Politik

Clinton: "Ich habe ihn geliebt" So verabschieden sich Kohls Weggefährten

In Straßburg versammeln sich am Vormittag fast mehr ranghohe Politiker als bei einem G20-Gipfel. Was sie verbindet: Alle hatten einst mit Helmut Kohl zu tun. Einige erinnern in sehr persönlichen Worten an den verstorbenen Altkanzler.

Bei einem Trauerakt im EU-Parlament hat sich die politische Spitze aus Vergangenheit und Gegenwart vor Helmut Kohl verneigt, einem der bedeutendsten Staatsmänner des Kontinents. Neben Kanzlerin Angela Merkel nahmen unter anderen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew und der ehemalige US-Präsident Bill Clinton Abschied. Kohl war 16 Jahre lang Bundeskanzler und 25 Jahre lang CDU-Vorsitzender. Der "Ehrenbürger Europas" starb am 16. Juni im Alter von 87 Jahren.

n-tv berichtet live von den Trauerfeierlichkeiten

Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Helmut Kohl als großen Brückenbauer zwischen Ländern und Menschen. "Er war ein den Menschen zugewandter Weltpolitiker", sagte Merkel. Jetzt müssten die nächsten Generationen sein Vermächtnis bewahren. Das sei der engagierte, unermüdliche Einsatz für Frieden, Freiheit und Einheit. Merkel dankte Kohl auch ganz persönlich. "Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl, dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben. (...) Ich verneige mich vor Ihnen und Ihrem Angedenken in Dankbarkeit und Demut", sagte Merkel, die dabei ihren Blick auf den Sarg richtete und später Tränen in den Augen hatte.

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Kohl war der politische Ziehvater der heutigen Bundeskanzlerin.

(Foto: picture alliance / Sven Hoppe/dp)

Sie schilderte ihn als einen Mann der absoluten Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und unerschütterlichen Überzeugung. Und auch als einen Politiker, an dem sich viele Menschen gerieben haben und der Gegenargumente scharf abwehren konnte.

Merkel erinnerte auch an Kohls erste Ehefrau Hannelore, die sich 2001 das Leben genommen hat. "Wir gedenken auch ihrer in Dankbarkeit." Über Kohls Witwe Maike Kohl-Richter sagte Merkel, sie habe den Altkanzler "voller Hingebung und Liebe begleitet bis zuletzt". Ihr Mitgefühl gelte Maike Kohl-Richter und "allen, die in Helmut Kohls Familie um ihn trauen". Mit seinen Söhnen Peter und Walter hatte sich Kohl nicht mehr versöhnt.

EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani würdigte Mut und Tatkraft Kohls und nannte ihn einen "politischen Giganten". "Helmut Kohl war vor allem ein mutiger Mensch", sagte Tajani, der in Straßburg als erster Redner sprach. "Er war ein Kämpfer für die Freiheit und die Demokratie und einer der Protagonisten der Wiedervereinigung unseres Kontinents. Stets und überall verteidigte er die Würde des Menschen gegen Mauern, gegen eiserne Vorhänge und gegen totalitäre Regime."

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Mit den 16 Jahren seiner Kanzlerschaft habe er maßgeblich den Lauf der Geschichte beeinflusst, so Tajani. "Wir finden kein Kapitel der europäischen Integration, dem er nicht mutig seinen Stempel aufgedrückt hätte." Ihm selbst sei bei einer Begegnung 1994 klar geworden, "dass die Wiedervereinigung für Helmut Kohl nicht ein deutsches Europa, sondern vielmehr ein europäisches Deutschland bedeutete", berichtete der Italiener. "Gerade heute müssen wir dem Beispiel Helmut Kohls folgen, unsere Befürchtungen hinter uns lassen und uns für die Hoffnung entscheiden. Das ist es, was unsere Bürger von uns erwarten: den Mut, zusammenzustehen, den Mut zum Wandel", so Tajani.

Persönliche Worte von Juncker

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker verabschiedete sich mit sehr persönlichen Worten und tief bewegt vom Altkanzler. Kohl habe ihn als "treuer Freund" lange begleitet, sagte Juncker. "Mit Helmut Kohl verlässt uns ein Nachkriegsgigant." Juncker erinnerte an Kohls Rolle als Kanzler der deutschen Wiedervereinigung und beim Zusammenwachsen Europas. "Helmut Kohl war ein deutscher Patriot, aber auch ein europäischer Patriot", so der Luxemburger. Zwischen beidem habe es für ihn keinen Widerspruch gegeben. In "geduldigen Einzelgesprächen" habe er die Skepsis in manchen europäischen Ländern gegen die deutsche Einigung abgebaut. "Er hat die Gunst der Stunde richtig eingeschätzt und genutzt." Ohne Kohl hätte es auch den Euro nicht gegeben, so Juncker. "Für ihn war der Euro stets europäische Friedenspolitik mit anderen Mitteln."

