell und bat ihre damalige Hochschule, die Freie Universität Berlin (FU), selbst darum, die Arbeit zu prüfen. Seither läuft an der Uni die Untersuchung, das Ergebnis ist noch völlig offen.

Die Plagiatsjäger indes haben ihre Untersuchung abgeschlossen. Demnach steht es nicht gut um Giffeys Abschlussarbeit. "Die Arbeit hätte so als Doktorarbeit nicht angenommen werden dürfen", sagte "Vroniplag"-Vertreter Gerhard Dannemann bei n-tv. Auf mehr als jeder dritten Seite, konkret auf 76 von 205 Seiten, sei Plagiatstext gefunden worden, heißt es in der Bewertung. Auf einer Seite ihrer Arbeit habe Giffey sogar mehr als drei Viertel aus fremden Texten übernommen. In der Dissertation seien Fußnoten zum Teil willkürlich gewählt worden. "Die Häufigkeit dieser Vorkommen begründet die Vermutung wissenschaftlichen Fehlverhaltens", schreibt "Vroniplag". Besonders brisant: Giffey hat mehrfach beteuert, nach "bestem Wissen und Gewissen" gearbeitet zu haben. In drei Passagen jedoch halten die Plagiatsjäger "bewusst irreführendes" Verhalten für plausibel.

Untersucht wurde die Arbeit maßgeblich von einem Rechercheur, der sich "Stratumludicum" nennt. Wie der "Spiegel" berichtet, war er bereits an der Aufarbeitung der Dissertation von Bundesbildungsministerin Annette Schavan beteiligt. Ihr wurde 2013 der Doktortitel aberkannt, sie trat zurück. Dunkle Vorzeichen also für Giffey? Die Affäre weckt Erinnerungen an Politiker-Karrieren, die aufgrund von frisierten Doktorarbeiten beendet wurden. Doch nicht immer lagen die Plagiatsjäger richtig.

Guttenberg täuschte absichtlich - Schavan auch?

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Karl-Theodor zu Guttenberg verlor Anfang 2011 wegen Plagiarismus seinen Ministerposten.

(Foto: dpa)

Der wohl spektakulärste Fall kostete Anfang 2011 Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Ministerposten. Plagiatsjäger-Projekte wie "Vroniplag" gab es damals noch nicht. Die Auffälligkeiten wurden zufällig entdeckt. Anschließend durchsuchten Journalisten, Wissenschaftler und Doktoranden die Arbeit und fanden immer mehr zweifelhafte Passagen. Ein anonym gebliebener Doktorand gründete schließlich die Plattform "GuttenPlag Wiki", um freiwilligen Rechercheuren eine koordinierte Suche zu ermöglichen.

Rasch zeigte sich, dass Guttenberg nahezu die komplette Einleitung der Arbeit kopiert hatte. Als Parlamentarier hatte er außerdem Gutachten beim Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages in Auftrag gegeben, ohne sie zu zitieren. Letztlich zeigte sich, dass Guttenberg in knapp 64 Prozent aller Zeilen seiner Arbeit unsauber gearbeitet hatte. Nur auf 22 der insgesamt 393 Seiten der Dissertation fanden die Rechercheure keine Plagiate. Seine Universität schloss sich der Einschätzung von "GuttenPlag Wiki" an: "Absichtlich, kontinuierlich und grob" habe Guttenberg getäuscht. Er verlor seinen Doktortitel und trat kurz darauf zurück.

Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan beteuerte stets, ihre bereits 1980 verfasste Doktorarbeit nach "bestem Wissen und Gewissen" angefertigt zu haben, als sie knapp ein Jahr danach mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert wurde. Ähnlich wie Giffey bat auch sie ihre Hochschule, die Universität Düsseldorf, die Vorwürfe zu prüfen. Der für das Gutachten beauftragte Judaist Stefan Rohrbacher attestierte der Arbeit schließlich "das charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise" und stellte eine "leitende Täuschungsabsicht" fest. Knapp 33 Jahre nachdem sie ihre Dissertation verfasst hatte, kassierte die Uni ihren Doktortitel und Schavan trat im Februar 2013 zurück.

