Politik

Sachsen-Anhalt-Talk bei ntvSiegmund spült AfD-Programm weich, Grüne im Attacke-Modus

02.09.2026, 21:10 Uhr imageVon Volker Petersen
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ntv Radio Brocken Debatte
Ungewohnt: AfD-Kandidat Ulrich Siegmund ganz links, Linken-Kandidatin Eva von Angern ganz rechts - in der Mitte: Ministerpräsident Sven Schulze, Claudia Wittig (BSW, 2. v. l.), Lydia Hüskens (FDP, 3. v. l.), Armin Willingmann (SPD, 3. v. r.), und Susan Sziborra-Seidlitz (Grüne, 2. v. r.). (Foto: Hendrik Schmidt / DPA)

In vier Tagen wählen die Menschen in Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Erstmals könnte die AfD eine absolute Mehrheit in einem deutschen Bundesland erreichen. Im Talk von ntv und Radio Brocken beschönigt Siegmund entscheidende AfD-Punkte.

Gleich zu Beginn bricht die Weltpolitik in das Fernsehstudio in Halle an der Saale hinein. Dort sitzen sieben Politiker und Politikerinnen, die mit Nikolaus Blome und Dorothee Oster über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt reden. Der Talk von ntv und Radio Brocken steigt mit dem mutmaßlich russischen Anschlag auf den Flughafen Leizpig/Halle ein, der nur 20 Autominuten entfernt liegt. Ein bundesweiter Schock-Moment.

Prompt geht es um den Ukraine-Krieg. "Wenn wir uns an fremden Konflikten beteiligen", schimpft Siegmund, kämen "diese Konflikte irgendwann zu uns". Und ist damit voll im AfD-Sprech. Ja, Russland habe den Krieg begonnen, aber der Krieg habe auch eine "Vorgeschichte". Er wolle Frieden und man müsse sich einfach mal an einen Tisch setzen und vernünftig miteinander reden.

Womit er die siebenköpfige Runde gleich in einen AfD-Stammtisch umfunktioniert. Die Grünen-Kandidatin Susan Sziborra-Seidlitz führt das Völkerrecht an, das gelten müsse. CDU und Grüne seien die größten Kriegstreiber, blafft Siegmund zurück und fährt der Quedlinburgerin immer wieder über den Mund, wenn sie es wagt, ihm zu widersprechen. Ministerpräsident Sven Schulze bringt die Perspektive des Bundeslandes ein. Wenn ein Flugzeug über Sachsen-Anhalt abgestürzt wäre, hätte es viele Tote geben können.

Siegmund tiefenentspannt

Ein fulminanter Start einer Talkrunde, in der es viel zu besprechen gibt. Und gleich auch so etwas wie der emotionale Höhepunkt, denn so emotional wird Siegmund später kaum noch. Vier Tage vor der Wahl kann Siegmund sich zurücklehnen, und das tut er auch. Die Hände meist entspannt gefaltet, den Blick leicht in die Ferne gerichtet folgt er teils mit müdem Blick den Fragen von ntv-Politikchef Blome und Radio-Brocken-Moderatorin Oster.

Soll er eine Frage beantworten, blickt er mitunter an Blome vorbei oder reckt das Kinn in die Höhe. "Wie soll ich denn mit Ihnen dieses Land stabil regieren?", fragt er einmal, als BSW-Kandidatin Claudia Wittig eine Art Bewerbungsrede für eine Zusammenarbeit gehalten hat.

In der Mitte der Runde sitzt Ministerpräsident Schulze, der weite Teile der Debatte an sich vorbeilaufen lässt. Müde wirkt der CDU-Politiker, der einem Desaster entgegenblickt. Seine Partei kommt in Umfragen nur auf gut 20 Prozent, die AfD ist außer Reichweite. Dafür verhält er sich überraschend defensiv.

Beim Thema Rente wacht er auf. Er hat vor wenigen Wochen die Bundespolitik aufgemischt. Er forderte die Rente nach 45 Beitragsjahren, einst als "Rente mit 63" eingeführt, doch beizubehalten und nicht abzuschaffen. "Ich habe leidlich Erfahrung sammeln müssen, wenn ich mich da als Ministerpräsident Sachsen-Anhalts anders einsetze als das manch einer in Berlin möchte, aber ich habe Rückgrat", verspricht er. Für solche Momente im Wahlkampf hatte er sich von der Rentenreform distanziert, die er zuvor noch begrüßt hatte.

Gefühlte Fakten oder Realität?

Das Thema beginnt mit einem Rentenmythos - eine Frau klagt in einem Einspieler darüber, die Rentner bekämen doch kaum mehr als Grundsicherungsempfänger. Siegmund steigt voll darauf ein, spricht von einer "Lebensrealität" in den Dörfern. Blome führt an, die durchschnittliche Rente nach 45 Beitragsjahren liege bei 1913 Euro, Grundsicherung aber nur bei 536 Euro. Ein starker Moment im Talk: Wie geht man mit diesen gefühlten Realitäten um? Und entlarvend für Siegmund - der stellt sie einfach als Fakten dar.

Das gilt auch bei der Wirtschaft und dem Sondervermögen. Im Landtag bezeichnete das die AfD einst als "Geld der Schande" - was Siegmund nun zurückweist. Es sei bei dem Zitat nur um energetische Sanierungen gegangen, behauptet er, was die anderen Kandidaten ihm allesamt nicht abkaufen.

Spannend wird es als es ums AfD-Kernthema Migration geht. Das Programm ist in einem rechtsradikalen Sound verfasst, da ist von "Kulturfremden" die Rede, die zur Gefahr für das Gesundheitssystem werden könnten. SPD-Kandidat Armin Willingmann führt 150 syrische Ärzte an, die in den Krankenhäusern des Landes arbeiteten. Siegmund beteuert, wer einen guten Job mache und sich an die Regeln halte, dürfe bleiben.

Linke offen für Zusammenarbeit

Sorgen machen muss er sich trotz solcher Unstimmigkeiten aber kaum. Bei 40 Prozent plus x steht die AfD in Umfragen zur Landtagswahl an diesem Sonntag, die absolute Mehrheit ist anvisiert, alles darunter wäre eine Enttäuschung für die Partei.

Stünden die Gäste der Talkrunde auf einer Waage, auf der einen Seite stünde Siegmund, auf der anderen und Ministerpräsident Sven Schulze von der CDU, Willingmann von der SPD, Sziborra-Seidlitz von den Grünen - und noch immer wäre Siegmund schwerer. Erst wenn sich noch die Linke Eva von Angern dazustellen würde, kippte die Waage. Und so hat die Sendung etwas von "Alle gegen einen."

Und so würde es nach der Wahl weitergehen - eine Koalition mit der Linken schließt Schulze einmal mehr aus, aber als deren Kandidatin nach einer Zusammenarbeit gefragt wird, fordert sie einigermaßen durch die Blume ein inhaltliches Entgegenkommen. Sodass ziemlich deutlich wird: CDU und Linke werden sich nach der Wahl irgendwie unterhalb einer Koalition verständigen.

Aber klar wird auch: Es geht nicht nur um Siegmund und Schulze, das sind auch noch andere. Und die werden weiter kämpfen. Am Sonntagabend kommt der Moment der Wahrheit.

Quelle: ntv.de

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