EU-Ratspräsident Donald Tusk würdigte Helmut Kohl als Wegbereiter der europäischen Einigung im Westen und Osten des lange geteilten Kontinents. "Seine Vision ging weit über die deutschen Grenzen und die deutschen Interessen hinaus", sagte Tusk. Kohl habe sich zudem "große Verdienste beim Versöhnungswerk mit Polen" erworben. Der Deutsche habe "verstanden, dass die ersten, die der Berliner Mauer Risse beigebracht haben, die Werftarbeiter von Danzig waren", betonte der selbst aus Danzig stammende Pole Tusk mit Blick auf die Verdienste der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc für die demokratische Entwicklung Ost- und Mitteleuropas.

Kohl habe in den 80er Jahren auch in Osteuropa wichtige Verbündete gefunden für seine Politik - Lech Walesa, Tadeusz Mazowiecki, Vaclav Havel und auch den polnischen Papst Johannes Paul II. Aus Warschau wiederum seien "die ersten Worte in Europa der Unterstützung für die Vereinigung Deutschlands" gekommen. So seien Grundsteine für das heutige Europa gelegt worden. In diesem Zusammenhang verlangte der EU-Ratspräsident klare Botschaften der heutigen Politiker Europas: "Ein Ja für die Union, ein Ja für die Freiheit, ein Ja für die Menschenrechte", sagte Tusk.

Liebeserklärung von Clinton

Der frühere US-Präsident Bill Clinton machte dem Altkanzler sogar eine "Liebeserklärung". Kohl habe in seiner politischen Zeit ganz große Fragen gestellt bekommen mit Verzweigungen in die Gegenwart, und wegen seiner Antworten seien die Vertreter so vieler Länder bei dem Trauerakt, sagte Clinton im Europaparlament. "Ich habe ihn geliebt. Ich habe ihn sehr gemocht", sagte Clinton. Seine Frau Hillary habe einst zu ihm gesagt, dass er Kohl deswegen so sehr möge, weil dieser der einzige Mensch "mit einem größeren Appetit auf Essen" sei als er selbst, sagte Clinton.

"Ich liebe diesen Kerl, weil sein Appetit weit über das Essen hinausging", fuhr Clinton fort und zeigte auf den aufgebahrten Sarg des Altkanzlers. Kohl habe eine Welt gewollt, in der Zusammenarbeit als besser gilt als der Konflikt. "Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand niemanden dominiert." Zum Schluss sagte Clinton: "Du hast das gut gemacht in deinem Leben. Und wir, die wir dabei sein durften, lieben dich dafür."

Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew erinnerte an die engen Beziehungen Helmut Kohls zu seinem Land. Für den Altkanzler sei Russland Bestandteil eines vereinten Europas gewesen, sagte Medwedew, der als Privatperson sprach. "Für ihn war das ein Teil eines gemeinsamen Hauses, ohne Stacheldraht", sagte Medwedew laut Übersetzung aus dem Russischen. "Es war ein Traum von Frieden und Sicherheit für alle." Kohl sei eine "Person der Zukunft" gewesen. "Er ist auch der Architekt der gegenwärtigen Welt", so Medwedew.

Der französische Präsident Emmanuel Macron würdigte Helmut Kohl als großen Freund Frankreichs. "Helmut Kohl reichte uns die Hand", sagte Macron und erinnerte an die Annäherung beider Länder in den 1980er Jahren und die Nähe Kohls zum damaligen französischen Präsidenten François Mitterrand. "Für meine Generation ist Helmut Kohl schon Teil der europäischen Geschichte", sagte der 39-Jährige. Er bekräftigte in Straßburg auch erneut seinen Willen zur Zusammenarbeit mit Deutschland und mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Macron, der seine Rede auf Französisch hielt, sprach am Ende auch Deutsch: "Wir haben heute überhaupt keinen Anlass zur Resignation. Wir haben vielmehr Grund zu realistischem Optimismus."

Quelle: n-tv.de, nsc/dpa

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