Beide Affären lassen Rückschlüsse auf den aktuellen Fall zu. Zum einen ist Giffeys Dissertation nicht annähernd so stark von Plagiaten betroffen wie im Fall Guttenbergs, bei der übernommene Passagen die Regel, nicht die Ausnahme darstellten. Der Fall Schavan jedoch zeigt, dass nicht die bloße Menge der Plagiate entscheidend ist. "Vroniplag" kam bei der ehemaligen Bildungsministerin zu dem Schluss, dass rund 28 Prozent aller Seiten der Doktorarbeit Plagiate enthielten. Bei Giffey liegt dieser Anteil den Plagiatsjägern zufolge mit 37 Prozent deutlich höher. Der Gutachter von Schavans Arbeit, Rohrbach, konstatierte jedoch bei einer "signifikanten Mehrzahl von Befundstellen" eine "leitende Täuschungsabsicht. Zur Erinnerung: Als "plausibel" hält "Vroniplag" ein "bewusst irreführendes" Verhalten bei Giffeys Arbeit an nur drei Stellen der Arbeit.

Kein Karriereende trotz Plagiaten

Die Arbeit der Plagiatsjäger ist allerdings nicht unumstritten. Denn bei zwei weiteren ebenfalls prominenten Politikern unterschieden sich die Einschätzungen von "Vroniplag" von der letztlich entscheidenden Bewertung durch die zuständigen Hochschulen. 2013 geriet etwa die Dissertation des damaligen SPD-Fraktionschefs und heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in den Fokus. Auf knapp 24 Prozent der 395 Seiten umfassenden Arbeit dokumentierten die Rechercheure Auffälligkeiten. 24 Seiten bestehen demnach sogar zu 75 bis 100 Prozent aus Plagiaten. Die zuständige Universität Gießen konnte zwar "handwerkliche Schwächen" erkennen, jedoch kein Fehlverhalten. Die Hochschule lobte nach erneuter Durchsicht der Dissertation sogar deren "hohen wissenschaftlichen Wert".

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Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen geriet auch schon in den Fokus von "Stratumludicum".

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Rechercheur "Stratumludicum", der aktuell maßgeblich die Vorwürfe gegen Giffeys Arbeit gesammelt hat, war 2015 auch mit der 1990 verfassten Dissertation von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen beschäftigt. Das Ergebnis: 27 von 62 Seiten seien mit Plagiaten belastet, was einem Anteil von mehr als 43 Prozent des Seitenumfangs entspräche. Auf fünf Seiten, hieß es, betrage der Plagiatsanteil gar mehr als 75 Prozent. Auch die Medizinische Hochschule Hannover stellte in ihrer Untersuchung fest, dass die Arbeit fehlerhaft sei - sogar zu 20 Prozent. Schwere Fehler gebe es jedoch nur an drei Stellen, zudem konnten die Gutachter "kein durch Täuschungsabsicht geleitetes Fehlverhalten" feststellen.

Die bloße Quantität von Plagiaten allein ist natürlich nicht ausschlaggebend dafür, ob eine Hochschule einen Doktortitel aberkennt. Bei Von der Leyen etwa gab es viele Beanstandungen, der Hauptteil der Arbeit - der wissenschaftliche Kern - sei jedoch kaum betroffen, hieß es in der abschließenden Einschätzung im März 2016. Auch bei Giffeys Arbeit konzentrieren sich die von "Vroniplag" dokumentierten Plagiate größtenteils auf den einleitenden Teil der Arbeit, weniger auf den Hauptteil.

Als "gravierender als der von Schavan und weniger gravierend als bei Guttenberg" bezeichnet Peter Grottian den Fall Giffey in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung". Er lehrte bis 2007 am Otto-Suhr-Institut der FU, wo die Familienministerin promovierte, Politikwissenschaften. Er sagt jedoch auch, dass es im Fall Schavan eine Rüge "getan hätte". Problematisch ist Giffeys Arbeit aus seiner Sicht vor allem aus einem ganz anderen Grund: Sie beschäftigte sich seinerzeit mit der Beteiligung der Zivilgesellschaft an der EU-Politik am Beispiel Neuköllns. Damals, argumentiert Grottian, sei sie allerdings selbst Europabeauftragte des Bezirks gewesen. Sie habe damit über sich selbst geschrieben und die dafür ausreichende wissenschaftliche Distanz könne er in der Arbeit nicht erkennen.

Die Gutachter der FU werden sich auch mit diesem Aspekt beschäftigen müssen. Allein ihre Einschätzung ist für Giffeys Doktortitel ausschlaggebend. Wie lange die Untersuchung noch dauert, ist völlig unklar. Bei Ursula von der Leyen verstrichen vom Bekanntwerden der Vorwürfe bis zu ihrer Entlastung rund sechs Monate. Bei Annette Schavan vergingen von ersten Meldungen bis zur Aberkennung ihrer Doktorarbeit zehn Monate.

Quelle: n-tv.de

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